Die Tigermücke: Beifahrer mit Stechrüssel

Das eingeschleppte Insekt breitet sich in immer mehr Gemeinden auf Mallorca aus. Dank des heißen und feuchten Wetters findet es zahlreiche Brutstätten – und reist als „blinder Passagier" im Auto mit

18.09.2015 | 10:04
Biologe Bengoa untersucht eine Kanalöffnung in der Gemeinde Marratxí auf Befall

Die 34 Fallen, die in der Gemeinde Marratxí aufgestellt wurden, sprechen eine deutliche Sprache: 2014 wurde damit zwischen Januar und Oktober 1.186 Exemplare der Tigermücke nachgewiesen. In diesem Jahr wurde diese Zahl bereits Ende August erreicht – obwohl das eingeschleppte Insekt eigentlich erst im regnerischen Herbst seine Hochzeit hat. „Die Population hat deutlich zugenommen", sagt Cristina Alonso, zuständige Gemeinderätin. Am stärksten betroffen seien die Siedlungen es Caulls und ses Cases Noves mit mehr als 350 potenziellen Brutplätzen.

Marratxí ist eine von 14 Gemeinden auf Mallorca, in denen die Tigermücke bislang nachgewiesen ist. Nachdem Forscher der Balearen-Universität das Insekt erstmals vor drei Jahren in der Gemeinde Bunyola auf der Insel entdeckt hatten, vermehrt es sich inzwischen vor allem in den Gemeinden im Süd- und Nord­westen der Insel und hält die kommunalen Behörden auf Trab.

Dass die Spezies Aedes albopictus aber längst auch in Inca oder Sineu angekommen ist, steht für Míkel Bengoa von der Schädlingsbekämpfungsfirma Moscard Tigre fest. „Wir haben auch schon Fotos von Tigermücken in Pollença und dem Raum Portocolom erhalten", so der Schädlingsbekämpfer, der beim Anruf der MZ gerade in der Gemeinde Andratx aufgestellte Fallen überprüft. Es sei eigentlich nur eine Frage der Zeit, bis die Tigermücke in alle Gemeinden Mallorcas vorgedrungen sei.


Prima Klima für die Mücke

Die klimatologischen Bedingungen für die Ausbreitung sind jedenfalls ideal: Der Herbst vergangenen Jahres fiel überdurchschnittlich heiß aus, ebenso wie der Juli dieses Jahres. Im August regnete es dann, und auch der September begann feucht bei schwülwarmem Klima. „Niederschläge im Zwei-Wochen-Rhythmus sind ideal für den Fortpflanzungsrhythmus der Tigermücke", meint Bengoa.

Auch die Frage, wie sich das aus Asien in Europa eingeschleppte Insekt ausbreitet, scheint geklärt. So gehen Forscher des spanischen Wissenschaftsrats (CSIC) davon aus, dass die Tigermücken, die eigentlich nur in einem Umkreis von rund 500 Metern von der Brutplatz leben, nicht nur als blinde Passagiere auf Frachtschiffen zwischen Kontinenten reisen, sondern auch zu Land im Pkw mitfahren.

Das würde auch erklären, warum sich das in Spanien erstmals im Jahr 2004 nachgewiesene Insekt entlang der A-7 an der Südküste ausgebreitet hat. Um ihre Theorie zu überprüfen, sind die Forscher dort nun bei Verkehrskontrollen der Guardia Civil zur Stelle: Während die Beamten die Fahrzeugpapiere checken, inspizieren die Biologen das Fahrzeuginnere mit einem Spezialstaubsauger auf Exemplare des ­eingeschleppten Insekts.

