Die großen Wale vor Mallorca brauchen Schutz

Die spanische Mittelmeerküste soll zu einem Walkorridor werden. Auch vor den Balearen leben viele Meeressäuger

29.09.2017 | 16:56
Der Pottwal heißt so, weil seine Kopfform an die eines Topfes (niederdeutsch: Pott) erinnert.

Es mag manch einen überraschen, aber rund um die Balearen-Inseln Mallorca, Menorca, Ibiza und Formentera sind geschätzte 400 Pottwale zu Hause und bekommen hier sogar ihre Jungen. Cachalotes (Pottwale) erreichen eine Körperlänge von mehr als 20 Meter. Sie sind die größten Raubtiere der Erde. Ihr Leben spielt sich in schwindelerregenden Tiefen ab. Sie machen vor allem Jagd auf Tintenfische, auch Riesenkalamare stehen auf ihrem Speiseplan. Für die Jagd tauchen die Meeresriesen bis zu einen Kilometer tief. Im gesamten westlichen Mittelmeer sind so viele Meeressäuger unterwegs, weil das Meer hier weniger überfischt ist als der östliche Teil.

Trotz ihrer Robustheit brauchen Pottwale Schutz. Sie stehen auf der Roten Liste der gefährdeten Tiere. Wie alle Meeressäuger ­leiden sie unter Plastikverschmutzung der Meere, Unterwasserlärm durch Schiffsmotoren, Militär­manöver und Erdöl- oder Erdgasbohrungen sowie unter der Über­fischung ­ihrer Nahrung.

Eine internationale ­Initiative bemüht sich jetzt darum, die spanische Mittelmeerküste zu einem Walkorridor zu erklären. Der Begriff heißt technisch „Specially Protected Area of Mediterranean Importance" (SPAMI). Die Grundsätze wurden bereits in der Konvention von Barcelona zum Schutz mediterraner Küsten 1995 definiert und sind von 16 Anrainerländern unterzeichnet worden. Im Fall Spaniens soll das Schutzgebiet von Valencia bis zur Grenze zu Frankreich, also auch zwischen den Balearen und der spanischen Festlandküste verlaufen.

Anfang September haben Umweltschutzorganisationen wie OceanCare mit Sitz in der Schweiz oder Alianza Mar Balva von den Balearen der Leiterin der Abteilung für Küstenschutz im spanischen Umweltministerium, Raquel Orts, einen Brief überreicht, den 25 Wissenschaftler und 36 Naturschutzorganisationen unterzeichnet haben. Carlos Bravo von Alianza Mar Blava wertet das Treffen positiv: „Die spanische Regierung hat sich dazu bekannt, jetzt müssen vorbeugende Schutzmaßnahmen ergriffen werden."

Die Vereinigung Mar Blava ist 2013 auf Ibiza und Formentera im Kampf gegen die geplante Suche nach fossilen Rohstoffen vor den Inseln entstanden. 150.000 Unterschriften kamen zusammen, heute hat Mar Blava mehr als 100 Mitglieder, darunter auch die balearische Landesregierung, Inselräte und Rathäuser.

So engagiert sich in Madrid auch der Inselpolitiker Francesc Antich, der die Balearen im spanischen Senat vertritt. Der ehemalige Balearen-Premier sitzt im Ausschuss für Umwelt und Klimawandel und hat das Thema zur Debatte gebracht. Pottwale seien extrem gefährdet, schreibt der Sozialist auf seiner Website, denn sie erreichen erst mit elf Jahren die Geschlechtsreife und haben nur alle fünf Jahre ein Junges.

Auch Nicolas Entrup von OceanCare war als Unterzeichner der Petition in Madrid dabei. Er ist hoffnungsvoll. Der Österreicher geht davon aus, dass die Erklärung planmäßig im Dezember in Barcelona unterzeichnet wird. „Das Umweltministerium hat uns das zugesichert", sagt er im Skype-Interview von Wien aus. Die Frage, mit welchen Inhalten das Abkommen gefüllt wird, ist allerdings unbeantwortet. Unklar sei, ob sich das Ministerium gegen die kurzfristigen Interessen der Energiekonzerne durchsetzen könne, so Entrup. Dann müsste im Walkorridor die Suche nach fossilen Rohstoffen definitiv verboten werden, was ohnehin ein Anachronismus sei seit dem Pariser Klimaabkommen. Nachdem Frankreich im Juni angekündigt hat, die Suche nach Erdöl und Erdgas in seinen Gewässern einzustellen, könnte Spanien nun folgen.

Ein Totalverbot der Ölsuche vor der spanischen Mittelmeerküste bedeutet, dass es keine Sprengungen oder Bohrungen mehr geben kann. Die Arbeiten haben verheerende Auswirkungen auf die Sinnesorgane der Tiere und sind für sie oft tödlich. Ge­stresste Wale tauchen beispielsweise zu schnell an die Oberfläche und sterben dann an der ­Taucherkrankheit.

Internationale Wissenschaftler haben jüngst eine erste Kartierung der Lärmquellen im Mittelmeer vorgelegt. Das Dokument zeigt, dass durchschnittlich 1.500 große Fracht- und Passagierschiffe gleichzeitig im Mittelmeer verkehren und dass der Einsatz von sogenannten Schallkanonen zur Untersuchung des Meeresgrundes drastisch zugenommen hat. Die Küste zwischen Valencia und Barcelona ist einer der Lärmhotspots.

Und auch die Fahrgeschwindigkeit beim Fracht- und Personentransport müsste gedrosselt werden. Das senkt die Gefahr der Kollisionen und reduziert den Motorenlärm. In der Meerenge von Gibraltar hat Spanien das bereits umgesetzt.

Falls das Schutzdekret für die Mittelmeerküste doch nur Worthülsen und keinen glaubwürdigen Managementplan enthält, dann würde wohl Mar Blava auf den Plan treten. „Die spanische Zivilgesellschaft hat zum Glück eine enorme Protestbereitschaft", sagt Nicolas Entrup.

OceanCare: http://bit.ly/2h2httY
Konvention von Barcelona zum Schutz mediterraner Küstengewässer: http://bit.ly/2jqONeR

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