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Hinter verschlossenen Türen: 56 Prozent der Prostituierten empfangen Freier in Privatwohnungen in Palma

In Palma verlagert sich die Prostitution immer mehr aus dem öffentlichen Raum in Wohnungen und ins Internet. Das erhöht die Risiken und die Gefahr von Gewalt

Symbolbild einer Prostituierten in Deutschland auf ihrem Zimmer.

Symbolbild einer Prostituierten in Deutschland auf ihrem Zimmer. / FOTO: BORIS ROESSLER/DPA

Sarah López

Sarah López

Das Wort „Straßenstrich“ existiert im Spanischen nicht. Es gibt nur die Beschreibung, dass Menschen auf der Straße Sex verkaufen – prostitución callejera. Das Bild von Frauen in High Heels unter flackernden Laternen am Rand eines Gewerbegebiets hat zwar auch in Spanien jeder vor Augen, in Palma sieht man solche Szenen aber immer seltener.

Das Geschäft hat sich verlagert: hinter rosafarbene Wände, in Wohnungen, in denen Frauen bis zu 24 Stunden am Tag Freier empfangen , und auf Websites, die sie wie Waren anpreisen. Laut dem vom Rathaus Palma veröffentlichten Jahresbericht 2024 des Netzwerks zur direkten Unterstützung von Personen in der Prostitution (XADPEP) üben rund 56 Prozent der Prostituierten ihre Tätigkeit in Wohnungen aus. Expertinnen und Experten sprechen deshalb von einer unsichtbarer gewordenen Prostitution in Palma. Das dürfte auch für ganz Mallorca zutreffen.

Die Studie

Um diese Entwicklung systematisch zu erfassen, haben die Stadt Palma sowie Hilfsorganisationen wie Casal Petit, Metges del Món, das Rote Kreuz und die Universität der Balearen in den Jahren 2023 und 2024 zwei Studien mit dem Titel „Die verlagerte Prostitution in Palma“ durchgeführt. Die Untersuchung aus dem Jahr 2023 legte ihren Schwerpunkt auf die Rolle digitaler Plattformen. Die Folgestudie von 2024 vertiefte das Thema und analysierte anhand von Erfahrungsberichten die Risiken dieser unsichtbaren Prostitution.

Die Erhebungen fanden im Mai und Juli der Jahre 2023 und 2024 statt – also in den Monaten, in denen die Nachfrage der Freier am höchsten ist. In dieser Zeit steigt das Angebot deutlich an, da nicht nur Einheimische und Residenten, sondern auch viele Urlauber sexuelle Dienstleistungen in Anspruch nehmen. Für manche Besucher gehört der Termin in einer Wohnung oder der Ruf ins Hotel inzwischen fest zum Reiseprogramm.

Der Weg zur Verabredung ist kurz: Die Freier finden die Frauen – zu über 80 Prozent handelt es sich um Frauen – über Apps, Websites oder soziale Netzwerke. Die Studie hat 27 digitale Räume ausgewertet: 20 Plattformen für Sexualdienstleistungen, fünf Anzeigenportale und zwei mobile Apps. Diese Plattformen arbeiten mit vereinheitlichter Optik, zentralen Zahlungssystemen und schützen durch HTTPS-Verschlüsselung Daten wie Identität oder Bankverbindungen. Die Anzeigenportale dienen als Schaufenster und Kontaktbörsen, während die Prostitution überwiegend in privaten Wohnungen stattfindet. Oft ist es dennoch möglich, einen Hausbesuch zu vereinbaren, bei dem die Prostituierte zum Freier fährt.

Das Profil der Prostituierten

Insgesamt konnten die Autoren der Studie 776 Profile online identifizieren, 84 Prozent davon Frauen. „In vielen Fällen sind sie Opfer von Menschenhandel. Sie leben unter den Bedingungen, die von den Zuhältern oder Zuhälterinnen vorgegeben werden und die völlig ausbeuterisch sind“, sagt Jaume Perelló, Mitarbeiter der Hilfsorganisation Casal Petit, die an der Studie beteiligt war.

