Kleinstlebewesen: Das große Krabbeln in Mallorcas Unterwelt

In Höhlen und im Erdreich der Insel tummeln sich rund 300 verschiedene Arten. Die lichtscheue Fauna war jetzt erstmals Thema einer internationalen Fachtagung in Sóller

07.10.2015 | 10:42
Garcia (li.) und Constantino mit überlebensgroßem Modell von Mallorcas Höhlenschabe

Es war an einem sonnigen Juli-Tag des Jahres 1904, als der rumänische Wissenschaftler Emil Racovitza in einer dunklen Ecke der Drachenhöhlen bei Porto Cristo auf den Typhlocirolana Moraguesi stieß. Und er muss verdammt gute Augen gehabt haben, um das nur wenige Millimeter große, farblose Schalentier im Schein einer Gaslaterne beim Krabbeln durch die Finsternis auszumachen. Die mallorquinische Mikro-Schabe, die später nach dem Namen des Höhlen­besitzers und Naturforschers Fernando Moragues benannt werden sollte, legte den Grundstein für die von Racovitza begründete Wissenschaft zur Erforschung von Lebewesen in Höhlen und dem Erdreich, der sogenannten Biospeläologie.

Höhlentiere wie der Typhlocirolana Moraguesi sind auch das Thema einer internationalen Fach­konferenz, die am Freitag (25.9.) in Mallorcas einzigem Museum für Naturwissenschaften in Sóller stattfand. Rund 25 Wissenschaftler aus Spanien, Nord- und Südamerika sowie Osteuropa waren eingeladen, um über das noch weitgehend unbekannte Leben von Höhlentieren und anderen im Erdreich wohnenden Kleinstlebewesen zu debattieren. „Auf den Balearen sind bisher etwa 300 Arten registriert", weiß Lluc Garcia, Journalist und Hobby-Bioespeläloge, der die Konferenz zusammen mit Museumsdirektorin Carol Constantino organisiert.

Höhlentier ist natürlich nicht gleich Höhlentier. In der modernen Biospelälogie unterscheidet man drei Gruppen – die trogloxene Fauna, die troglophile und die troglobionte Fauna. Bei Vertretern der ersten Art handelt es sich eigentlich um gar keine echten Höhlenbewohner, sondern vielmehr um Zufallsgäste, die entweder versehentlich in Höhlen geraten oder diese auf der Suche nach Nahrung und auf der Flucht vor Dürre oder Niederschlag aufsuchen. Als prominentester Vertreter dieser Spezies auf Mallorca gilt der Myotragus balearicus, die balearische Höhlenziege, die vor etwa 3.000 Jahren die Inseln bevölkerte und sich im Laufe der Zeit aus Angst vor jagenden Ur-Einwohnern vermehrt in Felshöhlen zurückzog. Allerdings erfolglos. Bereits 1.800 vor Christus wurde die balearische Unterwelt-Ziege offiziell für ausge­storben erklärt.

„Bei der Mehrheit der Höhlentiere auf den Balearen handelt es sich um sogenannte troglophile Arten, die tagsüber dem Sonnenlicht entfliehen, um nachts aus Felsspalten, Erdlöchern, Ritzen und Baumhöhlen zu krabbeln und auf der Erdoberfläche nach Nahrung zu suchen", erklärt Garcia. Zu ihnen gehören mehrere Insektenarten, Schalen­tiere und Spinnnen.

Rund 50 Arten sind dagegen echte Troglobianten, die, wie beispielsweise der Typhlocirolana Moraguesi, ausschließlich in der Unterwelt leben und sich hier auch in tiefster Finsternis fortpflanzen. Ihnen gemein ist in der Regel ein farbloser Körper sowie ein vollkommen verkümmertes Sehorgan. „Die Tiere orientieren sich ausschließlich anhand ihrer langen Fühler und reagieren dabei auf jegliche Art von Temperatur­änderungen", erklärt Garcia.

Der Wissenschaftler hat sich im Laufe der Jahre auf die Erforschung der sogenannten stygobionten Fauna konzentriert: Mikro-Organismen und Kleinstlebe­wesen, die fern jeglichen Sonnenlichts in unterirdischen Gewässern ihr Dasein fristen. „Die Mehrzahl dieser Lebewesen kann man nur unter dem Mikroskop aufspüren."

Fasziniert ist Garcia vor allem von ihrem hohen Alter. „Höhlentiere bewohnen die Erde seit über 30 Millionen Jahren. Wegen ihres von der Außenwelt weitgehend abgeschotteten Lebensraumes haben sie sich im Gegensatz zu anderen Tierarten nicht verändert. Eine tiefere Erforschung dieser Spezies könnte zahlreiche interessante Aufschlüsse über die Evolution aller Lebensformen auf dem Planeten ermöglichen", glaubt Garcia.

Dass die vierte Ausgabe der internationalen Biospeläologie-Konferenz (Encuentro Ibérico de Biología Subterránea) übrigens erstmals auf Mallorca stattfand, kam nicht von ungefähr. Neben der Tatsache, dass vor über 100 Jahren in den Drachenhöhlen bei Porto Cristo überhaupt erst der Grundstein für diese Wissenschaft gelegt wurde, gelten Mallorca und die restlichen Balearen-Inseln als echtes Eldorado – sowohl für Höhlentiere als auch für ihre Forscher in Europa. „Bisher ist nur ein Bruchteil von Höhlentieren bekannt, die hier existieren", glaubt Lluc Garcia. Doch die Forscher sind jetzt angetreten, um nach und nach Licht in diese dunkle, unbekannte Welt zu bringen.

Info

Das Museum für Naturwissenschaftten in Sóller bietet eine ganzjährige Ausstellung über die Biospelälogie auf den Balearen.

„Museo Balear Ciencies Naturals"
Carretera Palma-Port de Sóller, Kilometer 30
Geöffnet Mo-Sa von 10-18 Uhr
(ab November bis 14 Uhr)
Eintritt: 8 Euro
Tel.: 971-63 40 64
www.museucienciesnaturals.org

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