Verirrte Jungdelfine: Orientierungslos am Strand

War eine Krankheit daran schuld, dass sich die Tiere ins seiche Küstenwasser in Port d'Alcúdia verirrten?

24.06.2014 | 10:42
Verirrte Jungdelfine: Orientierungslos am Strand
Ein Dutzend Delfine war am Samstagmorgen im 30 Zentimeter tiefen Wasser am Strand aufgetaucht
Ein Dutzend Delfine war am Samstagmorgen im 30 Zentimeter tiefen Wasser am Strand aufgetaucht

So mancher Urlauber steht früh um 6 Uhr auf und lässt sich mit einem Boot gegen teuer Geld hinausfahren, um vor der Küste Mallorcas Delfine zu beobachten. Falls sich denn überhaupt welche zeigen. Die Touristen in Port d´Alcúdia hingegen können die Meeressäuger seit Samstag (14.6.) aus nächster Nähe beobachten. Allerdings handelt es sich bei dem Dutzend Jungtiere nicht um Küsten-, sondern um Streifen­delfine (Stenella coeruleoalba), die auf hoher See zu Hause sind und in der Bucht im Nordosten der Insel eigentlich nichts verloren haben.

Bemerkt wurden die Delfine laut Polizei erstmals am frühen Samstagmorgen in der Nähe des Strandes, wo das Wasser gerade einmal 30 Zentimeter tief ist. „In so seichtem Gewässer funktioniert das Sonar der Tiere nicht mehr, sodass sie, zusätzlich gestört vom Lärm der Boote und Badegäste, vollkommen die Orientierung verlieren und in einen extreme Stresssituation geraten", erklärt Lluís Parpal, Leiter der balearischen Tierschutzorganisation Consorcio de Recuperación de Fauna de las Islas Baleares (Cofib), die umgehend von der Polizei verständigt wurde.

Zusammen mit Biologen vom Marineland und des Palma Aquariums leiteten die Cofib-Mitarbeiter eine Rettungsaktion ein – wobei für Exemplare jede Hilfe zu spät kam. Zwei Tiere starben, nachdem sie gestrandet waren, zwei weitere mussten wegen ihres kritischen Zustands eingeschläfert werden. Die restlichen Delfine, die sich in guter gesundheitlicher Verfassung befanden, wurden hingegen mit Plastikfolien und Booten bis hinter den Alcanada-Leuchtturm am Ende der Bucht gebracht und dort wieder im offenen Meer ausgesetzt. Da die Tiere allerdings sehr schnell davonschwammen, sei es schwer gewesen, genau zu beobachten, ob sie tatsächlich den Weg zurück in die Freiheit gefunden haben, sagt Parpal.

Offensichtlich schafften es nicht alle, denn bereits am Sonntag tauchten drei Jungdelfine abermals im Flachwasser auf. Am Montag (16.6.) hatten sich dann drei weitere Tiere ins Hafenbecken des Club Náutico von Port d´Alcúdia verirrt, wo sie zwischen zwei Bootsanlegestegen hilflos ihre Runden drehten. Da das Wasser dort nicht extrem seicht ist, habe man es dabei belassen, die Meeressäuger zu beobachten.Während zwei offenbar wieder ins offene Meer gelangten, starb einer der verirrten Delfine auf dem Weg nach Palma, wo ihm Proben entnommen werden sollte, berichtet der Cofib-Leiter. Außerdem wurde am Dienstag (17.6.) ein weiterer Delfin-Kadaver am Strand von Son Real aufgefunden.

Erklären kann sich das Phänomen, das es den Experten aus dem Marineland zufolge auf Mallorca in den vergangenen 30 Jahren nicht gegeben hat, bisher niemand so recht. Es komme manchmal vor, dass sich Delfine von ihrer Gruppe trennen, etwa weil sie krank sind oder die Bedingungen in ihrem natürlichen Lebensraum nicht in Ordnung sind, sagt Lluís Parpal. „Was in diesem konkreten Fall die Ursache war, wissen wir aber noch nicht."

Um das herauszufinden, ist bereits am Sonntag ein Team der Universität Las Palmas auf Gran Canaria – die als die renommiertesten Meeres­säugerforscher des Landes gelten – angereist. Zusammen mit den mallorquinischen Biologen haben sie Blutproben der Tiere entnommen, zudem werden die Kadaver der toten Delfine obduziert. Davon erhofft man sich Hinweise auf Krankheiten oder pathologische Orientierungsstörungen. „Bis wir die Resultate haben, wird es noch mindestens zehn Tage dauern, und selbst dann ist nicht sicher, dass sie aufschlussreiche Erkenntnisse liefern", vertröstet Parpal.

Txema Brotons von der mallorquinischen Meeressäugerschutzorganisation Tursiops kann bislang ebenfalls nur mutmaßen, warum die Streifendelfine in Alcúdia strandeten. Möglicherweise litten sie an einer im Mittelmeer verbreiteten Virus­erkrankung, doch dies könnten allein die Untersuchungsergebnisse zeigen. Dem Biologen zufolge tauchten die Meeressäuger nur selten in Küstennähe auf – und noch seltener auf Inseln als am Festland. „Es ist aber absolut nichts Außergewöhnliches und auch nicht besorgniserregend." Da es sich bei der Unterart Stenella coeruleoalba um eine Population handle, die im Mittelmeer reichlich vertreten sei, sei es aus ökologischer Sicht keine Katastrophe, wenn einige gestrandete Tiere verendeten. „Dass die ersten Leute schon behaupten, dass käme von der Erdölsuche, ist reinster Quatsch", sagt Brotons. Zumal die in balearischen Gewässern noch gar nicht begonnen habe. Ein Warnsignal sei die rätselhafte Erscheinung allenfalls, wenn man eine neue Viruserkrankung diagnostizieren würde. „Aber auch das können nur die Laboranalysen zeigen."

Bei Einheimischen und Urlaubern in Port d´Alcúdia hat das ungewohnte Spektakel in den vergangenen Tagen für großes Aufsehen gesorgt. Hunderte machten Fotos von den Delfinen und hielten die Rettungsaktion mit der Kamera fest. Eine Gefahr für Badegäste besteht Lluís Parpal zufolge nicht. Wichtig sei vielmehr, dass die Badenden die Tiere in Ruhe ließen. „Diese Delfine sind nicht an den Menschen gewöhnt."


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