Stierkämpfe auf Mallorca: Langer Abschied von der Tradition

Palma ist seit diesem Donnerstag eine "stierkampffreie Stadt". Die Veranstalter der nächsten "corrida" geben sich gelassen - noch können sie nicht wirklich belangt werden

04.08.2015 | 11:05
Hier kämpft Juan José Padilla 2014 in Muro.

Für viele ist dieser Donnerstag (30.7.) ein historischer Tag: Der Stadtrat von Palma hat die ­Balearen-Hauptstadt mit den Stimmen des nun regierenden Linksbündnisses aus Sozialisten, Més und Podemos zur stierkampffreien Stadt erklärt. In der Praxis bedeutet dies, dass die Kommune solche Spektakel weder finan­ziell noch sonstwie unterstützt und keine Genehmigungen für Stierkämpfe erteilt, die dafür nicht über eine permanent gültige Erlaubnis verfügen. Bürger, die etwas mit den corridas zu tun haben, sollen zudem in Zukunft von jeglichen offiziellen Ehrungen ausgeschlossen werden. So symbolisch wie Palma gingen in den vergangenen Monaten auch 19 andere Städte und Gemeinden auf der Insel vor, darunter Manacor, Son Servera, Lloseta oder Porreres.

Die Betonung liegt auf „symbolisch": Ein für kommenden Donnerstag (6.8., 22 Uhr, ab 30 Euro) geplanter Stierkampf im Coliseo Balear soll dennoch stattfinden. Palmas Stierkampfarena verfügt über eine permanent gültige Erlaubnis. Angekündigt sind drei der derzeit bekanntesten Toreros: Morante de la Puebla, José María Manzanares und ­Alejandro Talavante. „Die Stadt kann sich gerne zur stierkampffreien oder auch fußball- oder sonstwasfreien Zone erklären – das ist uns egal", sagt der Veranstalter Miguel Gomis der MZ. Er arbeitet für das Familienunternehmen Balañá, dem Besitzer der Arena.

„Tatsächlich können wir Stierkämpfe im Coliseo Balear nicht verbieten", muss auch die zuständige Stadträtin Neus Truyol (Més) einräumen. „Das kann nur die Landesregierung, und dafür muss erst ein entsprechendes Gesetz ausgearbeitet werden." Die Stadt könne die Arena-Betreiber allenfalls mit tierärztlichen und sicherheitstechnischen Inspektionen piesacken. Besonders Letzteres ist aus Sicht der Corrida-Gegner wohl vielversprechend: Der Zustand der Arena gilt als bedenklich, vieles ist hier baufällig. „Manche Freitreppen sind sogar einsturzgefährdet", warnt ein Sprecher des Denkmalschutzvereins Arca. Veranstalter Miguel Gomis wähnt hinter solchen Aussagen allerdings die lange Hand der Tierschützer. Mehrere Gutachten bewiesen, dass der Zustand der Stierkampfarena unbedenklich sei.

So müsste wohl doch ein gesetzliches Verbot her. Ob die von der Sozialistin Francina Armengol (PSOE) geführte Landesregierung das aber auch angeht, ist längst nicht ausgemacht. „Für die Kämpfe im Coliseo Balear oder in anderen Arenen sind allein die Kommunen zuständig", wehrt der Sprecher der Ministerpräsidentin auf ­MZ-Anfrage schon mal vorsorglich ab. Das Thema hat offenbar keine Priorität.

Dem Stierkampf ist auch über das Landestierschutzgesetz von 1992 nicht beizukommen: Dort werden nur jene Schaukämpfe mit Tieren untersagt, die auf eine weniger als 100 Jahre alte Tradition zurückblicken. Die corridas aber gibt es in Spanien schon seit Jahrhunderten.

Die Situation erinnert somit an die in Barcelona vor einigen Jahren. Die katalanische Hauptstadt erklärte sich bereits 2004 zum stierkampffreien Gebiet, ­corridas aber wurden weiterhin abgehalten. „Acht bis zehn Stück im Jahr", sagt Miguel Gomis. Endgültig verboten wurden sie erst 2012, als ein 2010 vom Landesparlament verabschiedetes Gesetz in Kraft trat. Mit 68 Ja- und 55 Nein-Stimmen waren damals katalonienweit die Stierkämpfe abgeschafft worden, wobei die Stimmen separatistischer Abgeordneter den Ausschlag gaben. Der damals in Katalonien regierende Sozialist José Montilla hatte wie mehr als 90 Prozent der Abgeordneten seiner Partei gegen das Verbot gestimmt.

Ein Urteil des Obersten Spanischen Gerichts über die Rechtmäßigkeit dieses Verbots steht noch aus. Die Richter werden dabei wohl auch in Betracht ziehen, dass die Madrider Regierung als Reaktion auf den katalanischen Vorstoß den Stierkampf 2013 zu einem schützenwerten „historischen und kulturellen Erbe aller Spanier" kürte und ihn als „künstlerische Darbietung" fern jeglicher Ideologie definierte. Gegengezeichnet wurde das Gesetz auch vom damaligen König und Stierkampffreund Juan Carlos.

Dennoch: Die Zeiten werden immer ungemütlicher für die ­aficionados, die Stierkampf-Begeisterten. „Gesetze werden in diesem Land nicht unbedingt befolgt, es gibt hier keine Rechtssicherheit", gibt Juan Nigorra, Pferdezüchter und Vorsitzender des Golfclubs von Santa Ponça, zu bedenken. Zudem sei die Stimmung zunehmend aggressiv, sagt auch Sergio Galdón, der einzige verbliebene Züchter von Kampfstieren auf den Balearen – er besitzt 120 Tiere auf einer Finca nordöstlich von Palma. „Wenn ich Linkspolitikern gegenüber argumentiere, dass auch andere Tiere geschlachtet werden, reden die gar nicht mehr weiter mit mir."

Und auch unter der Bevölkerung scheint die Stimmung umzuschlagen. Zu den Kundgebungen der Tierschützer finden sich zwar, wie etwa am Samstag (25.7.) vor dem Rathaus in Palma, selten mehr als ein paar hundert Menschen ein. Unterschriftensammlungen deuten aber auf einen größeren Rückhalt hin. So übergaben am Dienstag Aktivisten dem Parlament eine Liste mit über 130.000 Unterzeichnern einer Internet-Petition, um den Stierkampf auf Mallorca gesetzlich zu verbieten.

Veranstalter Miguel Gomis gibt sich tapfer: „Das ist eine Minderheit", sagt er, „da sind ganz viele Unterzeichner aus Holland und der Schweiz dabei. Die sollen erst einmal hier auf der Insel so viele Unterschriften zusammenkriegen, dann sehen wir weiter." Die Ticketverkäufe für die corrida am Donnerstag jedenfalls liefen gut.

Voll wird er seine Arena aber nicht kriegen, denn eines steht fest: Immer weniger Menschen auf Mallorca haben überhaupt Interesse an dem blutigen Spektakel. In den 70er Jahren gab es im Coliseo Balear noch 80 bis 90 corridas im Jahr, heute plant Gomis für Ende August nur noch einen weiteren Kampf. Dazu kommt eine Handvoll kleinerer Veranstaltungen in Alcúdia, Inca oder
Muro, und das war es auch schon.

Und wenn es doch zu einem Verbot kommen sollte? „Dann müssen sie uns erst einmal entschädigen, das wird teuer", sagt Miguel Gomis. In Barcelona übrigens ist die Plaza Las Arenas mittlerweile zu einem Einkaufszentrum umgestaltet worden.

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