Mietwagen-Ärger: Wollen Sie wirklich keine Versicherung?

Wer bei Goldcar Zusatzangebote ablehnt, riskiert, dass mehr als 600 Euro Kaution einen Monat lang einbehalten werden

16.10.2014 | 09:41
Vor der Wagenübergabe müssen Goldcar-Kunden ein Verkaufsgespräch meistern, das es in sich hat
Vor der Wagenübergabe müssen Goldcar-Kunden ein Verkaufsgespräch meistern, das es in sich hat

Eigentlich sollte der Mietwagen, den Stefan Schreier für seinen achttägigen Mallorca-Urlaub reserviert hatte, 84,04 Euro kosten. Als er ihn jedoch Anfang September bei seiner Ankunft an Palmas Flughafen abholte, wurde seine Debitkarte zusätzlich mit 901 Euro belastet. Aufgeschlagen wurden nicht nur 83,47 Euro für den vollen Tank, sondern auch 661,16 Euro Kaution, zuzüglich der Mehrwertsteuer von 21 Prozent. Grund: Schreier (Name v. Red. geändert) hatte die Zusatzversicherung „Relax" abgelehnt, weil er schon eine Versicherung bei der Buchung abgeschlossen hatte.

Das Geld werde nach Rückgabe rund einen Monat lang einbehalten und dann zurückbezahlt, wenn nichts am Mietfahrzeug sei, bekam der Urlauber am Airport-Schalter in Palma zu hören. „Das ist pure Taktik, damit man die Zusatzversicherung akzeptiert, um sich nicht schnell die 800 Euro aus den Rippen schneiden zu müssen", kritisiert der Deutsche. „Mein Protest, das Geld so lange nach Abgabe einzubehalten, blieb ohne Wirkung."

Die Mietwagenfirma Goldcar Rental, die in den vergangenen Jahren schnell gewachsen und für ihre aggressive Preispolitik bekannt ist, macht regelmäßig mit Kundenärger Schlagzeilen. Klagten MZ-Leser bislang über hohe Extra-Gebühren für den Tank, lange Wartezeiten am Schalter und lästige Verkaufsgespräche, ist es nun eine für vier Wochen einbehaltene saftige Zwangskaution, die verlangt wird, falls der Kunde die Versicherung von Goldcar ablehnt. Da passt es auch gut ins Bild, dass laut einer Umfrage des Mietwagenportals billigermietwagen.de 27 Prozent aller Kunden in diesem Sommer darüber klagten, dass der Vermieter vor Ort unnötige Zusatzversicherungen verkauft habe – demnach das Ärgernis Nummer eins.

Bei Goldcar kann man die Entrüstung nicht nachvollziehen. Die zusätzlichen Kosten könnten vorab eingesehen werden, argumentiert Sprecher David Contreras. „Auf Mallorca müssen die Kunden neben dem Mietpreis und der Tankfüllung stets eine Kaution von 600 Euro bezahlen oder eben die Versicherung Relax abschließen." Es sei übliche Praxis in der Branche, von den Kunden, die einen umfassenden Versicherungsschutz ablehnten, eine Sicherheit einzufordern, so der Sprecher – es gebe sogar Firmen, die Kautionen von zwei verschiedenen Kreditkarten verlangten.

Dabei haben viele Kunden in der Regel schon eine ähnlich weitreichende Versicherung in Deutschland abgeschlossen. „Ihr Mietwagen ist bei Unfall oder Diebstahl ohne Selbstbeteiligung versichert", heißt es etwa in den Buchungsunterlagen von Stefan Schreier. „Verlangt Ihr Vermieter vor Ort im Schadensfall trotzdem die Selbstbeteiligung von Ihnen, seien Sie beruhigt: Ihr Veranstalter AutoEurope erstattet diesen Betrag gemäß seiner AGB." Ebenfalls versichert seien Schäden an Glas und Reifen.

