Exotische Tiere auf der Insel: Lebensabend unter Palmen

Die Insel hat wieder zwei Elefanten – Grund genug, sich die Haltung der großen Exoten in den Zoos genauer anzuschauen

30.03.2014 | 09:46

Als Daisy die Stimme ihrer langjährigen Pflegerin Caroline Défossé hört, steckt sie sofort die Rüsselspitze aus einem der kleinen Belüftungslöcher ihres Spezialcontainers. Drei Tage hat die asiatische Elefanten­dame auf dem Laster verbracht, der sie und ihre dicke Freundin Dina aus dem französischen Zoo Maubeuge in den Safari Zoo nach Sa Coma transportierte. Am Freitag (14.3.) ist es endlich so weit: Die beiden Elefantinnen beziehen ihr neues Zuhause.

Ihre Ankunft wurde nicht von allen so freudig erwartet wie von Zoo-Direktor Henning Mentz: Viele Tierschützer empörten sich schon im Vorfeld, dass die in ihren Augen ungeeigneten Installationen nun erneut Elefanten beherbergen sollen. Auch der Anblick der großen Raubkatzen, die im Natura Parc in Santa Eugènia in ihren Gehegen vor sich hindämmern, lässt viele erschaudern. Gleiches gilt für die dritte Einrichtung Mallorcas, in der große exotische Tiere leben: In der Reserva Puig de Galatzó teilen sich drei Braunbären ein 900 Quadrat­meter großes Gehege.

In der Tat gibt es fröhlichere Anblicke als auf relativ kleinem Raum eingesperrte Tiere, die man in Fernsehreportagen durch die Wildnis sprinten sieht. Aber dafür kann man sie hier aus nächster Nähe betrachten – das ist eben das Prinzip eines Zoos. Für die gibt es, auch auf Mallorca, gesetzliche Vorschriften, die alle drei Einrichtungen erfüllen.

Wer die exotischen Großtiere besucht und sich mit den Verantwortlichen unterhält, der bekommt zumindest nicht den Eindruck, dass hier nur geldgierige Tierquäler ihr Unwesen treiben, wie Tierschützer gerne behaupten. Dass der Löwe lethargisch herumliegt, dafür hat Mariano Mas vom Natura Parc eine einfache Erklärung: „Raubkatzen verbringen 90 Prozent des Tages schlafend." Hinzu komme, dass die Löwen und das Panterweibchen, die aus Zirkussen und einem geschlossenen Zoo stammen, ein für ihre Verhältnisse biblisches Alter erreicht haben: „In freier Wildbahn werden Panter sieben bis zehn Jahre alt, unserer ist 20."

Auch die Elefantendamen Daisy und Dina gehören zum alten Eisen. Die zuständige Koordinationsstelle des Europäischen Erhaltungszuchtprogramms (EEP) mit Sitz in Rotterdam suchte für sie ein Zuhause für den Lebensabend – und wurde auf Mallorca fündig. Der Kritik der spanischen Tierschutzorganisationen Infozoos und Animanaturalis, der Transport diene nicht der Art­erhaltung, widerspricht Programmleiter Martin van Wees: „Der Zoo in Maubeuge suchte einen jungen Bullen für das Zuchtprogramm, deshalb brauchten wir ein neues Zuhause für die alten Kühe, die schon seit 30 Jahren zusammenleben. Die können wir ja nicht einfach einschläfern, weil sie sich nicht zur Zucht eignen." Eine Auswilderung der Tiere, die seit über 30 Jahren im Staatszirkus der DDR und in Zoos in Belgien und Frankreich gelebt haben, hält er für utopisch: „Die Tiere würden sich auf der Suche nach Nahrung den Dörfern nähern und dort Gefahr laufen, von den Bewohnern getötet zu werden."

Dass gerade deutsche Tierfreunde schon im Vorfeld der Elefantenankunft im Netz Alarm schlugen, scheint sogar dem Gründer der Facebook-Seite zu widerstreben, die im vergangenen Herbst eine Schließung des Safari Zoos forderte: Erich Schobesberger attestiert dem Safari Zoo Fortschritte in der Gesamt­situation und spricht in Bezug auf die Elefanten von „extrem hohen Standards, die eingehalten werden".

