Gambas gibt's nicht

Von einem Tag auf den anderen sind die Roten Riesengarnelen aus den Fanggründen rund um die Insel verschwunden. Während Wissenschaftler über die Ursachen rätseln, bangen die Fischer um ihre Existenz

31.08.2016 | 14:34
Fotogalerie: Besuch auf dem Fischkutter
Fotogalerie: Fische vor Mallorca - was schwimmt denn da?
Fotogalerie: Frischer Fisch, direkt vom Boot

Acht Stunden harte Arbeit, etwa tausend Liter Diesel und gerade mal eineinhalb Kilo Rote Gambas im Netz – das ist im Moment die bittere Tagesbilanz von Fischer Jaume Enseñat aus Port de Sóller, der auf den Fang der delikaten Riesengarnelen spezialisiert ist. Normalerweise hole er an einem Tag 100 Kilo aus dem Wasser, bereits Anfang Juli sei die Ausbeute auf ein Zehntel dessen zurückgegangen, inzwischen tendiere sie gegen null, erzählt Enseñat.

Doch nicht nur die famose „Gamba de Sóller" scheint verschwunden. Auch die Fischer von Port d´Andratx, Alcúdia und Palma klagen über einen drastischen Rückgang der Roten Riesengarnele – das Meerestier namens Aristeus antennatus wird schließlich rund um die Insel gefangen, auch wenn die sollerics gleich der ganzen Art ihren Namen übergestülpt haben. Der Verband der balearischen Fischerzünfte bestätigte, dass sich die Rote Gamba derzeit in nahezu allen Fischgründen Mallorcas rar-mache.

Auf der Suche nach Erklärungen für das Phänomen kann Antoni Garau, der Generalsekretär des Verbands, nur Vermutungen anstellen. „Das Verhalten der Gamba ist kaum erforscht." Am wahrscheinlichsten scheint Garau die Theorie, die einen Temperaturwechsel im Meer für das Verschwinden der Riesengarnelen verantwortlich macht. „Dieses Jahr ist es sehr warm, und wenn sich das Wasser an der Meeresoberfläche erwärmt, sucht sich die Gamba tiefere Gewässer, wo es kälter ist", erklärt Garau. Da Mallorcas Schleppnetzfischer aber maximal in eine Tiefe von 900 Metern vordringen – bei 1.000 Metern liegt das gesetzliche Limit – würden ihnen die Meerestiere, die in Tiefen bis zu 3.000 Meter abtauchen können, nun durch die Lappen gehen.

Pep Mayol, den Vorsitzenden der Fischerzunft von Port de Sóller, überzeugt diese Theorie jedoch nicht. „In den vergangenen Jahren waren die Sommer viel heißer – und es gab Garnelen", sagt er. Dass die Rote Gamba plötzlich von Spaniens Küsten verschwindet, ist nicht neu. Fischer, auch am Festland, berichten sei Jahren von diesem Phänomen, und etwas Ähnliches hat sich in den vergangenen drei Jahren auf Menorca zugetragen, wo sich die Bestände derzeit wieder erholen. Ein Forscher­team aus Barcelona um Joan Company und Pere Puig, das dem spanischen Wissenschaftsrat CESIC angehört, kam bereits 2008 zu dem Schluss, dass das Verschwinden tatsächlich mit der Temperatur zusammenhänge – allerdings nicht mit der Hitze, sondern der Kälte.

Alle zehn Jahre etwa seien die Winter besonders kalt und windig. Das Mittelmeer verwandle sich dadurch in einen frostigen Pool, dessen Inhalt immer schwerer werde, bis das Wasser am Meeresgrund dem Gewicht nicht mehr standhalte und mit hoher Geschwindigkeit durch unterseeische Canyons entweiche. Sämtliche Gambas, die normalerweise in einer Tiefe von 500 bis 900 Meter gefischt werden, reiße das Wasser mit sich nach unten – wo die Tiere sich wie wild vermehren, sodass es drei Jahre später wieder Garnelen zuhauf gibt. Zu beobachten war das Phänomen zuletzt 2005 und 2006.

Ob diese Theorie auch den Gamba-Schwund rund um Mallorca erklärt, ist jedoch zweifelhaft, da es ja Hochsommer ist. Laut dem zuständigen Um-welt-, Landwirtschafts- und Fischereiminister Vicenç Vidal kommen auch noch andere Ursachen infrage: ein Kaltwasserzustrom aus dem Atlantik,ein kleines Erdbeben an der valencianischen Küste oder ein Aufstieg von Sedimenten. Licht ins Dunkel am Meeresgrund solle jetzt das Meeresforschungsinstitut IEO bringen.

Ein Grund immerhin scheint ausgeschlossen: Überfischung. „Die Gamba ist schon lange überfischt, aber in diesem Fall hat das nichts damit zu tun", so Vicenç Vidal gegenüber der Zeitung „El Mundo". Schließlich handele es sich nicht um einen langsamen Rückgang der Bestände, sondern um ein ­plötzliches Verschwinden, das sogar genau datiert werden könne: Am 8. Juli waren keine Gambas mehr da.

Wer das alles nicht so recht glauben mag, sind die Fischverkäufer. „Gambas sind zu dieser Jahreszeit immer knapp", sagt Mar Fiol, die einen Fischstand am Mercat de l´Olivar in Palma betreibt. Stolze 84 Euro verlangte Fiol vergangene Woche für ein Kilo der großen Exemplare, die etwas kleineren kosten nur halb so viel. Am Stand nebenan, bei Isabel und Manolo, liegen die Preise bei 79 und 39 Euro. „Das ist aber auch nicht viel mehr als sonst im Sommer", sagt eine Verkäuferin, während sich ihre Chefin über die übertriebenen Klagen der Fischer in der Lokalpresse echauffiert. „Die fischen gar nichts, gar nichts", sagt sie mit ironischem Unterton und zeigt über die prall gefüllte Auslage. Derlei Anspielungen will Fischer Pep Mayol nicht auf sich sitzen lassen. „Wer sagt denn, dass all diese Garnelen tatsächlich vor Mallorca gefischt wurden?", sagt er. Die Etikettierung erfolge schließlich nur kistenweise. „In der Kiste selbst können die dann zusammenmischen, was sie wollen."

Es ist wohl tatsächlich so: „Dieses Jahr stimmt irgendwas nicht, wir machen uns große Sorgen", sagt Pep Mayol. Um die Garnelen-Bestände, vor allem aber um die eigene Existenz. Schätzungen zufolge müssen die Schleppnetzfischer über den Sommer gerechnet Umsatzeinbußen von über 50 Prozent verkraften. 14 Kutter in Sóller und Andratx sind davon direkt betroffen. Minister Vicenç Vidal hat jetzt erst mal einen Strategieplan zum nachhaltigen Gambas-Management in Auftrag gegeben und ist bereit, über Hilfen für die betroffenen Fischer zu reden. /sts

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