Verirrte Meeresschildkröten

Der Klimawandel treibt die Tiere zur Eiablage verstärkt ins westliche Mittelmeer. Bei auffälligen Spuren am besten den Notruf 112 wählen

09.10.2016 | 08:17
Possierlich und urzeitlich zugleich: Meeresschildkröte.

Auf Ibiza waren sie schon, auch an Stränden bei Girona, Tarragona und Alicante. Es ist wohl nur eine Frage der Zeit, bis Schildkrötenweibchen auch auf Mallorca Eier ablegen. „Das hat mit dem Klimawandel und der Erwärmung des Meeres und des Sandes am Strand zu tun", erklärt Guillem Félix vom Palma Aqua­rium. Gemeinsam mit seinen Kollegen betreut er ein von der Landesregierung in Auftrag gegebenes Projekt namens Anida (Nisten), mit dem die Öffentlichkeit zu erhöhter Wachsamkeit aufgefordert werden soll.

„Wer eine Schildkröte am Strand beobachtet oder auch nur auf die typische Kriechspur stößt, soll sofort die Notrufnummer 112 anrufen", sagt Guillem Félix. Die Unechte Karettschildkröte (span. tortuga boba, lat. Caretta caretta) kann bis zu 120 Zentimeter lang und 110 Kilo schwer werden. Möglicherweise handelt es sich bei dem Strandbesucher aber auch um eine echte Karettschildkröte (span. tortuga carey, lat. Eretmochelys imbricata), die sich von der unechten durch einen dickeren Kopf mit mächtigeren Kiefern unterscheidet, etwas kleiner ist und sich bisher nur selten ins Mittelmeer verirrte.

Die Eiablage erfolgt meist abends oder nachts. Strandgänger sollten einen Abstand von mindestens 30 Metern einhalten, die Tiere aber im Auge behalten und sich nicht zu weit entfernen, bis die Meeresbiologen eintreffen. „Und die Tiere bitte auf keinen Fall mit Blitzlicht fotografieren", sagt Guillem Félix. Die Ablage dauert mehrere Stunden, die Schildkröte vergräbt dabei mit den Vorderflossen bis zu 150 oder auch mehr Eier im Sand – und das im Abstand von zwölf bis 23 Tagen gleich mehrfach. Nur die wenigsten geschlüpften Schildkröten überleben.

Dass die Schildkröten an den Stränden der Balearen Eier ablegen, ist über die Jahrhunderte immer wieder vorgekommen. „Aber das waren Einzelfälle, Ausnahmen, die die Regel bestätigten", so Guillem Félix. Die Regel, das war bislang: Die Schildkröten kriechen bis Ende Oktober immer dort an Land, wo sie geboren wurden: im östlichen Mittelmeer an Stränden der Küsten Griechenlands (etwa Zakynthos und Kefalonia),
Zyperns (Lara Bay) und der Süd-Türkei (nahe dem Ort Anamur). Oder aber auch an der Atlantikküste der Kapverden oder Floridas.

An vielen dieser Strände aber ist die Eiablage seit einiger Zeit rückläufig. Mehr noch: Dort schlüpfen oftmals zu viele Weibchen und zu wenig Männchen – wahrscheinlich, weil der Sand zu warm ist. „Wie das Tier erkennt, dass es kühlere Ecken aufsuchen muss, damit mehr Männchen geboren werden und die Art erhalten bleibt, wissen wir noch nicht", sagt der Experte vom Palma Aquarium. Fakt aber ist, dass die Karettschildkröten vermehrt in andere Gebiete schwimmen, um ihre Eier abzulegen. Dafür nehmen sie auch lange Reisen in Kauf – etwa von der Karibik bis ins Mittelmeer.

Für viel Aufsehen sorgte etwa vergangenes Jahr ein Exemplar, das Anfang Juni am Strand von Santa Eulària auf Ibiza mehrmals an Land kroch und dort direkt an der Strandpromenade anfing zu buddeln. Das etwa 40 bis 50 Jahre alte Tier – das an dieser Stelle nicht geboren sein kann, weil es dort früher gar keinen Sandstrand gab – kehrte jedoch immer wieder ins Meer zurück, ohne die Eier abgelegt zu haben. Der Sand war womöglich zu hart. Obwohl der Strand um das Tier schnell abgeriegelt und das entsprechende Einsatzprotokoll in Gang gesetzt wurde, tauchte danach ein Bild auf, auf dem ein Strandbesucher der Schildkröte zwei Plüschtiere auf den Schild setzte. So etwas soll sich nicht noch einmal wiederholen. Schon Monate vor dem Besuch auf Ibiza waren Schildkröten am spanischen Festland an Land gegangen. Die Forscher haben bislang sechs Ablagestellen an Stränden bei Alicante, Girona, Almería und Tarragona identifiziert.

Die Unechte Karettschildkröte war wegen ihrer Eier, ihres Fleisches und ihres Fettes bis zum Exzess gejagt worden und ist akut vom Aussterben bedroht. Sie steht unter dem Schutz des Washingtoner Artenschutzabkommens. Heute geht die größte Gefahr von Schleppnetzen aus, in denen sich die Tiere verfangen. Und von Plastiktüten, die die Schildkröten irrtümlich für Nahrung halten.

Auf ihre Lieblingsspeisen brauchen die gepanzerten Kreaturen im westlichen Mittelmeer nicht zu verzichten: Neben Kopffüßern, Seeigeln, kleinen Fischen und Krustentieren laben sich die Schildkröten an Quallen, die rund um die Balearen bekanntlich alles andere als dünn gesät sind.

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