20. August 2009
20.08.2009
Leben

Schleudern inbegriffen: Sicherheitstraining auf der Rennstrecke in Llucmajor

27.05.2009 | 18:01
Nicht immer klappt der Versuch, durch die Aquaplaning-Kurve zu driften, beim ersten Mal – der Wagen landet dann in der Wiese.

Grau ist bekanntlich alle Theorie. Nicht nur an einem Sonntagmorgen um 8.30 Uhr. Deshalb beschränkt sich Alex Colom im Rahmen des Sicherheits-Fahrtrainings auch auf ein Minimum. Nach einer kurzen Einweisung in die wichtigsten Sicherheitsstandards moderner Pkw (ABS, ASR und ESP) und der Erklärung diverser Reaktionen des Fahrzeugs in Extremsituationen, schickt der bei Audi-España unter Vertrag stehende Profi-Fahrer seine Schützlinge bereits auf die Rennbahn. Die Rennarena bei Llucmajor ist eigens für den Perfektionskurs in Sachen Autofahren reserviert, mit Gegenverkehr somit nicht zu rechnen. Sieben Lernbegierige haben sich eingefunden. Vom 18-jährigen Miguel, der gerade erst ein paar Wochen seinen Führerschein hat, dafür aber schon einen hochpotenten Mini mit über 200 PS sein Eigen nennt, bis hin zu Manuel. Der Mittfünfziger steht noch unter dem Schock eines Unfalls, den er mit dem Intensivkurs überwinden möchte.

„90 Prozent aller Unfälle sind auf menschliches Versagen zurückzuführen, die anderen 10 Prozent auf technische Fehlerquellen oder Umwelteinflüsse", sagt Alex. Letztere könne man kaum beeinflussen. Die 90 Prozent aber deutlich herunterschrauben. „Das Auto ist nur eine Maschine, die das macht, was der Fahrer von ihr will. Aber der muss wissen, was er will, und dies dem Fahrzeug zu verstehen geben."

Das sagt er so selbstbewusst, als ob er seit 50 Jahren nichts anderes machen würde, als Leute über die Piste zu jagen. Dabei ist er gerade einmal 25. Und das, was er im Audi-Team bislang in halb Spanien an Autofahrer weitergeben hat, will er nun auf eigene Kappe auch auf Mallorca tun. Zusammen mit seinem ein Jahr älteren Partner Jaume Perelló hat er vor acht Monaten die Firma AiP – Escuela de Conducción gegründet. Schon vor dem Einsteigen in einen der beiden Renaults Clio Sport lernen die Teilnehmer dazu. „Man kann den Außenspiegel durchaus so einstellen, dass kein toter Winkel entsteht." Auch die perfekte Sitzposition hinter dem Steuer könne bei einem Unfall manch komplizierte Knochenbrüche verhindern.

Um ein erstes Gefühl für den 197 PS starken Flitzer zu bekommen, werden erst einmal einige Aufwärmrunden auf der Rennstrecke gedreht. Immer in Zweierteams. Ein Teilnehmer fährt mit Alex vorneweg, der andere versucht mit Jaume, dessen Spur zu folgen. „Die Kurven immer so anfahren, dass möglichst keine Kurve entsteht. Einfahrtpunkt, Mittelpunkt und Ausfahrtpunkt bilden die Geraden eines Dreiecks." Klar, dass das im normalen Verkehr nicht ohne Weiteres möglich ist, aber Spaß macht es auf jeden Fall. Und verdammt flott ist es auch. 3.200 Meter gilt es pro Runde zu bewältigen. Fünf Linkskurven, acht Rechtskurven müssen gemeistert werden. Manche eng, andere langgezogen. Manche einfach nur fies. Von Runde zu Runde erhöht Alex das Tempo.

Der Zwei-Liter-Motor heult mächtig vor sich hin. Reifen quietschen, es riecht nach Gummiabrieb. ABS, ESP und natürlich der Fahrer haben allerhand zu tun, um den Wagen nicht völlig den Gesetzen der Fliehkraft zu überlassen. Vier Runden später ist das Selbsbewusstsein schon recht ausgeprägt. Die Maschine macht tatsächlich, was sie soll. Hoffentlich macht sie das auch unter Aquaplaning-Bedingungen.

Eine scharfe Rechtskurve wird unter Wasser gesetzt. Als ob das nicht schon genug wäre, werden auch die elektronischen Helfer ausgeschaltet. „Ihr fahrt jetzt mit Schmackes da rein und bremst. Sobald der Wagen ausbricht – und das wird – löst ihr die Bremse und steuert sofort gegen."

Wie recht der schlaksige, großgewachsene Trainer doch haben wird. Und wie der silbermetallische Blitz ausbricht. Der erste Schüler dreht sich in die Wiese, der zweite gleich ganz im Kreis. Der Dritte bremst nicht fest genug und schlittert gerade noch so aus der Kurve. Aber mogeln gilt nicht. „Ihr müsst immer dorthin sehen, wo ihr hinfahren wollt. Immer die Lösung im Auge behalten, nicht das Problem."

