Tomás Melgar ist seit knapp zwei Jahren Direktor des Flughafens Son Sant Joan. Besonders viel Gestaltungsspielraum hatte der Mallorquiner angesichts der nur wenige Monate nach Amtsantritt ausgebrochenen Corona-Pandemie nicht, zwischenzeitlich stand Palmas Flughafen fast vollständig still.

Waren Sie froh, dass Sie während der Pandemie, als teilweise nur eine Handvoll Flüge am Tag gingen, nicht Herr über ein privates Unternehmen waren, sondern dass Aena zu 51 Prozent dem spanischen Staat gehört?

Wir sind zwar vor allem ein staatliches Unternehmen, aber wir sind ein Unternehmen, das Dienstleistungen anbietet. Auch wir mussten schauen, wie wir über die Runden kommen. Wir mussten an vielen Stellschrauben drehen und Kosten senken. Kurzarbeit war zum Glück bei Aena nicht nötig, weil es ein gesundes Unternehmen ist. Aber viele Zulieferer im Flughafen beantragten natürlich einen ERTE.

Diesen Sommer gab es ein unerwartet hohes Passagieraufkommen. Retten spanische Fluggäste die Jahresstatistik?

Ja, die Nachfrage aus dem eigenen Land hat sehr gut funktioniert, wie das in Pandemie-Zeiten aber in vielen Ländern der Fall war. Im Vergleich zu 2019 haben wir bei den Spaniern über 85 Prozent der Nachfrage erreicht. Der deutsche Markt hat sich nicht ganz so stark erholt. Der Sommer schien zunächst gut zu beginnen, doch als wieder Reisewarnungen kamen, ließ die Nachfrage abrupt nach. Zu keinem Zeitpunkt lag der deutsche Markt aber unter 50 Prozent verglichen mit 2019. Schwieriger war der britische Markt. Dort kamen wir nicht einmal auf 40 Prozent.

Es gibt sehr unterschiedliche Prognosen, was den Tourismusherbst auf Mallorca angeht. Wie sieht Ihre aus?

Seit Pandemiebeginn ist es sehr schwierig, Vorhersagen zu treffen. Die Situation ist ziemlich verrückt, man weiß nicht, womit man rechnen muss. Der September läuft wirklich gut, vergangene Woche hatten wir beispielsweise mehr deutsche Passagiere als in der besten August-Woche. Aber uns fehlt jegliche Erfahrung, um zu wissen, was in den kommenden Monaten passiert. Wir hoffen einfach, dass wir langsam in eine Art wirtschaftliche Erholung eintreten, in der wir uns wieder langsam den Zahlen von vor der Pandemie annähern.

Sie rechnen damit, dass spätestens im Jahr 2026 das Vor-Corona-Niveau an Passagieren und Verkehr erreicht wird. Aber ist das in Zeiten des Klimawandels wünschenswert?

Wie gesagt, wir sind ein Unternehmen, das eine Dienstleistung anbietet. Wir sind nicht schuld an der Nachfrage. Die politisch Verantwortlichen der Insel müssen festlegen, wie viel Tourismus Mallorca verträgt. Ich habe noch niemanden getroffen, der nach Mallorca gekommen ist, um den Flughafen zu besichtigen. Die Menschen kommen, weil sie die Insel sehen wollen. Davon abgesehen, fühlen wir uns aber der Umwelt verpflichtet und optimieren dort, wo wir direkten Einfluss haben.

Gleichzeitig wollen Sie den Flughafen aber auch modernisieren. Am Sonntag (19.9.) demonstrierten rund 500 Personen in Palma gegen die angeblichen Erweiterungspläne. Was antworten Sie ihnen?

Wir haben seit über 20 Jahren dieselbe Kapazität an möglichen Flugbewegungen pro Stunde (66 Starts und Landungen, Anm. d. Red.) und werden daran auch nichts ändern. Es geht um eine Erneuerung, punktuelle Verschönerungsarbeiten. Wir werden etwa mehr Passagier-Finger bauen, wodurch dann mehr Flugzeuge direkt am Terminal parken können. Das ist eine Forderung der Passagiere gewesen, führt aber nicht zu einer Erweiterung der Kapazität. Ein Vorteil ist hierbei, dass man die Flugzeuge direkt an die Stromversorgung des Flughafens anschließen kann. Es gibt derzeit keine Notwendigkeit, die maximale Passagierzahl von Son Sant Joan zu erhöhen.

Pandemie ist auf Mallorca in diesem Sommer gleichbedeutend mit einem Boom der Privatflugzeuge. Wird er anhalten?

Mallorca war schon immer ein attraktives Ziel für Privatflugzeuge. Die Bedingungen der Pandemie haben diese Attraktivität noch einmal erhöht. Viele Urlauber, die sonst zu weiter entfernten Zielen geflogen wären, entschieden sich für Mallorca. Aber ich gehe davon aus, dass wir hier eine außergewöhnliche Situation hatten. Das Wachstum dürfte in den kommenden Jahren nicht so weitergehen.

Sind diese Flüge für den Flughafen überhaupt interessant? Sie nehmen Slots und Platz weg, bringen aber deutlich weniger Geld als große Passagiermaschinen.

Es geht hier nicht darum, was wir gern hätten. Wir sind verpflichtet, alle gleich zu behandeln. Wir versuchen, den Privatflugverkehr und den anderen Flugverkehr bestmöglich zu organisieren. Wenn ich es mir aussuchen könnte, würde ich natürlich eher voll besetzte Airbus-Maschinen bevorzugen. Aber man darf auch nicht vergessen, dass die Menschen, die im Privatflugzeug anreisen, viel Geld auf Mallorca lassen und eine wichtige Klientel sind.

Ein wiederkehrender Kritikpunkt sind die Warteschlangen bei der Gesundheitskontrolle im Flughafen, bei denen Hunderte Menschen eng an eng warten. Könnte man diese Engstelle nicht anders organisieren?

Wir bemühen uns, dass dort alles so schnell und reibungslos abläuft wie möglich, aber ganz ohne Warten ist es nicht möglich. Generell gab es keine langen Warteschlangen, das waren sehr punktuelle Ereignisse, und nie mussten die Menschen mehr als 15 bis 20 Minuten warten. Die Fotos, die dort geschossen werden, sehen immer viel spektakulärer aus, als es in Wirklichkeit ist. Und häufig entstanden Menschenansammlungen, weil Gruppen von Reisenden ihre Dokumente doch nicht rechtzeitig hervorgeholt hatten und das dann an der Kontrolle nachholen mussten.

Eurowings ist vor Kurzem auf Autohandling umgestiegen, organisiert das Handling also selbst. Ist das nicht eine Gefahr für die Arbeitsplätze im Flughafen?

Eine unmittelbare Gefahr sehe ich nicht, weil Eurowings ja einen großen Teil der Angestellten der Handling-Firmen unter Vertrag genommen hat. Aber aus unserer Sicht ist es nicht gut, wenn beim Handling immer mehr Unternehmen mitmischen. Aena bietet den Airlines ja bereits drei Handling-Firmen an.