Der sture Graf von Mallorca

Einen Esel zu besitzen, ist auf der Insel nichts Ungewöhnliches. Wenige aber haben sich so systematisch damit beschäftigt
wie der 60-jährige Jürgen Fock aus Cas Català. Bevor er sich für ein Tier entschieden hat, las er Doktorarbeiten und diverse Esel-Ratgeber. Jetzt muss das neue Hobby nur noch parieren

25-02-2010  
Meistens verstehen sie sich, aber der Esel kann auch anders.
Meistens verstehen sie sich, aber der Esel kann auch anders. Nele Bendgens

MARTIN ROLSHOVEN Fotografieren war ihm zu langweilig. Zeichnen auch. Auf der Suche nach einem neuen Hobby kam der 60-jährige Jürgen Fock aus Calvià auf den Esel – genauer gesagt, auf den mallorquinischen. Zwei Jahre hat der Schiffsingenieur nach dem Richtigen gesucht.

Er besuchte Eselparks und Eselfarmen, nahm an Eselseminaren teil und las einen Haufen Eselliteratur. Darunter Doktorarbeiten über Eselrassen und Sachbücher wie „Mit dem Esel auf dem Jakobsweg" oder „Die Bedeutung des Esels im ländlichen Südafrika".

Fock, der seit 20 Jahren auf Mallorca lebt, wollte alles über Esel erfahren, bevor er sich selbst einen kaufte. Er besuchte katalanische, französische und deutsche Eselspezialisten. Immer auf der Suche nach „seinem" Esel. Am Ende fand er ihn fast vor der eigenen Haustür, auf der Weide von Jaume Tomás, einem Züchter aus Banyalbufar.

Focks Esel sieht eigentlich aus wie alle Vertreter seiner Rasse: Sein Fell ist dunkelbraun, bis auf die kreisförmigen hellen Stellen um Bauch, Augen und Maul. Im Vergleich zu anderen Eseln, die er sich angeschaut hat, ist seiner eher dürr. „Besser als zu fett", sagt Fock. Warum ihm das Tier auf Anhieb so gefallen hat, weiß er nicht mehr. „Er sieht einfach gut aus. Es war halt Liebe auf den ersten Blick."

Außerdem war der Esel recht günstig. 400 Euro hat Fock vergangenen Dezember für ihn bezahlt. Große Zuchtbetriebe auf dem Festland verlangten im Durchschnitt 1.000 Euro, für Stuten bis zu 2.000 Euro. Sein neuer Besitzer spekuliert: „Vielleicht wollte sein Züchter ihn loswerden? Vielleicht stimmt mit ihm was nicht? Egal, denn bisher gab es keine Probleme."

Laut Zuchtbuch heißt sein Esel „Marquès d´es Molí", oder auf Deutsch, der „Graf von der Mühle". Das war dem gebürtigen Hamburger dann doch etwas zu hochtrabend für einen Esel. „Mir hat nicht mal jemand gesagt, welche Mühle gemeint ist." Er benannte den zwei Jahre alten Esel kurzerhand um. „Jetzt heißt er Paulo." Ein schlichter Name, ganz ohne adeligen Unterton.

Der ehemalige Graf gibt sich dennoch blaublütiger denn je und legt in letzter Zeit ungewohnte Starallüren an den Tag. „Er ist bockig und macht nicht immer, was ich ihm sage." Wenn Fock mit Paulo zum Beispiel an ein paar saftigen Grasbüscheln vorbeigeht und der Herr Graf Lust darauf hat, bleibt er manchmal einfach stehen und stampft auf die Erde. So lange, bis sein Herrchen einlenkt und ihn fressen lässt.

Vielleicht liegt es ja an seinem neuen Zuhause, dem Santa ­Ponsa Riding Club bei Calvià, denn dort ist er der einzige Esel. Um ihn herum nur Pferde, Hunde und ein paar Hühner. Da fühlt man sich schnell als etwas Besonderes. Vielleicht liegt es aber auch an der Sprachumstellung, denn sein neues Herrchen spricht nur Deutsch mit ihm. „Das fällt mir leichter. Außerdem hoffe ich, dass er dadurch später mehr auf mich fixiert ist." Vielleicht ist der reinrassige Mallorquiner damit ja anfangs ein wenig überfordert.

Jürgen Fock gibt sich selbstkritisch: „Vielleicht war ich anfangs nicht streng genug. Esel sind dickköpfig und clever, die versuchen erst mal alles." Das Herrchen müsse ihnen von Anfang an zeigen, wer der Chef ist. Schwäche zeigen, sei tabu. So weit die Theorie. In der Praxis ist Eselbesitzer Fock gelegentlich mit seinem Latein am Ende.

Für den Fall, dass Paulo gar nicht mehr auf ihn hört, hat sein Besitzer noch einen Stock. Geschlagen wurde der Esel damit bisher aber nur in Ausnahmefällen. In Zukunft soll es allerdings ausreichen, wenn Herrchen seinen Stock in die Luft hebt und Paulo damit droht. „Ich bin ja kein Tierquäler."

Seit vergangener Woche droht er ihm öfter, denn sein Blaublüter wurde kastriert und ist seitdem etwas durcheinander. Vor allem, wenn er an der Koppel mit den heißen Stuten vorbeigeführt wird. Dann reißt er sich auch mal von seinem Herrchen los. In diesem Fall nützen weder Drohgebärden noch Tiefenpsychologie.

Warum tut sich Jürgen Fock das alles an? Weil der mallorquinische Esel – wenn er nicht gerade erst seiner Männlichkeit beraubt wurde – eigentlich friedlich ist. „Die Tiere strahlen viel Ruhe aus, mehr als ein Pferd. Das tut mir gut, denn ich brauche etwas, was mich von meiner Arbeit ablenkt, mich runterholt. Paulo beruhigt mich, er ist ein tierischer tranquilizante."

Außerdem möchte Fock sein neues Hobby künftig mit einem alten verbinden und mit seinem Esel wandern gehen. Die Arbeitsteilung steht schon fest: Paulo wird Ausrüstung und Proviant tragen, sein Herrchen die Verantwortung. Bald kauft Jürgen Fock spezielle Korbumhänge. Bis dahin gewöhnt er das Tier mit dicken Decken und alten Satteltaschen an die künftige Herausforderung.

Paulo braucht aber keine Angst zu haben, dass er als Packesel endet. „Ich werde ihn immer gut behandeln. Er wird nur so viel tragen müssen, wie er möchte. Schließlich will ich mit ihm alt werden." Da hat sich der 60-Jährige viel vorgenommen. Mallorquinische Esel leben locker 40 Jahre.

In der Printausgabe vom 25. Februar (Nummer 512) lesen Sie außerdem:
- Schön hier: Die Säulen der Erde von Galdent
- Kindermenü: Kampftanz im Colegio
- Im Selbstversuch: Werkstatt zum Mitmachen
- Stickereien mit tausend Nadelstichen
- Wellness für alle Sinne: Palmas Happy-Hour-Spa
- Junges Blut in altem Gemäuer: Restaurant im Landgut Sa Torre
- Geräuchert, nicht geschüttelt: Goldmakrele als Marktlücke

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