Die verschwundenen Mönchssittiche und der Mantel des Schweigens

Und plötzlich war es ruhig in Santa Ponça. Von einer Ausrottung der Vögel spricht man im Umweltministerium aber nur ungern

29.10.2015 | 17:34
Ein paar Sittiche sind in Santa Ponça noch da. Es waren mal wesentlich mehr

Im Frühjahr ist Andreas Meier erstmals aufgefallen, dass etwas nicht stimmte. Es war auf einmal so ruhig in dem kleinen Park am Strand von Santa Ponça. „Und plötzlich war mir klar, woran es lag: Die Sittiche waren nicht mehr da", erzählt der Deutsche, der einen Teil des Jahres in dem Ort im Südwesten Mallorcas verbringt. Dass die laut zwitschernde Kolonie der knallig grünen Mönchs­sittiche (Myiopsitta monachus), die in dem Kiefernwäldchen seit Jahren heimisch war, freiwillig das Feld geräumt hat, glaubt Meier allerdings kaum. Vielmehr mutmaßt er, dass die kleinen Papageien einem „brutalen Massaker" zum Opfer gefallen sind.

Doch im Rathaus der zuständigen Gemeinde Calvià stieß der deutsche Tierliebhaber auf eine „Mauer des Schweigens", wie er erzählt. Auch die MZ erhielt auf mehrmaliges Nachfragen im Rathaus keine Auskunft. Auch die Dame in der Touristeninformation in Santa Ponça, die direkt an das Kiefernwäldchen angrenzt, ist keine Hilfe. Ihrer Ansicht nach sei die Sittichkolonie nicht minimiert worden, derlei Maßnahmen seien ihr jedenfalls nicht bekannt, betont sie – verweist aber wiederum auf die Umweltabteilung der Gemeinde.

Kellnerin Elena dagegen, die seit vielen Jahren in der Strandbar ein paar Meter weiter arbeitet, berichtet von zahlreichen Gästen, die sich besorgt nach dem Verbleib der kleinen Papageien erkundigten. „Allerdings ist das Phänomen nicht neu, die Sittiche werden seit Jahren immer weniger", sagt Elena. Und die Tauben dafür immer mehr. „Die loros waren uns wesentlich lieber", meldet sich Elenas Chef aus dem Hintergrund zu Wort.

„Tolle Touristenattraktion"
Auch Familie Rahm, die regelmäßig nach Santa Ponça kommt, ist der Schwund bereits aufgefallen. „Früher konnte man in den Bäumen riesige Nester ausmachen, jetzt sieht man nur noch vereinzelte Vögel", stellt Barbara Rahm mit Bedauern fest, während sie versucht, eines der raren Exemplare vor ihre Kamera zu bekommen. Dass die Gemeinde absichtlich gegen die Sittiche vorgegangen ist, kann sich die deutsche Urlauberin allerdings nicht so recht vorstellen. „Das war doch eine tolle Touristen­attraktion. Wo sonst in Europa sieht man schon einen Papagei in freier Wildbahn?"

Zumindest bis vor einigen Jahren nirgends – und genau darin liegt das Problem. Denn bei den Mönchssittichen handelt es sich um eine ursprünglich aus Südamerika stammende Papageienart, die in europäischen Breitengraden nichts verloren hat. Über die Kanarischen Inseln haben die Sittiche aber längst auch das spanischen Festland und die Balearen erobert. Der spanischen Gesellschaft für Vogelkunde zufolge wächst die Population der sogenannten invasorischen Art spanienweit zwischen 9 und 15 Prozent pro Jahr. 2013 wurde deshalb verboten, Mönchssittiche zu halten, auszusetzen oder gar zu züchten. Im selben Atemzug wurden die Autonomieregionen von der Zentral­regierung in Madrid verpflichtet, die Populationen nicht-einheimischer Arten zu kontrollieren und deren Ausbreitung gegebenenfalls einzudämmen. Entsprechende Maßnahmen waren bereits zuvor immer wieder von den Gemeinden ergriffen worden – auch in Santa Ponça. In Artikel 10 des neuen Gesetzes ist unter den anzuwendenden Maßnahmen nun aber auch explizit von „Ausrottung" die Rede.

Dieses Wort allerdings nimmt Glòria Franquet, die Sprecherin des balearischen Umweltministeriums, nicht in den Mund. Ja, man sei auf Anordnung des Madrider Umweltministeriums gegen die Sittiche vorgegangen, sagt sie – und erklärt zunächst ausführlich die Gründe dafür: Ihre rasante Ausbreitung stelle erwiesenermaßen eine Gefahr für die einheimische Artenvielfalt dar – insbesondere auf einer Insel, wo der Lebensraum begrenzt sei und die Fauna deshalb umso schneller aus dem natürlichen Gleichgewicht gerate.

Maßnahmen im Morgengrauen
Dann erläutert Franquet, dass die Maßnahmen in Zusammenarbeit mit der Gemeinde Calvià und der örtlichen Polizei und im Morgengrauen erfolgten, um möglichst wenig Aufsehen bei der Bevölkerung zu erregen. Man habe die Vögel mit Ködern angelockt und anschließend eingefangen.

Und dann? Anwohnerinnen aus Santa Ponça glauben zu wissen, dass die kleinen Papageien in den Zoo des Natura Parc gebracht wurden. Doch dort heißt es lediglich, für Wildtiere sei das balearische Zentrum für Wildtier- und Artenschutz Cofib zuständig. Ein Mitarbeiter bestätigt zwar, dass man gelegentlich einzelne Mönchssittiche aufnehme, die entweder ausgesetzt oder von ihren Besitzern abgegeben wurden. „Die vermitteln wir dann weiter an Zoos oder ­Vogelparks." Ganze Kolonien, die im Auftrag des Umweltministeriums eingefangen wurden, seien ihm jedoch noch nicht untergekommen. „Das würde ja all unsere Kapazitäten sprengen."

Glòria Franquet aus dem Umweltministerium erklärt indes, dass einige der eingefangenen Tiere zu Lehrzwecken verwendet, andere in Zoos untergebracht würden. „Aber das ist doch logisch, dass wir das nicht mit allen machen können", windet sie sich. „Und wir hatten eine Genehmigung, damit das klar ist", geht die Ministeriums­sprecherin in die Defensive. Und überhaupt: In Australien würde man auf genau die gleiche Weise gegen solch invasorischen Arten vorgehen. „Dabei meinen immer alle, das wäre das Naturparadies schlechthin, wo keinem Tier was zu Leide getan wird."

Also liegt Andreas Meier mit seiner Vermutung richtig und den Sittichen wurde kurzerhand der Garaus gemacht? Glòria Franquet schweigt am anderen Ende der Leitung. Das Wort „getötet" bringt sie einfach nicht über die Lippen.

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