Kampfstierzucht auf Mallorca: Wo die Kolosse langsam heranreifen

Sergio Galdón ist der einzige verbliebene Züchter auf den Inseln. Bis zu 4.500 Euro bringt ihm ein fünfjähriges Tier

17.12.2015 | 09:14
Fotogalerie: der letzte Kampftierzüchter auf Mallorca

Um Stiere erfolgreich zu züchten, genügt es nicht, die Tiere wahllos auf eine Weide zu stellen, zu füttern und zu warten, bis sie groß und stark sind. Es geht diffiziler zu. „Weibchen und Männchen zusammenzulegen klappt nur, wenn sie noch sehr jung sind", sagt Sergio Galdón. Der letzte Züchter von Kampfstieren auf den Balearen steht nahe Son Ferriol östlich von Palma neben einem staubigen eingezäunten Areal mit Flughafen-Blick, in dem einige ein paar Monate junge becerros, wie Stier-Kälber heißen, gerade dem Herdentrieb folgend wie von Sinnen hin- und herrennen.

Geschlechtsreife, schon zwei- bis dreijährige Jungbullen – novillos – hat der 25-Jährige auf einem separaten Feld eingeschlossen. „Wenn ich hineingehe, greifen sie mich nicht an, weil sie mich kennen", sagt er. „Auch auf Unbekannte rennen sie nicht unbedingt los, denn sie attackieren nur dann, wenn sie nicht in der Herde sind und sich zugleich bedroht fühlen." Garantieren könne er aber freilich nichts. Neben den novillos befinden sich zwei weitere Areale, wo jeweils ein ausgewachsener fünfjähriger Bulle mehreren Weibchen und zum Teil nur einige Tage jungen Kälbern zugeordnet ist. „Lege ich zwei oder mehr große Bullen mit Weibchen zusammen, wäre das ein großer Fehler, denn sie werden garantiert aufeinander losgehen und sich verletzen." Dann könnten sie nicht mehr verkauft werden.

Acht Fincas, 36 Hektar

Sergio Galdón ist alles andere als zerknirscht, obwohl Stierkämpfe auf Mallorca nach dem Willen des regierenden Linksbündnis aus Sozialisten, Més und Podemos kommendes Jahr verboten werden könnten. „Das stört mich und meinen Vater nicht besonders, weil wir Corrida-­taugliche Stiere erstens seit jeher auch aufs spanische Festland liefern und zweitens auch noch andere Standbeine haben." Sergio und sein Vater Ángel, der nur noch am Rande den 1992 gegründeten, inzwischen 36 Hektar großen Betrieb „El Onsareño" managt, wirtschaften auch mit Rindern zur Fleischproduktion, 1.800 Schafen und etlichen Pferden. Die Tiere befinden sich über die ganze Insel verteilt auf acht Fincas unter anderem bei Campos, Sant Jordi, Puigpunyent, Son Ametler oder Sineu, wo die Galdóns vor einigen Jahren die Areale des vorletzten mallorquinischen Stierzüchters übernommen hatten.

Ein ausgewachsener toro kann den Galdóns 4.000 bis 4.500 Euro in die Kassen spülen, ein novillo – die Kämpfe mit Jungstieren und sonstige einschlägige Festivitäten in Dorfstraßen sind auf dem Festland ebenfalls sehr beliebt – bringt 2.500 bis 3.000 Euro. Stiere werden nur zwischen einem und sechs Jahren für corridas zugelassen. Sie können 15 Jahre alt werden.

Muttertiere, die vorwiegend dem Schlachthof zugeführt oder ebenfalls bei Straßenläufen eingesetzt werden, verkaufen die Galdóns für lediglich 600 bis 700 Euro. Wirft ein weibliches Tier besonders wertvolle Kälber, wird es solange am Leben gelassen, bis es eines natürlichen Todes stirbt. „Die können 22 bis 23 Jahre alt werden", weiß Sergio Galdón. Die Kälber werden wie Menschenbabys neun Monate ausgetragen und können („sonst würde das Züchten viel zu lange dauern") fast ohne Zeitverzug nach der Geburt wieder befruchtet werden.