Das sagt sich leicht. Und mit ein wenig Übung ist es doch nicht so schwer, wie man zuerst geglaubt hatte. Nach und nach beherrschen die Teilnehmer die Schlitterkurve und driften perfekt unter den Sprinklerstrahlen hindurch. Scheibenwischer an. Alles paletti.

Dasselbe Manöver noch einmal unter verschärften Bedingungen. Diesmal werden zwei verschiedene Fahrbahnbeschaffenheiten simuliert. Eine Hälfte der Fahrbahn ist rutschig wie Glatteis, die zweite patschnass. Das Auto fährt so, dass jeweils die linken Räder auf dem Glatteis sind und die rechten im Regen. Dann Notbremsung. Wieder sucht sich der Wagen seinen Weg in die Büsche. Wieder gilt es, ihn davon abzuhalten. Dieses Mal brauchen die Teilnehmer einige Versuche mehr, um das Auto zu kontrollieren. Die unterschiedlichen Fahrbahnbeläge sind tückisch.

Zur Belohnung der adrenalinfördernden Übungen werden die heiklen Abschnitte noch einmal mit ABS und ESP wiederholt. Das, was zuvor noch manchen Schweißausbruch verursacht hatte, geht nun wie von Zauberhand. Der Wagen bockt nicht, schmiert nicht weg. Er fährt so, als ob nichts wäre. Kaum zu glauben. „Heutzutage verfügen fast alle Wagen über diese technischen Fahrhilfen, aber die wenigsten wissen, wie sie funktionieren und was man ihnen zumuten kann", erklärt Alex. Manche denken sogar, das ABS-System sei kaputt, weil es beim starken Bremsen permanent knackt und kracht. „Das muss und soll es. Selbst bei einfachen Anlagen wird bis zu 17 Mal pro Sekunde automatisch gebremst. Das, was früher Stotterbremse genannt wurde, wird hier in Sekundenbruchteilen bewerkstelligt. Selbst zu stottern, ist mit ABS völlig überflüssig. Einfach in die Eisen steigen."

Und das war auch schon das Stichwort für die nächste Trainingshürde: Vollbremsung und Hindernis ausweichen. Sprich, ABS und ESP ausreizen. Mit Vollgas auf das rote Schaumstoff-Hindernis zu. Dann volle Pulle auf die Bremse treten, auskuppeln und den Wagen nach links zwischen den Pylonen hindurch zum Stehen bringen. Klingt kompliziert. Ist es aber nicht. Alle schaffen zu ihrer eigenen Verwunderung die Übung problemlos beim ersten Versuch. Und auch beim zweiten und dritten Anlauf patzt niemand. Viva la técnica.

Aber letztlich ist doch nicht alles nur Technik, wie die Abschlussübung zeigt. Die Teilnehmer bekommen eine Brille aufgesetzt, die optisch eine Fahrt unter Alkoholeinfluss simulieren soll. Alles ist verschwommen, die Entfernung kann nur schwer geschätzt werden. Eigentlich könnte man einem stark Kurzsichtigen auch einfach sein Brille wegnehmen, und das Ergebnis wäre vermutlich dasselbe. Ziel ist es, so nah wie möglich vor einem Hindernis zum Stehen zu kommen. Wer am nächsten rankommt, hat gewonnen. Einer schaffte unschlagbare sechs Zentimeter, der Zweitbeste lag fast einen halben Meter weiter hinten. Immerhin hat keiner das Hindernis touchiert. Dennoch wurde in dem anschließend ausgehändigten Fahrerdiplom, das den erfolgreichen Abschluss des Lehrgangs dokumentiert, nicht bestätigt, dass die Teilnehmer auch „alkoholisiert" in der Lage sind, Unfälle zu vermeiden.

Aip – Escuela de conducción: Curso de Conducción (Nivel I). Dauer etwa sieben Stunden. Preis: 208,80 Euro, Mittagessen inklusive. Anmeldung und weitere Infos (Spanisch) unter Tel.: 637-79 81 39.
E-Mail: aipescueladeconduccion@gmail.c

In der Printausgabe lesen Sie außerdem
- Serie: Mallorca-Deutsche unterm Hakenkreuz, Teil 3
- Bijouterie mit Geschichte fertigt Schmuckdesignerin Isabel Guarch
- Von Krise keine Spur: Ein Besuch im Golfclub Alcanada
- Wenn es plötzlich knallt: Schadensranking für Yachtunfälle
- Serie: So wohnen die anderen
- Fast wie auf der Hütte ist´s in der Pizzeria Tomassini in Sineu
- MZ-Kolumnist Manuel Vogel gewinnt balearischen Sommelierwettbewerb
- Live-Musik und Tapas umsonst im Riskal

auf Twitter teilen
auf Facebook teilen
Empfohlene Links: Inselradio 95,8 | Mallorca mal 365 |