Außerdem verjüngt sich die Szene: Die Erhebungen vermerken einen Anstieg bei vermutlichen Minderjährigen und sehr jungen Menschen in diesen digitalen Umgebungen. Das häufigste Profil beschreibt lateinamerikanische Frauen ohne geregelten Aufenthaltsstatus. Viele kommen aus Situationen extremer Armut, oft ohne Aufenthaltsgenehmigungen und Anschluss auf Mallorca, damit hochgradig bedroht von Gewalt und ohne reale Alternativen. Sie kennen sich meistens nicht gut im Land aus; 44 Prozent sind seit weniger als einem Jahr in Spanien. Ein Merkmal, das viele der Frauen teilen, ist, dass sie Kinder haben: 90 Prozent sind Mütter.

Eine besondere Rolle in der digitalen Vermittlung spielt Telegram. Männer nutzen die App wegen der vollständigen Anonymität. Die Analyse identifiziert zehn Telegram-Gruppen mit Mallorca-Bezug. Dort zirkulieren Links zu pornografischen Inhalten und zu Prostitutionsanzeigen. Altersbeschränkungen tauchen nur in zwei Fällen auf. Diese Chats dienen nicht nur als Knotenpunkt für Kontakte, hier tauschen Freier auch Informationen, Bewertungen und Bilder mit sexuellem Inhalt. Eine Gruppe überschritt zum Zeitpunkt der Auswertung die 93.000 Abonnenten. Ihr Name:„Citas, chicas, putas, mujeres, tetas“ (Verabredungen, Mädchen, Huren, Frauen, Brüste). Das zugehörige Bild: eine Frau im Badeanzug auf einem Donut-Schwimmring. Fast 100.000 Männer fanden daran Interesse.

Die Risiken

In den Prostitutionswohnungen verdichten sich die Risiken. Dort sind Rund-um-die-Uhr-Schichten üblich, an 365 Tagen im Jahr. Arbeit und Wohnen fallen oft zusammen: Die Frauen schlafen in denselben Räumen, in denen sie die Freier empfangen. Distanz fehlt, Privatsphäre schrumpft.

Schon die Anzeigen spiegeln gesundheitliche Risiken, nicht nur durch Sexpraktiken, sondern durch psychische und körperliche Belastungen – etwa gestörte Nachtruhe, weil Erreichbarkeit rund um die Uhr erwartet wird. Es ist nicht unüblich, dass die Frauen in Drogenabhängigkeiten geraten. In den Wohnungen besteht die Möglichkeit, Drogen zu konsumieren, ohne das Haus zu verlassen.

Gewalttaten für die restliche Welt unsichtbar

Und dann ist da noch die Gewalt, die komplett verborgen bleibt: Wenn eine Frau auf offener Straße geschlagen wird, fällt das Passantinnen und Passanten sowie den Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeitern der Organisationen auf, die die Frauen vom Straßenstrich unterstützen. In den Wohnungen bleiben solche Gewalttaten für die restliche Welt unsichtbar.

Hinzu kommt das Stigma durch den digitalen Fußabdruck der Anzeigen: hohe Online-Präsenz, oft mit unverdeckt erkennbarem Gesicht, und die unkontrollierte Weitergabe von Bildern. Das erschwert den Frauen nicht nur, sich irgendwann ein neues Leben aufzubauen, sondern begünstigt Erpressung.

Auf den Websites wird eine aktive Anwerbung betrieben. Formulare auf den Websites für Prostitution verlangen detaillierte Angaben – Aussehen, Körpermaße, Geschlechtsidentität und Fotos. Mit einer Rhetorik der „Selbstbestimmung“ versuchen sie, neue Frauen zu gewinnen – für ein System, das ständig Nachschub braucht.

Die Verlagerung ins Digitale und Private schafft für Hilfsorganisationen eine neue Hürde: nicht die Identifikation, sondern den Zugang zu den Prostituierten. Die Organisationen suchen den Kontakt zu ihnen mittlerweile über dieselben Kanäle, über die sich die Frauen oder ihre Zuhälter präsentieren: durch eigene Anzeigen auf Prostitutionsplattformen oder über Beiträge in sozialen Netzwerken. Einige Einrichtungen beobachten zudem Kundenforen im Netz, in denen Freier Adressen und Details austauschen – oft ist dies der einzige Weg, um die betroffenen Frauen überhaupt noch zu erreichen.

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