Spezialfutter für die Edelstiere

Damit ein Stier besonders wertvoll wird, müssen die Züchter herausfinden, welcher Bulle mit welchem Weibchen besonders vielversprechende Jungtiere zeugt. „Das dauert in der Regel Jahre", weiß Sergio Galdón. Neben dem Fingerspitzengefühl bei der Zuchtoptimierung wirkt sich auch eine richtige Fütterung wertsteigernd aus: „Den normalen Muttertieren geben wir pro Tag zwei Kilogramm grünes Gras, grüne Alfalfa und Heu, das reicht völlig", sagt Vater Ángel Galdón. „Soll ein Tier zu einer fiesta, bekommt es ein zusätzliches Mastmittel und circa drei Kilo Mais, Früchte vom Johannisbrotbaum und Gerste."

Selbstredend lassen die Galdóns sämtliche ihrer etwa 100 Rinder zweimal pro Jahr impfen, weil das gesetzlich vorgeschrieben ist – gegen die Blauzungenkrankheit, BSE und Tuberkulose, Krankheiten, die es auf den Inseln momentan laut Sergio Galdón „gar nicht gibt". Einmal pro Jahr werden sämtlichen Tieren durch eine groß angelegte Impfaktion in extra dafür konstruierten engen Gängen zwischen Metallzäunen zudem Parasiten entfernt.

Ausgewachsene Stiere und novillos aus Mallorca kommen vor allem bei Kämpfen in der andalusischen Stadt Jaén und in Albacete in Kastilien-La Mancha zum Einsatz. In den vergangenen Jahren wurden auch corridas in Alcúdia regelmäßig mit den Stieren der Galdóns bestritten. In die erste Liga des Stierkampfes haben sie es bisher nicht geschafft, was sie aber nicht stört: „Wir backen eher kleinere Brötchen und sind bislang nicht in großen Arenen wie der Maestranza in Sevilla oder Las Ventas in Madrid vertreten", so Sergio Galdón.

Wenn Jung-Toreros üben

Als leidenschaftliche Anhänger des Stierkampfs geben die Züchter jungen Männern, die sich für das Torero-Handwerk begeistern, seit Jahren schon die Möglichkeit, in diese Welt hineinzufinden. Beim Besuch des MZ-Teams üben gerade die Brüder José und Dani Montenegro mit zwei Hörnern und einem capote (Umhang) auf einem unscheinbaren Geviert neben den Zuchtflächen, während daneben startende Flugzeuge dröhnen. Der erfahrene Ex-Torero Gabriel Nadal, der hier das einstöckige Gebäude neben den Zuchtflächen bewohnt, leitet sie an. „Wir bilden derzeit sieben bis acht chavales aus, zwei bis drei Jahre dauert es etwa, bis sie loslegen können", sagt er. „Es geht vor allem darum, sie mit den Tieren vertraut zu machen."

Wichtigster Teil der Ausbildung sind die sogenannten tentaderos – Übungskämpfe ohne Blut, aber mit rotem Tuch und auf Pferden sitzenden picadores. Dabei kommen in der Regel weibliche Tiere zum Einsatz, die ausdrücklich nicht für Stierkämpfe bestimmt sind, sondern alsbald zum Schlachthof kommen. Mit Kampfstieren lässt sich eine corrida nicht simulieren: Die Gefahr ist zu groß, dass die Tiere lernen, dass nicht das Tuch, sondern der Mensch die Ursache ihres Leidens ist.

Fotogalerie: die Stiere, die Arenen, der Protest

Auch bekannte Toreros vom Festland besuchen die Galdóns immer mal wieder. „Sie schauen sich Tiere an, die für corridas in Frage kommen, und machen ebenfalls tentaderos", sagt Sergio. Das Ganze ist für die Züchter kein ­zusätzliches Geschäft, weder Stierkämpfer noch Lehrlinge oder deren Eltern müssen dafür zahlen. „Wir machen das aus Liebe zum Stierkampf – und um Kontakte zu pflegen, die zu guten Geschäftsabschlüssen führen können."

Trotz der immer anschwellenden Ablehnung der Stierkämpfe auf den Inseln komme man über die Runden, sagt Sergio Galdón, wiewohl „wenig Geld" da sei. Weitere Verdienstmöglichkeiten bei der Tierhaltung würden deshalb in Erwägung gezogen. Sollten sich deutsche Fincabesitzer etwa mit Schafen eindecken wollen, stehe er für Geschäfte gern bereit (Tel.: 695-17 34 65). „Nur mit Eseln können wir leider nicht dienen, die züchten wir momentan nicht."

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