Ana Payo: Das Herz auf der Zunge, das Eis im Blick

Die Möwen-Expertin kann dröge Sachverhalte witzig erklären. Auch das brachte ihr einen Antarktis-Trip ein

19.04.2017 | 02:30
Wissenschaft ist weiblich: Die für 2018 geplante Reise ist Forscherinnen wie Ana Payo vorbehalten.

Eine extrovertierte junge Frau steht im roten Kostüm auf der Bühne, das Publikum ist gespannt. Sie habe keinen Geschlechtsverkehr, sagt sie gleich zu Beginn. Weil sie nicht wolle. In Krisenzeiten sei das von Vorteil. Ana Payo Payo ist damit gleich bei ihrem Thema: Möwen im Allgemeinen und deren gedrosselter Fortpflanzungsdrang bei wenig vorhandener Nahrung im Besonderen. Dann erzählt sie die Geschichte ihrer beiden Lieblingsmöwen, Laura und Paco. „Ich weiß, vor Möwen ekelt man sich erst einmal, aber das ist wie mit hässlichen Menschen: Sobald man sie näher kennenlernt, ist es gar nicht mehr so schlimm."

Ana Payo ist keine Schauspielerin, sondern Umwelt- und Meeres­forscherin. Die inzwischen 30-Jährige beschäftigt sich am Institut für Meeresforschung der Balearen-Universität Imedea im Dörfchen Esporles mit der Auswirkung des Klimawandels auf zwei Möwenarten und schreibt gerade an ihrer Doktorarbeit. Ihr bei Youtube festgehaltener Auftritt stammt von 2014. Es ist ein sogenannter humoristischer Wissenschafts-­Monolog – eine in Spanien zunehmend populäre Darbietungsform. Bei einem internationalen, unter anderem vom Kulturinstitut British Council geförderten Wettbewerb mit dem klingenden Namen FameLab eroberte Ana Payo damals in Madrid Platz zwei. Der Poetry-Slam für Jung-Wissenschaftler wurde im zweiten Programm des staatlichen TV-Kanals TVE übertragen.


Big Van Theory

Seither sind drei Jahre vergangen, Ana Payo sitzt auf der Terrasse des Imedea. „Ich gehöre zu ­einer 2013 gegründeten 21-köpfigen Gruppe von Experten unterschiedlicher Disziplinen namens Big Van Theory, die in ganz Spanien in kleinen Theatern oder Schulen auftreten", sagt die Festlandspanierin. Schon als Mädchen habe sie den Drang verspürt, sich schauspielerisch vor Publikum zu zeigen. „Es geht uns darum, Wissenschaftssprache für normale Menschen zu übersetzen." Sogar Mathematiker und Physiker – die Könige der Komplexität – sind bei der Big Van Theory mit von der Partie.

Auch dank ihrer humoristischen Auftritte zog Ana Payo die Aufmerksamkeit zweier renommierter australischer Forscherinnen auf sich, die unter anderem mit Koryphäen wie der 83-jährigen britischen Primatenspezialistin Jane Goodall zusammenarbeiten. Das von ihnen geleitete „Homeward Bound Project" hat Ana Payo dazu auserwählt, im Februar 2018 mit anderen Nachwuchs-­Wissenschaftlerinnen aus aller Welt drei Wochen lang in der Antarktis zu forschen. Wobei das Hauptauswahlkriterium selbstredend Ana Payos wissenschaftliche Leistungen waren – nicht nur bei der Erforschung der Audouin- und Gelbfußmöwen. Diese Arten gibt es zwar in der Antarktis nicht, aber Ana Payo will dort die Auswirkungen des Klima­wandels auf andere Seevögel untersuchen. Angesichts der Eisschmelze droht deren Zahl dramatisch zu sinken.

„Die Australierinnen haben für diese Reise nur Frauen ausgewählt. Es geht darum, Wissenschaftlerinnen sichtbarer zu machen – und zu zeigen, was wir im Kampf gegen den Klimawandel leisten können", sagt Ana Payo. „68 Prozent der Europäer glauben, dass Frauen für die ­Wissenschaft weniger geeignet sind als Männer – das heißt aber auch, dass ich als Wissenschaftlerin ­weniger respektiert werde, als wenn ich ein Mann wäre." Auch das Erlernen von Führungsqualitäten steht bei der Homeward-Bound-Reise auf dem Programm.

Ana Payo ist langes Reisen gewohnt: Die aus Zamora in Kastilien stammende Frau hatte schon in Costa Rica, Südafrika, ­Cádiz oder Mexiko gelebt, bevor sie vor vier Jahren nach Mallorca zog.

Sponsoren gesucht

60 Prozent der Kosten des geplanten Antarktis-Aufenthalts der Möwen-Expertin steuern die Organisatoren bei, 40 Prozent muss Ana Payo allerdings selbst aufbringen. Das sind 20.000 US-Dollar, also etwa 18.500 Euro. „Ich versuche durch Medienauftritte gewerbliche Sponsoren zu finden", sagt Ana Payo. Angebissen hätten bereits die Filmproduktion Cinética und der Geschenkartikel-Hersteller Melicotó. „Auch private Spender wie die Künstler Diego Ingold und Xisco Alario habe ich schon gewinnen können."

Allerdings sind erst 2.000 Euro zusammengekommen. „Es fehlt noch jede Menge Geld." Und so bietet Ana Payo beispielsweise an, gegen Zuwendungen Logos von Firmen mit zur Antarktis zu nehmen, Patenschaften für Pinguine zu organisieren oder spezielle Videos für spezielle Kunden für die sozialen Netzwerke zu drehen. „Außerdem benötige ich noch zwei Rucksäcke, ein Fernglas, dicke Winterkleidung für die Antarktis und ein Flugticket von Palma über Buenos Aires in die südargentinische Stadt Ushuaia." Von dort starten die Schiffe zum fernen Eis-Kontinent.

Gut möglich also, dass Ana Payo bei ihren witzigen Auftritten noch eine Schippe drauflegen muss, um Geld hereinzubekommen. „Aber ich weiß ja, dass ich die Menschen begeistern kann."

www.anapayopayo.es

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