Die spanischen Tierschutzorganisationen hingegen werfen der balearischen Landesregierung vor, ihre Standards viel zu niedrig anzusetzen. Einer der beiden Amtstierärzte, die am Freitag in Sa Coma Papiere und Gesundheitszustand der gerade eingetroffenen Dickhäuter überprüfen, formuliert es diplomatisch: „Natürlich ist es immer schöner, wenn die Tiere mehr Platz haben." Doch sowohl der Safari Zoo als auch Natura Parc und die Reserva Puig de Galatzó hielten sich an die bestehenden Vorschriften – das überprüfe man immer wieder bei Kontrollbesuchen. Auch Anzeigen gehe man nach, doch die stammten „meistens von ausländischen Gästen, in deren Heimat­ländern die Zoos großzügiger angelegt sind. Aber diesbezüglich hat sich in den letzten Jahren ja auch hier viel getan."

Für die Betreiber der Parks, auch das darf nicht unerwähnt bleiben, ist eine Erweiterung der Gehege oft auch eine Kostenfrage. Als Marco Buades vor einigen Jahren vor der Wahl stand, die europäische Norm für Zoos und Aquarien zu erfüllen oder die Bären der Reserva abzugeben, tendierte er zunächst zu Letzterem. „Wir sind eigentlich kein Zoo, außer den Bären haben wir keine exotischen Exemplare." Doch da die drei Geschwister, die ein deutsches Ehepaar vor 17 Jahren als verwaiste Babybären aus einem Zirkus in Bulgarien rettete und an die Reserva vermittelte, nicht zu der in Spanien beheimateten Spezies des Iberischen Braunbärs gehörten, habe sie kein Park oder Zoo auf dem Festland haben wollen. „Am Ende beschlossen wir, die Norm umzusetzen und sie zu behalten" – neben der Einstellung eines Tierarztes gehörte dazu auch die Einrichtung einer Kranken- und Quarantänestation.

Über die verfügen alle drei Tierparks. Und meist ist dort viel los: Alte Tiere haben, ebenso wie alte Menschen, deutlich häufiger Wehwehchen. Die Panter-Oma beispielsweise, die Mariano Mas aus einem Zoo erhielt, der seine Pforten schloss, weil ihm eine Erfüllung der europäischen Standards zu teuer war, hat Tumore im Bauch. Die sind zwar gutartig, beeinträchtigen das Tier aber dennoch. Ein bisschen zerzaust sieht es aus, wie es da einsam auf der Plattform seines – immerhin schön grün bewachsenen – Geheges liegt. Wobei einsam schon wieder eine sehr menschliche Interpretation ist: „Außer den Löwen leben die großen Raubkatzen als Einzelgänger", sagt Mas, der in verschiedenen Zoos in ganz Europas gearbeitet und Erfahrungen gesammelt hat.

Was die viel kritisierte Haltung der Raubkatzen angeht, gibt ­Direktor Mentz vom Safari Zoo zu, selbst „nicht hundertprozentig glücklich" zu sein. Die Tierschau samt Dompteur hat er nach den Protesten der eher geschockten als amüsierten Besucher im letzten Jahr abgeschafft, auch in Sachen Unterbringung will er aktiv werden: „Wenn unser älteres Tigerpärchen irgendwann stirbt, werden dort keine neuen Tiere hineinkommen, sondern das Gehege zugunsten der anderen Raubkatzen erweitert werden." Zudem habe er die Gehege bepflanzen lassen – auch wenn die Bäumchen derzeit noch etwas kümmerlich aussehen.

Man merkt dem Safari Zoo an, dass er aus einer anderen Zeit stammt: Bei der Eröffnung im Jahr 1969 entsprachen die Einrichtungen den damals üblichen Größenverhältnissen, und kaum jemand störte sich an pflegeleicht-gekachelten Gehegen. Das ist heute anders: „Man muss auch an die Besucher denken – wenn die den Eindruck haben, es gehe nicht artgerecht zu, nutzt es nichts, dass wir alle gesetzlichen Auflagen erfüllen", so Mentz, dessen Vater den Zoo Ende der 80er Jahre von einem Deutschen übernommen hatte.

