Aug´ in Aug´ mit dem Roten Thun

Jagdtrieb, Geschäft, Wissenschaft: unterwegs mit einem lizenzierten Hochseefischer vor dem Cap Formentor

12.06.2017 | 14:15
Thunfischangeln vor der Küste Alcudias

Nach einer Stunde sehen wir vom Boot aus zum ersten Mal das Funkeln an der Wasseroberfläche. Das Licht der Sonne bricht sich auf den silbernen Schuppen des Thunfisches mit der Schönheit eines Diamanten. Doch er will nicht von uns gesehen werden. Er will zurück in die schützende Dunkelheit, 100 Meter tief unter dem Schiffsbauch. Erneut spannt er die Muskeln seines torpedoförmigen Körpers und kämpft sich Meter um Meter zurück in die Tiefe. Doch die Sache hat einen fünf Zentimeter langen Haken, und der sitzt fest in seinem Maul.

Um kurz nach sieben Uhr am Donnerstagmorgen (25.5.) verlassen wir den Hafen von Alcúdia. Wir, dass sind Christoph (33) aus Dresden, David (43) aus Schweden, Benny (31) und seine Freundin Manuela (28) aus Bayern. Wir befinden uns an Bord der „Rodman", Kapitän Vinc Riera (42) steuert das 10,4 Meter lange und 260 PS starke Motorboot, das 22 Knoten (40 km/h) schafft.

Vinc und sein Bruder Toni Riera sind lizenzierte Hochsee-Fischer von Mallorca. Vor ein paar Tagen ist ihnen ein Rekordfang gelungen, wie sie sagen. Sie haben einen 348-Kilo-Thunfisch an Bord geholt, der größte, der je mit Rute und Rolle vor Mallorca gefangen worden sei. Bei dem Gewicht muss der Fisch mindestens zehn Jahre alt gewesen sein. Eine Seltenheit, denn die Bestände sind überfischt.

Eine bedrohte Art


Der Rote Thun steht auf der Liste der vom Aussterben bedrohten Arten der IUCN (Weltnaturschutzorganisation). Laut Studien gibt es im Mittelmeer und im Ostatlantik nur noch etwa sechs Prozent der ursprünglich vorhandenen Bestände. Im Mittelmeer und im Ostatlantik darf die Fischindustrie in der Zeit vom 26. Mai bis 24. Juni 13.451,4 Tonnen Thunfisch fangen.

Gut 4.500 Tonnen kommen davon aus dem Mittelmeer. Die Fangquoten kann man kaufen, auch als Sportfischer. Toni und Vinc Riera, wie auch alle anderen mallorquinischen Thunfischer, haben keine. Sie wollen den Fisch erklärtermaßen schützen. Darum ging der 348-Kilo-Thunfisch nach der Vermessung und dem Anbringen eines Markers für ein Marine-Institut mit Sitz in Florida wieder baden. So weit sind wir an Bord aber noch lange nicht Bevor die vier bis fünf ­Meter langen Angelrouten mit den ein Millimeter dicken Carbon-Vorfächern zum Einsatz kommen, werden Köderfische gefangen.

Makrelen haben kein Versteck

Per Echolot macht Vinc Riera Makrelen-Schwärme aus. Mit einem sogenannten „Paternoster-Sys­tem", das ist eine Angel, an dessen Vorfach bis zu sechs Haken hängen, werden die 20 Zentimeter langen Fische nach oben befördert. „Full House" (volles Haus) nennt Vinc es, wenn an jedem Haken eine Makrele zappelt. Dank des Echolots ist das fast immer der Fall. Angel rein, langsam bis zehn zählen, Angel wieder raus.

„Es ist ein Wunder, dass die Makrelen das so unbeschadet überstehen", sagt David aus Schweden, der im wahren Leben Hydrologe ist und nach Wasservorkommen forscht. Schließlich werden die Tiere aus gut 100 Metern Tiefe innerhalb von Sekunden nach oben gezogen. Bei nicht so robusten Fische quellen bei dem schnellen Druckverlust die Augen heraus.

