Wenn das die Fellnasen wüssten

Der Aufschrei eines Dorfbürgermeisters wegen eines verwahrlosten Tierheims bringt menschliche Abgründe ans Tageslicht: Die Tierfreunde sind sich spinnefeind

20.11.2015 | 18:46
Können diese Augen lügen? Wohl nicht – bei Frauchen oder Herrchen hingegen weiß man das nicht so genau.

Es war einmal ein beschaulicher Ort im Südosten Mallorcas. Engagierte deutsche Inselresidenten kümmerten sich in einem kleinen Tierheim liebevoll um herrenlose Hunde. Die dort abgegebenen Vierbeiner – die Tierschützer nennen sie gern Fellnasen – wurden gefüttert, aufgepäppelt, geimpft und im Idealfall an neue Herrchen oder Frauchen, oftmals in Deutschland, vermittelt. Viele Hunde konnten so im Laufe der Jahre vor der Einschläferung bewahrt werden.

Das Tierheim gehörte aber eigentlich der Gemeinde. Weil Gemeinden jedoch stets knapp bei Kasse sind und die Mallorquiner angeblich dazu neigen, mit Viechern kurzen Prozess zu machen, hat ein deutscher Tierschutzverein, dem die fleißigen Helfer angehören, bereits vor vielen Jahren ein Abkommen mit dem örtlichen Rathaus geschlossen und damit das Ruder in der perrera übernommen. Im Jahr 2011 war das Tierheim sogar im Fernsehen zu sehen, als die VOX-Sendung „Hundkatzemaus" elf Folgen lang deutsche Tierschützer auf Mallorca begleitete. Vor den Kameras engagierten sich damals auch der Sänger einer Schlager-Cover-Band, ein insolventer deutscher Schauspieler sowie ein inzwischen wieder schulden­freier Musiker und seine Ex-Frau in der perrera.

Danach wurde es jahrelang ruhig um das Tierheim – bis es im besagten Inseldorf nach den Kommunalwahlen im Mai zum Regierungswechsel kam und der neue Bürgermeister beschloss, mal bei den Tierschützern vorbeizuschauen. Die Folge dieses Besuchs vergangenen Monat war, dass der Rathauschef anordnete, die Einrichtung wegen ihres desolaten Zustands vorübergehend zu schließen und zu renovieren. Die Schuld schob er dabei ganz klar der konservativen PP-Vorgängerregierung in die Schuhe, die die perrera völlig vernachlässigt habe. Seit 2009 sei kein Geld mehr geflossen und die Arbeit vollständig Freiwilligen von Tierschutzorganisationen überlassen worden – die, zum Glück, so gut es ging und es die bescheidenen Mittel zuließen, für die Hunde sorgten.

Völlig anders interpretierten die Geschichte jedoch ein paar deutsche Inselresidenten: „Hier wurden Tiere missbraucht, um das eigene Leben zu finanzieren. Mafia", heißt es in einem Facebook-Kommentar zur Nachricht über die angebliche Tierheim-Schließung. Harter Tobak – doch eine andere Kommentatorin setzt noch einen drauf und schreibt: „Mafia ist ein Kindergarten im Vergleich zu gewissen Leuten." Zum Beweis verlinkt sie auf einen Artikel – allerdings wird darin nur noch mal in verschärfter Form über die PP hergezogen, die sich was schämen sollte, dass sie ein so tolles Projekt innerhalb weniger Jahre ins reinste Elend verwandelt habe. Vielleicht hätte die Dame mal beizeiten einen Spanischkurs besuchen sollen?

Einige Tage später erreicht die MZ eine E-Mail, in der weitere, heftige Vorwürfe ausgepackt werden, dazu die Bitte, dies unbedingt zu veröffentlichen, anonym natürlich. „Es ist leider schon länger bekannt, dass die Hunde in der perrera in Felanitx nur noch dahinvegetierten. Es gab kaum noch Futter für die Hunde, Tierarztrechnungen wurden nicht mehr bezahlt. Die sogenannten ehrenamtlichen Betreuer wurden von den Spendengeldern bezahlt", heißt es. In der Novemberausgabe eines deutschsprachigen Anzeigenblattes widmen sich schließlich auch die Autoren der dort erscheinenden „Tierschutzkolumne", der Sänger der Schlager-Cover-Band und sein Manager, dem kleinen Tierheim – in dem sie, wie ja 2011 auf VOX zu sehen war, früher selbst mitgeholfen haben. Unabhängig von der Vermittlung von 300 Hunden pro Jahr hätten sie sich damals immer wieder die Frage gestellt, wohin all die Spenden fließen, warum sie nie ausreichten, um vielleicht auch mal bauliche Erneuerungen am Tierheim vorzunehmen? „Lag es am Missmanagement, am Unwissen oder bediente sich jemand an den Geldern?", schreiben die beiden.