Zudem stehen die Verantwortlichen oft vor – zumindest nach außen – unpopulären Entscheidungen. Der Natura Parc, der sich bei der Gründung 1998 ausschließlich auf ­einheimische Arten konzentriert hatte und dessen Bestände mittlerweile zu 80 Prozent aus beschlagnahmten ­Tieren bestehen oder solchen, die aus Zoo- und Zirkusauflösungen stammen, bekam 2012 drei Zirkuslöwen aus Italien. Nur wenige Monate nach deren Ankunft musste Mas das alte Männchen einschläfern. „Er hatte Schmerzen bei jeder Bewegung, es ging einfach nicht mehr anders."

Dass Leben und Tod in den Zoos oft beieinander liegen, weiß auch Marco Buades. Auf den anonym vorgebrachten Vorwurf, die Bärin sei jedes Jahr schwanger und fresse den frischgeborenen Nachwuchs auf, erklärt er: „Eigentlich kamen die beiden Bären hier kastriert an, aber einer ist wegen Hodenhochstand nach wie vor zeugungsfähig." Am Anfang habe man sich über die trächtige Bärin und ihren Nachwuchs gefreut: „Bärenbabys wären eine tolle Attraktion gewesen."

Doch trotz intensiver Bemühungen des auf exotische Rassen spezialisierten Tierarztes Sergio Salmento, der die Neugeborenen zahlreiche Male aus dem Käfig geholt und mit Brutlampe und Fläschchen versucht habe, sie am Leben zu erhalten, hätte keines der Kleinen länger als 48 Stunden überlebt – ob es an der Inzucht oder an anderen Faktoren liege, wisse man nicht. Da eine erneute Operation des Männchens äußerst riskant sei, wolle man es nun mit Verhütungsmittel für die Bärendame versuchen.

Exotischer Nachwuchs ist derzeit auch im Natura Parc nicht in Sicht. Theoretisch könnte sich das dreijährige Tigerpärchen, das Mariano Mas mit der Flasche aufgezogen hat – eines kam als Waise in den Zoo, das andere war von der Mutter verstoßen worden – fortpflanzen, da die Tiere nicht verwandt sind. „Aber wenn sie gemeinsam aufwachsen, ziehen sie sich meist nicht als Sexual­partner in Betracht." Zwar sei es aus gesundheitlichen Gründen sinnvoll, dass eine Katzendame mindestens einmal im Leben trächtig ist und wirft, forcieren will er es aber auch nicht. „Wir konzentrieren uns auf die Zucht von vom Aussterben bedrohten Vogelarten."

In Sachen Zucht hatte auch Mentz bisher keinen Erfolg. Beim dafür angeschafften Giraffenpärchen verstarb das Männchen unerwartet, das schon seit Jahren im Zoo befindliche alte Männchen ist für die junge Kuh zu schwer – weshalb die beiden durch einen Zaun getrennt sind. Wenn man solche Umstände genau erkläre, so Mentz´ Erfahrung, zeigten sich viele Kritiker einsichtig. Er bemühe sich um Transparenz.

Dass dies auch in Bezug auf die Elefanten der Fall ist, bestätigt Martin van Wees vom europäischen Zuchtprogramm in Rotterdam. „Ich war Ende letzten Jahres auf Mallorca zu Besuch und habe mir die Installation angesehen", erzählt er. Seine Verbesserungsvorschläge seien zufriedenstellend umgesetzt worden, weshalb er den Transport genehmigt habe. Von nun an werde man dem Safari Zoo zweimal im Jahr einen Kontrollbesuch abstatten, um sich eigenhändig vom Zustand der Tiere und Anlagen zu überzeugen – und die Damen im Notfall sogar wieder mitnehmen. „Aber damit rechnen wir nicht."

Und auch Pflegerin Caroline Défossé, die beim Gedanken an den Abschied von ihren beiden Lieblingen wässrige Augen bekommt, ist mit der 2.000 Quadratmeter großen Anlage samt Wasserbecken und „Algenpool", auf dessen weichem Boden sich die Dickhäuter wälzen können, zufrieden. Sie bleibt noch eine Woche, um den Pflegern Tricks im Umgang mit der „diven­haften" Dina und der „cooleren" Daisy zu verraten und den Tiere die Eingewöhnung zu erleichtern. Wenn sie dann fährt, weiß sie: „Die beiden dürfen in der Sonne ihren Lebensabend genießen – und ich komme bestimmt jeden Sommer, um sie zu besuchen!"

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