22. Februar 2018
22.02.2018

Eine Mallorquinerin im Bann von Falken und Rohrdommeln

Als erste Frau hat Mika Palmer 2017 auf den Balearen den Birdwatcher-Wettbewerb Big Year gewonnen

22.02.2018 | 09:57
Mika Palmer vertreibt sich die Freizeit mit dem Beobachten von Federvieh

Wenn Mika Palmer einen Vogel verpasst, der sie fasziniert, kann sie sich richtig aufregen. „Erst kürzlich beobachtete mein Bekannter Toni Soler bei Orient in der Serra de Tramuntana einen gemeinen Dompfaff", so die 45-jährige Mallorquinerin. „Die sind auf Mallorca so selten, und ich war nicht dabei!"

Mika Palmer ist im normalen Leben Mitarbeiterin der Gemeinde Calvià, doch zwei- bis dreimal pro Woche begibt sie sich mit Gleichgesinnten in die Natur, um Vögel zu beobachten, zu fotografieren und vor allem zu identifizieren. Sie nennt sich denn auch pajarera. Während es allein in Großbritannien etwa zwei Millionen birdwatcher gibt, gilt Mika Palmer auf Mallorca als friki. So werden in Spanien Anhänger von abseitigen Hobbys genannt. „Wenn ich ein interessantes Tier sehe, mache ich ein Foto und schicke es sofort an unsere Whatsapp-Gruppe, damit sich andere Vogelbeobachter daran erfreuen."

Erweckungserlebnis Albufera

Es war das im Naturpark Albufera von 1989 bis 2012 tätige Ornithologen-Urgestein Pere Vicens, das Mika Palmer als Anfang Zwanzigjährige einst für Vögel begeisterte. „Er schilderte mir alles sehr anschaulich", sagt Mika Palmer. Allerdings sollte es noch fast 20 Jahre dauern, bis sie dem Ruf ihres Herzens folgte und die Tiere mit Gleichgesinnten systematisch und konzentriert in Augenschein zu nehmen begann. „Ich kaufte mir die fürs birdwatching nötigen Utensilien: ein Fernglas, eine Spiegelreflexkamera, ein Teleskop und – ganz wichtig – ein Identifizierungsbuch", sagt sie.

Die Naturfreundin besuchte zunächst Kurse, um sich Fachwissen anzueignen. Dann perfektionierte sie ihr Hobby so sehr, dass eine Freundin ihr riet, 2017 am Big Year teilzunehmen. Hierbei handelt es sich um einen weltweit ausgetragenen Wettbewerb, der darin besteht, innerhalb eines Jahres auf einem bestimmten Territorium so viele Vogel-Arten wie möglich zu identifizieren. Auf Balearen- und Mallorca-Ebene entschied Mika Palmer als erste Frau auf den Inseln überhaupt das Big Year für sich. Insgesamt nahmen daran 15 birdwatcher der Inseln teil, acht davon waren Frauen. Eine Männerdomäne ist dieses Hobby schon seit einiger Zeit nicht mehr. „Ich habe Exemplare von 224 unterschiedlichen Arten identifiziert", so Mika Palmer. Das ist ein achtbarer Erfolg bei 320 Arten insgesamt auf Mallorca. „Man muss die Beobachtungen nicht mit Klangproben oder Fotos nachweisen, sondern das Big Year basiert auf gegenseitigem Vertrauen", so die Vogelnärrin. Wer gewinnt, bekommt keinen großen Pokal, sondern allerhöchstens – man ist bescheiden unter pajareros – ein Buch.

Start vor Sonnenaufgang

Die 40 Mitglieder von Mika Palmers umtriebiger Truppe ziehen nie geschlossen, sondern in kleineren Grüppchen in der Regel vor Sonnenaufgang los. Am liebsten machen sie das an Tagen mit wenig Wind, denn starke Böen ­sorgen dafür, dass sich die gefiederten Gesellen verkrümeln. Mitunter liegen sie stundenlang auf der Lauer: „Ich habe gelernt, dass Vögel freie Geister sind, die in Erscheinung treten, wenn sie es wollen. Du strengst dich bei der Suche an, aber es sind sie, die dich aufsuchen und dich mit ihrer Anwesenheit belohnen." Man darf beim birdwatching ohnehin kein hektisches Naturell haben.

Im Herbst jedes Jahres halten sich die Vogelfreunde vor allem am Kap Salines im tiefen Süden von Mallorca auf, weil von dort aus alle möglichen Zugvögel nach Süden fliegen, um in Afrika zu überwintern. Mika Palmer freut sich dann immer auf die elegant dahinsegelnden Störche oder Kraniche.

Im Frühling zieht es sie dagegen häufig zum sehr exponierten Albercutx-Wachturm nördlich von Port de Pollença am Übergang zur Halbinsel Formentor. „Das ist der ideale Ort auf der Insel, um Greifvögel zu beobachten, die in dieser Jahreszeit nach Norden ziehen." Palmer empfindet Adler und Falken, aber auch Geier als „majestätisch".

Bei gelegentlichen nächtlichen Exkursionen begutachten die birdwatcher Eulen oder Uhus. Wollen sie nicht Zugvögel, sondern vor allem heimische Vögel in Augenschein nehmen, begeben sie sich auf das Salinengelände Salobrar bei Campos oder in Mika Palmers Jugendparadies Albufera bei Alcúdia. Das Feuchtgebiet ist in den vergangenen Jahren von Meer- und Schmutzwasser in Mitleidenschaft gezogen worden, die birdwatcherin fordert dringend Maßnahmen, um den Naturpark zu schützen, sagt sie.

Um möglichst nah an die scheuen Tiere heranzukommen, kriechen die Vogelnarren etwa in der Albufera in bereitstehende Unterstände oder bauen Spezialzelte auf. Manchmal schafft es Mika Palmer, ohne Unterstand auf knapp einen Meter an ein Exemplar heranzurücken. Zuweilen bekommt sie dann auch ihren Lieblingsvogel zu Gesicht: den Sturmvogel, der auf Mallorquinisch noneta genannt wird.

Als Vogelbeobachterin erlebt Mika Palmer unmittelbar, wie es immer weniger Wildtiere gibt: „Wundersame Arten wie etwa den Würger kriegt man im Sommer kaum noch zu sehen." Es blieben die Arten, die sich wie Kuhreiher oder Türkentauben an den Menschen angepasst hätten.

Jedes Piepsen ist einzigartig Mika Palmer kann inzwischen so gut wie jedes Piepsen, Zwitschern oder Trällern in Sekundenschnelle identifizieren. Und nicht nur das: „Wenn ein Vogel Laute von sich gibt, kriege ich das anders als die meisten Menschen auch dann intuitiv mit, wenn diese Geräusche aus der Ferne kommen." Während des Gesprächs mit dem Reporter im MZ-Redaktionsgebäude hört die Vogelnärrin leise zwischen den plätschernden Regentropfen draußen eine Rohrdommel rufen. „Die kommen auf der Insel recht häufig vor", kommentiert sie.

So viele Vögel sie schon gesehen hat, aus dem Träumen ist Mika Palmer noch nicht herausgekommen: „Letztes Jahr bekam ein Bekannter in der Serra de Tramuntana eine bläulich gefiederte Nachtigall zu Gesicht", sagt sie. So etwas sei vorher auf der Insel noch nie dokumentiert worden. „Und ich war nicht dabei!" Doch die birdwatcherin gibt die Hoffnung nicht auf. „Ich glaube an mein Glück."

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