Wer soll dieser jemand sein? „Ich wollte keine konkrete Person an den Pranger stellen", sagt einer der beiden Kolumnisten auf Nachfrage. Der Beitrags sei vielmehr als Aufruf gedacht gewesen, dass die Menschen ihre Augen aufmachen sollen, wenn sie sich im Tierschutz engagieren oder spenden wollen. Außerdem gehe es in der Kolumne um die Vergangenheit, nicht um den aktuellen Vereinsvorstand. Die Zeilen „offenbar wollte man sich schon damals nicht genau in die Karten schauen lassen" – womit die Aufspaltung der Tierschützer in zwei Vereine begründet wird – vermitteln allerdings den Eindruck, dass seit jeher Geheimniskrämerei betrieben wird.

Inzwischen gibt es rund ums besagte Inseldorf vier Tierschutzvereine, mit nur drei verschiedenen Namen, wodurch Verwirrung vorprogrammiert ist. Zwei tragen ein e.V. als Zusatz, gelten also nach dem deutschen Recht als eingetragene Vereine – und können als solche, anders als spanische Vereine, Spenden­quittungen ausstellen. Dies würde auch ausnahmslos passieren, betont eine Dame, die einem als diejenige, die am besten über das Geschehen im Verein und dem von ihm betreuten Tierheim Bescheid weiß, für weitere Auskünfte empfohlen wird. Es handelt sich um die ehemalige Vorsitzende, die ihren Posten 2014 an ihren Gatten übergeben hat. Auch die Tochter gehört seitdem angeblich dem Vorstand an. Den Schwesterverein in Deutschland leiten ihre Eltern. Für die Gegenseite ist damit klar, Quittungen hin oder her, dass im Wesentlichen nur eine Familie Zugriff auf die Spenden hat.

Aber ist das anrüchig? Nein, findet die ehemalige Vorsitzende, die bereitwillig durch die perrera führt, die weiterhin in Betrieb ist und nach wie vor etwa 20 Hunde beherbergt. Das Tierheim ist im Übrigen auch nicht wesentlich heruntergekommener als andere Einrichtungen auf der Insel, und dass es so geschleckt aussieht wie in einem Vier-Sterne-Hotel hätte man auch nicht erwartet. Dennoch würden laufend Kosten für Futter, Putzmittel oder Medikamente anfallen, heißt es. Dazu müssten nach einer Vermittlung der Vierbeiner nach Deutschland Flugtickets und Transportboxen bezahlt werden. Das Spendenaufkommen hielte sich jedoch seit jeher in Grenzen, man bekäme in der Regel maximal zweistellige Eurobeträge, keine großen Summen.

Auch die Sendung auf VOX hätte daran leider nicht viel geändert, da die tierlieben Musiker –in der Berichterstattung rund um die TV-Serie den Eindruck erweckt hätten, das Tierheim sei saniert und in perfektem Zustand. In einer vereinsinternen Mail wird ein Zeitungsartikel von damals als „kapitaler Totalschaden" bezeichnet, dessen Aussage laute: Spendet nichts, in der perrera herrscht keine Not. Der Sänger trat daraufhin von seinem Amt im Vorstand zurück, das war 2011 – schlecht gemacht wird er im Verein aber heute noch, und zwar weit über sein Engagement im Tierheim hinaus. Was ist da vorgefallen? Warum sind sich die vermeintlichen Tierfreunde so spinnefeind?

Es ist von offene Rechnungen, Anfeindungen, von Hetzkampagnen und Verleumdung die Rede – als Journalistin fühlt man sich im besten Fall ratlos, im schlimmsten Fall von allen Seiten belogen. Als Deutscher möchte man sich für das Gebaren seiner Landsleute am liebsten in Grund und Boden schämen. Jeder droht jedem mit Klagen, es werden Strafanträge gestellt und Anwälte beschäftigt. Die einen rudern dann angeblich wieder zurück – und richten ihren Zorn nun gegen die wahre Schuldige: die Journalistin, die mit ihrem dummen Gefrage alles nur noch schlimmer gemacht habe. Die anderen verweisen immer wieder auf das Wohl der Tiere: Was die armen Fellnasen am wenigsten brauchen könnten, sei schließlich schlechte Presse.

Schade, dass die Vierbeiner diesen einen Satz aus der zitierten Kolumne nicht verstehen können: „Tierschutz ist immer schwierig, weil ihn Menschen machen", heißt es da. Es ist die einzige Aussage, an der nicht der geringste Zweifel besteht.

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