Von Michael Pirron
Liebe geht durch den Magen - ein altes deutsches Sprichwort, das bei der Tierhaltung eine oft bedenkliche Bedeutung hat. Denn viele Hunde und Katzen sind zu dick. Um die Beurteilung des Ernährungszustands zu standardisieren, wurde von Tierernährungsspezialisten das ýBody Condition Scoring System" (BCS) entwickelt. Unter dem Begriff versteht man ein Neun-Punkte-System zur semiquantitativen Abschätzung des oberflächlichen Fettdepots - es geht also schlicht darum zu klären, ob das Tier zu dick ist. Dabei werden unter anderem der Übergang von Brust zu Bauchraum, das Taille-Hüftverhältnis und der Verlauf der Bauchlinie beurteilt.
Auch wenn man sich als Tierarzt mit dem Hinweis auf die Übergewichtigkeit des Patienten nicht immer bei dessen Besitzer beliebt macht, die Beurteilung und Beobachtung des Ernährungszustandes ist von großer Bedeutung, denn die Folgen der übermäßigen Körpermasse sind nicht zu unterschätzen. Eine Überschreitung des Idealgewichtes um zehn Prozent kann Erkrankungen wie Diabetes mellitus oder Bluthochdruck hervorrufen. Überschreitungen um 25 Prozent und mehr können zu Hautproblemen und Störungen des Immunsystemes führen. Jeder Grad von Übergewicht kann eine übermäßige Belastung des Kreislaufapparates und der Gelenke zur Folge haben und letztlich eine Verkürzung der Lebenserwartung.
Die Ursachen sind klar - das Tier frisst zu viel. Auch wenn es nach Angaben der Besitzer ýeigentlich ganz wenig frisst" oder wegen der erfolgten Kastration dick geworden sein soll - es nimmt einfach mehr Kalorien auf, als es verbraucht. Nach der Kastration hat ein Tier, besonders eine Hündin, einen reduzierten Energiebedarf. Dieser Tatsache sollte man direkt nach dem Eingriff durch eine Reduzierung der Futtermenge Rechnung tragen. Denn sonst wird das Tier dicker, es wird träger und wird noch dicker - ein Teufelskreis, den es ja nicht nur bei Tieren gibt.
Neben den offensichtlichen Gründen wie zu viel Futter ist ein weiterer Grund ein zu gehaltvolles Futter. Gerade die hochwertigen Futter sind oft zu kalorienreich. Als Tierhalter sollte man immer die Anweisungen der Futtermittel lesen und dort am unteren Bereich der Mengenangabe bleiben, denn gerade bei den Premiumfuttermitteln benötigt man deutlich weniger als angegeben.
Ist das Speckpolster erst einmal angefuttert, wird es schwer, wieder zurück zum Idealgewicht zu kommen. Mit einer starken Reduzierung der Futtermenge würde man natürlich sein Ziel erreichen. Oft halten die Tierbesitzer aber den bettelnden Blicken ihres Lieblings nicht stand. Eine moderate Reduzierung der Futtermenge sowie das Weglassen der Leckereien sollte der erste Schritt sein. Alternativ gibt es auch kalorienreduzierte Futtermittel, die das Abnehmen erleichtern sollen. Die im Zoogeschäft erhältlichen ýLight"-Futtermittel sind in der Regel nicht geeignet, das Gewicht nachhaltig zu reduzieren. Wirkungsvolle Diätfuttermittel erhält man nur beim Tierarzt. Neben der Verminderung der Kalorienzufuhr sollte man auch versuchen, einen erhöhten Kalorienverbrauch zu erreichen, das heißt: mehr Bewegung. Bei einem normalen Spaziergang verbraucht ein Hund wenig Kalorien, besser ist das Spiel mit Ball oder Stöckchen sowie das Herumtollen mit einem anderen Hund.
Es werden auch Medikamente für Hunde angeboten, die den Appetit zügeln. Der Einsatz dieser Produkte sollte der letzte Schritt sein und nur Teil eines integrierten Gewichtsmanagementprogrammes in Zusammenarbeit mit dem Tierarzt. Übergewicht ist kein Schönheitsfehler, sondern eine ernste Erkrankung.
Der Autor ist Tierarzt in Portals Nous, Tel.: 971-67 76 06, Notdienst-Tel.: 607-60 70 80.