Wozu also eine weitere Versicherung? Auch dafür hat die Mietwagenfirma mit Hauptsitz in Alicante eine Erklärung parat. Es gebe ein so großes Angebot von Leistungen und Konditionen, das Goldcar diese unmöglich überblicken könne. Kunden säßen zudem häufig dem Irrtum auf, dass sich Goldcar und die Versicherung des Kunden im Schadensfall einigten. „Das ist aber leider nicht so", sagt der Sprecher. „Es handelt sich um einen privaten Vertrag zwischen dem Kunden und dem von ihm gewählten Unternehmen, in den wir zu keinem Zeitpunkt involviert sind." Goldcar könne deswegen niemals Schäden bei der Versicherung geltend machen, sondern nur beim Kunden.

Ob wirklich das Risiko besteht, auf einem Schaden sitzenzubleiben, ist freilich für Kunden in der Eile am Abholschalter schwer abzuschätzen. Wird hier also mit der Unsicherheit der Kunden kalkuliert?

Beim Portal billigermietwagen.de jedenfalls kennt man seine Pappenheimer. „Uns ist bekannt, dass Goldcar in letzter Zeit leider mit zweifelhaften Argumenten versucht hat, einzelne Kunden bei der Abholung zum Abschluss einer Zusatzversicherung zu überreden, deren Zusatznutzen für den Kunden sehr begrenzt ist", sagt Sprecher Frieder Bechtel. Deswegen gebe man jedem Kunden, der die Erstattung der Selbstbeteiligung gewählt habe, ein Infoblatt mit den gebuchten Versicherungsleistungen an die Hand – und zwar auf Deutsch und Spanisch, damit Kunden für das Verkaufsgespräch gerüstet seien.

Für Goldcar sind diese Gespräche ein wichtigen Teil der Arbeit der Schalter­angestellten. „Es ist ihre Aufgabe, die Bestimmungen und Bedingungen genau zu erklären", so Contreras. Und wenn das Argument mit dem Versicherungsschutz nicht zieht, dann ja vielleicht die einen Monat währende Frist, in der die happige Kaution zurückgehalten wird, so offenbar das Kalkül.

Der Ärger entlädt sich auch auf der Facebook-Seite von Goldcar. Dort antwortet die Firma zwar mehrsprachig auf die Beschwerden und preist einen neuen Tarif Zero an, bei dem es keinerlei Zusatz­kosten nach der Reservierung gebe. Doch die zuweilen bitterbösen Kommentare sprechen Bände.

Im Fall von Stefan Schreier kommt hinzu, dass der Kautions- und Tankbetrag nicht nur geblockt wurde wie auf einer Kreditkarte – – in der Praxis verfügt der Kunde dann während dieser Zeit über ein geringeres Limit –, sondern Goldcar den Betrag direkt von der Debitkarte abbuchte. Um die Kaution überhaupt zahlen zu können, hatte Schreier die nötige Summe von einem anderen Konto schnell noch umbuchen müssen. „Ich frage mich, was passiert, wenn jetzt der nächste Mieter etwas ans Auto fährt", so der Deutsche. „Am Ende behalten sie dann meine Kaution ein, obwohl ich das Fahrzeug völlig intakt abgegeben habe." Schließlich würden die Mietwagen bei Rückgabe oft nicht in Augenschein genommen.

Die Gefahr, für Schäden in die Verantwortung genommen zu werden, die ein anderer Kunde verursacht, bestehe nicht, beteuert Contreras von Goldcar. Die Kontrollen nach Rückgabe würden mit einem speziell dafür entwickelten Tablet-Computer vorgenommen, auf dem alle vorherigen Schäden sowie auch Reparaturen gespeichert seien. Deswegen sei auch keine sofortige Kontrolle nach Abgabe notwendig.

Wer angesichts der Bedingungen spontan lieber zu einer anderen Mietwagenfirma wechseln will, hat schlechte Karten – die Vor-Ort-Stornierung ist in der Regel finanziell wenig verlockend. „Ich erfuhr, dass ich dann meine bezahlte Miet­gebühr nicht mehr wiederbekomme", so Stefan Schreier, der derzeit jeden Tag seinen Kontostand prüft. Bislang ist die Rückzahlung noch nicht eingetroffen.

Im E-Paper sowie in der Printausgabe vom 9. Oktober (Nummer 753) lesen Sie außerdem:

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