Doch noch scheint es den Makrelen in ihrem Bassin an Bord ganz okay zu gehen. Gut, dass sie den Delfin nicht sehen, der seine Runden um unser Boot dreht. Der wurde wohl von der „Duftspur" angelockt, die eine kleine Maschine mit langsam laufendem ­Förderband legt, indem sie immer wieder kleine Fischteile ins Meer befördert. Kleiner Tipp: Wer den Geruch von Fisch nicht ausstehen kann, sollte vielleicht besser eine andere Bootstour buchen.


Viele bunte Flecken, das Echolot

Als das Bassin voll ist, steuert Vinc die „Rodman" mithilfe des Echolots an die Stelle, an der er den Thunfisch vermutet. „Man muss dabei die Strömung und die Tiefe immer im Auge behalten", sagt er. Auch der Wind spiele eine Rolle. Für einen Laien sieht das Echolot aus, als ob ein Regenbogen explodiert ist. Viele bunte ­Flecken auf schwarzem Grund. Doch Vinc weiß, die Zeichen zu deuten.

„Tuna on the screen" („Thunfisch auf dem Bildschirm"), brüllt er, und die Schicksalsstunde der ersten Makrele hat geschlagen. Ihr wird ein Angelhaken hinter dem Kopf oberhalb der Wirbelsäule durchs Fleisch gestochen. Dann wird sie ins Wasser geworfen, damit sie in 100 Metern Tiefe im Kreis schwimmt. Sushi, wie Thunfisch ihn mag. Eine gelbe Plastikflasche zeigt die Position der Makrele an.

In Deutschland verboten

„In Deutschland ist das Angeln mit lebenden Köder­fischen verboten", sagt Christoph. „Zu Recht." Es sei in Deutschland auch nicht erlaubt, einen Fisch nach dem Fangen wieder ins Wasser zu werfen. Darüber könne man geteilter Meinung sein, sagt Christoph, der von Beruf IT-Projektleiter ist. „Wenigstens dient hier das Fangen einem wissenschaftlichen Zweck." Wa­rum er überhaupt angelt? „Männlicher Jagdtrieb." Das Spannende an der Sache sei, dass man nie weiß, was für einen Fisch man aus dem
Wasser hole.

Eine gehörige Portion Jagdtrieb bringt auch Benny mit, er ist Falkner und verletzt eigentlich einen seiner Grundsätze. „Alles, was ich jage, wird auch irgendwie verwertet", sagt er. Selbst einen Kormoran habe er gegessen, den einer seiner Falken erlegt hat. „War ganz lecker." Auch er findet es gut, dass man die Thunfische markiere und wieder freilasse. „Aber der Mensch findet immer einen guten Grund für die Dinge, die er tut", sagt er. „Wenigstens hat die Sache so ein bisschen Sinn", sagt Manuela. Sie begleite ihren Freund, weil sie die Natur vom Boot aus genießen möchte. ­Thunfischangeln hält die Bilanzbuchhalterin für „total bekloppt".

Was die Wissenschaft davon hat

„Das Fangen und Markieren der Fische ist die einzige Art und Weise, wie wir Daten über das Verhalten der Tiere bekommen", sagt Debora Morrison, Leiterin des Artenschutzprogramms des Palma Aquariums. Das Aquarium bietet in Zusammenarbeit mit verschiedenen Universitäten Weiterbildungen an, um auf die Gefährdung des Roten Thuns aufmerksam zu machen.

Beim Markieren wird dem Thunfisch ein Sender unter die Haut gestochen, der Daten an einen Satelliten sendet, oder es wird eine Karte ausgefüllt und ein Plastikband mit einem Scan-Code am Fisch befestigt, das dann bei einem erneuten Fang Rückschlüsse erlaubt. „So erfahren wir, ob sich die Wander­routen ändern und wo sich die Schwärme aufhalten", sagt Debora Morrison. So könne man bestimmte Bereiche zu Schutzzonen erklären.