Auch auf Mallorca dürften die Verkehrsverbindungen eine Schlüsselrolle spielen. „Man hat das schon länger vermutet, wissenschaftlich überprüft wird es aber erst jetzt", so Schädlingsbekämpfer Bengoa. Bislang hat sich die Tigermücke vor allem im Großraum Palma ausgebreitet – und dürfte jetzt auch dank der Inca-Autobahn den Weg ins Inselinnere und an die Ostküste Mallorcas nehmen. Das balearische Gesundheits­ministerium hat seit Entdeckung des Insekts ein Sicherheitsprotokoll aktiviert, das die Meldung aller Sichtungen unter der Hotline 112 vorsieht.

Prävention: Was tun gegen die Tigermücke?

Auch wenn die Tigermücke Krankheiten wie Gelb-, ­Dengue- oder Chikungunyafieber überträgt, ist dieses Risiko auf Mallorca bislang sehr gering. Zwar wurden seit Beginn des Jahres auf den Balearen sechs Fälle von Chikungunya-Fieber registriert. Alle betroffenen Personen steckten sich jedoch laut Gesundheitsministerium nicht auf den Inseln, sondern im Ausland an. Um eine Krankheit auf Mallorca zu übertragen, müsste eine Tigermücke innerhalb einer knappen Woche – so lange ist das Virus im Blut des Insekts präsent –, zunächst eine erkrankte und anschließend eine gesunde Person stechen. Nichtsdestotrotz können die Stiche der Tickermücke schmerzhafte Entzündungen zur Folge haben.


Bakterium kontra Insekt

Die Informationskampagnen der balearischen Landesregierung und der Gemeinden zielen deswegen gleichermaßen auf Vorsichtsmaßnahmen wie auf die Beruhigung der Bevölkerung ab. Es wird gezählt, dokumentiert und aufgeklärt, aber auch mit Schädlings­bekämpfungsmitteln gearbeitet. In Marratxí etwa kommt gemahlener, mit dem Bacillus thuringiensis versehener Mais zum Einsatz. „Das ist eine ökologische Bekämpfungs-Methode und harmlos für die anderen Tiere und den Menschen", erklärt Gemeinderätin Alonso. Das Bakterium produziert Proteine, die sich an die Darmzellen der Tigermücke anheften und Poren in deren Membran erzeugen, wodurch die Darmzelle des Insekts letztendlich zerstört wird.

Die meisten von Tigermücken heimgesuchten Gemeinden der Insel haben die Firma Moscard Tigre beauftragt. Auf deren Website sind auch Mittel aufgeführt, die den Wirkstoff Diflubenzuron enthalten – ein aggressiveres Insektizid, dessen Einsatz Ende vergangenen Jahres bei der Bekämpfung der Prozessionsspinner-Plage auf Mallorca aus der Luft den Protest von Umweltschützern zur Folge gehabt hatte. Man wende aber in allen Gemeinden derzeit ausschließlich das biologische Mittel Bacillus thuringiensis gegen die Tigermücke an, versichert Bengoa.

Die Stadt Palma hat mit der Bekämpfung sämtlicher Plagen – derzeit wird neben der Tiger­mücke vor allem gegen Ratten vorgegangen – die Konzessionsfirma Lokímica beauftragt. Zwei Mitarbeiter sind seit Februar im ständigen Einsatz gegen die Stechmücke. So werden etwa alle rund 28.000 Abflüsse der städtischen Kanalisation mit einem biologischen Larvizid behandelt, wie es heißt. Besonders viele Exemplare wurden im westlichen Stadtbezirk, in den Vierteln Sant Agustí, Son Dameto und Son Dureta festgestellt. Nach Einschätzung der beauftragten Firma befinden sich aber rund drei Viertel der Brutstätten in Privat­häusern – weswegen die Mithilfe der Be­wohner unerlässlich sei.

In Marratxí unterdessen steht schon jetzt fest, dass die Maßnahmen ausgedehnt werden. Derzeit nehmen Mitarbeiter auch im Ortsteil Pòrtol Proben. Im kommenden Jahr soll dann im gesamten Gemeindegebiet gegen die Tigermücke mobil gemacht werden.

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