Mücken könnten Tropenkrankheiten nach Mallorca bringen

Dengue, Malaria, Zika – alles ganz weit weg? Nicht unbedingt, befürchtet ein Team der Balearen-Universität. Die Forscher untersuchen Mückenarten auf Mallorca. Welche gibt es überhaupt? Und welche davon können tropische Krankheiten übertragen?

12.11.2017 | 01:00
Die Tigermücke im Fokus. Sie ist aber vermutlich nicht die einzige Art, die auf Mallorca gefährlich werden könnte.

Ein Glas Wein auf dem Balkon, ein Spaziergang durch den Wald, ein Nickerchen auf dem Sofa – und schon fängt es an zu surren und zu jucken. Mücken sind auf Mallorca vor allem in den warmen Monaten allgegenwärtig, und selbst im Winter verschwinden sie nicht ganz von der Bildfläche. Doch was bisher nur als lästig und unangenehm empfunden wird, könnte in Zukunft ein echtes Problem darstellen, sagt Claudia Paredes Esquival. Die Zoologin beschäftigt sich schon seit Jahren mit mosquitos. „In meinem Heimatland Peru ist es ein sehr großes Thema, das die Wissenschaft schon lange ausführlich behandelt." Denn gerade in tropischen Entwicklungsländern ist die Gefahr, die von den Plagegeistern ausgeht, schon lange ein Problem: Malaria, Dengue, Zika und West-Nil-Virus sind nur einige der Krankheiten, die dort von Mücken übertragen werden.

Bis ins 20. Jahrhundert gab es auch auf Mallorca noch Fälle von Malaria, mit der Trockenlegung der Sumpfregionen etwa bei Sant Jordi aber verschwand die Krankheit. Gefeit vor Tropenkrankheiten sei Mallorca deswegen aber nicht, warnt Paredes. 2015 startete sie am Zoologischen Labor der Balearen-Universität ein langfristig angelegtes Projekt. „Nach meinem Umzug hierhin hat es mich überrascht, wie wenig fortgeschritten die Mückenforschung in Spanien im Vergleich zu vielen Entwicklungsländern ist", berichtet sie. Dabei sei bewiesen, dass einige der sogenannten tropischen Krankheiten sich schon jetzt in nicht tropischen Ländern verbreiten.

„In den USA ist die Anzahl der Ansteckungen mit dem West-Nil-Virus in den vergangenen Jahren um ein 50-Faches gestiegen", so Paredes. Vor allem die Globalisierung trage dazu bei, dass sich die verschiedenen Mückenarten immer weiter ausbreiten. „Sie reisen mit internationalen Gütertransporten oder Urlaubern mit", erklärt sie. Die Erderwärmung durch den Klima-wandel tue ihr Übriges – auch auf Mallorca. „Die Winter werden milder, die Mücken bleiben in der -dunklen Jahreszeit aktiv."

Dass sich auf den Balearen bereits eine auswärtige Mückenart eingenistet hat, ist kein Geheimnis: Die Tigermücke (Aedes -albopictus), die eigentlich aus Asien stammt, wurde erstmals 2012 auf Mallorca entdeckt. Bei ihr ist es bewiesen, dass sie Krankheiten übertragen kann. „Noch sind auf den Inseln keine Krankheitsfälle bekannt, und man kann hoffen, dass das so bleibt. Aber wenn sich tatsächlich Epidemien ausbreiten sollten, dann kann es schon zu spät sein. Denn die Mücken mutieren und werden schnell gegen Pestizide immun." Umso wichtiger sei es, präventiv zu forschen, um Gefahren möglichst früh zu entdecken. Das Motto: Nur wer den Feind kennt, kann ihn besiegen. „Grundsätzlich arbeiten wir daran, festzustellen, welche Mückenarten es überhaupt auf den Balearen gibt", so Paredes. Wir, das sind neben Paredes noch acht andere Forscher, unter anderem der Biologieprofessor Miguel Ángel Miranda. „Das Projekt ist noch nicht abgeschlossen, aber bisher haben wir etwa elf Arten identifiziert", so die Forscherin. Ein wichtiger Punkt sei die Beobachtung der Insekten. In freier Wildbahn, aber auch unter dem Mikroskop.

„Je nach Art benutzen wir verschiedene Methoden, um an die Tiere heranzukommen", so -Carlos Barceló, der ebenfalls im Team ist. Er deutet auf ein zylinderförmiges Gebilde aus feinen Netzen und Kunststoffplanen, das vor ihm in den Laboren der UIB steht. -Spezielle Duftstoffe und Licht locken die mosquitos an, ein Schließmechanismus sorgt dafür, dass sie in der Falle sitzen. Fast täglich ist
Barceló auf Mückenjagd.

Dann übernimmt Sofía Delgado. Unterm Mikroskop nimmt sie verschiedene Proben, analysiert die DNA und versucht, mehr und mehr über die Tiere herauszufinden. „Teilweise erscheint es, als habe man es mit ein und derselben Mückenart zu tun, doch dann stellt sich heraus, dass es zwei verschiedene sind", berichtet Claudia Paredes. So, wie bei der Anopheles gambiae, die lange als eine Mückenart gewertet wurde, hinter der sich auf den Balea-ren jedoch verschiedene Spezies verbergen. Um festzustellen, welche Krankheiten sie übertragen könnten und wie man sie gegebenenfalls beseitigen kann, sind aber genau diese feinen Unterschiede ausschlaggebend. „Wovon ernähren sie sich außer von Blut, zu welcher Tages- oder Nachtzeit sind sie aktiv, wo legen sie ihre Larven ab – all diese Faktoren sind entscheidend."

Mit der DNA-Barcoding-Methode ist die Artenbestimmung mittlerweile relativ einfach. Anhand eines bestimmten Gens in den Mitochondrien, also den „Kraftwerken" der Zellen, lassen sich fast alle Tierarten unterscheiden. Jede Art bekommt auf diese Weise einen Barcode. Und dieser kann mit der Datenbank abge-glichen – und im besten Fall entsprechend zugeordnet – werden. Allerdings sind die Mücken auf Mallorca teilweise mutiert, und die Datenbank ist auch nach zwei Jahren intensiver Forschung noch unvollständig. Fest steht: Die Tigermücke ist nicht die einzige Art auf Mallorca, die Krankheiten übertragen könnte.

„Hätten wir mehr finanzielle Mittel zur Verfügung, dann könnten wir deutlich schneller vo-rankommen", so Paredes. „Aber die Politik interessiert sich eben meist erst dann für Forschung, wenn wirklich etwas passiert."

Bis zu einem Monat können mosquitos überleben. Anders als Bienen sterben sie nicht, wenn sie stechen, sondern laben sich am menschlichem Blut. „Mücken gänzlich auszurotten ist unmöglich, und das ist auch nicht unser Ziel. Sie sind wichtig für das Ökosystem", betont Paredes. Aber jeder Einzelne könne vermeiden, dass sie sich im eigenen Garten oder den vier Wänden weiter ausbreiten. „Je mehr stehendes Wasser, beispielsweise in Teichen oder Blumentöpfen, desto schneller vermehren sie sich." Im kommenden Jahr wollen die Forscher erste Ergebnisse ihrer Studien schriftlich veröffentlichen. Ab-geschlossen sei das Projekt dann aber noch lange nicht.

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