An Bord der „Rodman" sieht es zunächst nicht danach aus, als ob wir der Wissenschaft einen Gefallen erweisen können. Seit zwei Stunden liegen wir am Cap Formentor vor Anker, um uns herum liegen fünf weitere Boote in Lauerstellung. Konkurrenten von Vinc und seinem Bruder Toni. Wissenschaft hin oder her, Hochseeangeln ist ein Geschäft. Acht Stunden Vollcharter mit maximal vier Anglern und zwei Begleitpersonen kosten auf der „Rodman" 950 Euro. „Im Sommer liegen hier bis zu 20 Boote", sagt Miguel, ein Freund von Vinc, der ihm heute zur Hand geht. „Da muss man schon aufpassen, dass man sich nicht in die Quere kommt."

Endlich beißt einer an

Plötzlich brüllt Vinc „bite!" („Biss!"). Etwas Großes hat nach dem Köderfisch geschnappt, die Rolle an einer der Angeln surrt. Der Bootsmotor wird gestartet, der Anker wird gekappt und an der Boje liegen gelassen. Ein sogenannter „Kampfstuhl" kommt jetzt zum Einsatz, er ist nach allen Seiten beweglich, man kann die Füße abstützen und die Angel in einen Halter stecken. Vinc jubelt, David setzt sich in den Stuhl. Mit einem kleinen Rad an der Rolle justiert Vinc, wie stark die Angelschnur ablaufen kann. David hievt die Rute immer wieder nach hinten, holt dann mit der Rolle schnell ein paar Meter Leine ein, die der Fisch dann wieder abspult. Drillen nennt man das. Der Fisch soll müde gemacht werden.

Dieser scheint putzmunter zu sein. Nach und nach wechseln sich David, Christoph und Benny auf dem Stuhl ab. Nach kurzer Zeit tun die Arme weh. Doch die Aufregung lässt den Schmerz vergessen. „Solange der Fisch im kalten Wasser ist, wird er kämpfen", sagt Miguel, der das Steuer übernommen hat. Seine Aufgabe ist es, dafür zu sorgen, dass der Fisch nicht unter das Boot taucht und sich an den Schrauben verletzt. Manuela filmt, wie ihr Freund Benny mit dem Fisch ringt. „Schön, dass er Spaß hat, aber nachvollziehen kann ich das nicht", sagt sie.

Nach etwa einer Stunde ist der große Moment gekommen, der Thunfisch taucht am Heck auf und bekommt ein Seil um die Hinterflosse gelegt. Mit großen Augen starrt er uns an. Vinc legt ein Maßband an, „60 Kilo", ruft er. Das Gewicht wird anhand der Größe berechnet. An Bord holen will er den Fisch nicht, er sei voller Eier. „In ein paar Tagen wird er laichen", sagt Vinc. Er markiert ihn, dann kommt das Tier vom Haken. Funkelnd verschwindet der Thun in der Tiefe. Ist er okay? „Ja, es geht ihm gut", sagt Vinc. Vielleicht sei er ein bisschen müde, davon werde er sich schnell erholen.


Wie ist das für den Thunfisch?

„Natürlich ist das für den Fisch großer Stress", schätzt Debora Morrison die Situation ein. „Er hatte einen großen
Haken im Maul und wurde gegen seinen Willen an die Oberfläche gezogen. Man soll menschliche Gefühle nicht auf Tiere übertragen, aber der Fisch wird danach bestimmt nicht derselbe sein."

David, Christoph und Benny werden morgen Muskelkater haben. Der größte jemals gefangene Thunfisch hatte ein Gewicht von 684 Kilogramm. Kaum vorstellbar, den an Bord zu holen. Obwohl, probieren würden sie es schon.

Kontakt zu den Thunfischern: Tel.: 670-26 96 26, www.fishingmallorca.com

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