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Was passiert mit den Leichen von ertrunkenen Migranten auf Mallorca?

Die Überreste werden in Nischen beigesetzt. Selten gelingen die Identifizierung und Rückführung

In solchen anonymen Nischen werden die ertrunkenen Migranten bestattet.

In solchen anonymen Nischen werden die ertrunkenen Migranten bestattet. / FOTO: NELE BENDGENS

Sarah López

Sarah López

Nur knapp einen Monat nach Allerheiligen sind noch viele Gräber und Grabnischen auf dem städtischen Friedhof von Palma geschmückt. Hinterbliebene haben als Zeichen ihrer Liebe zu den Verstorbenen Teddybären, Blumenkränze und Plastikblumen abgelegt. Eine komplette Wand im Sektor 2 des steinernen Friedhofs steht dazu im deutlichen Kontrast: grauer Beton, kein Name, kein Todesdatum und erst recht keine Plastiknelken.

In solchen anonymen Nischen liegen die sterblichen Überreste von Migranten, die bei der gefährlichen Überfahrt über das Mittelmeer ertranken und deren Körper an Mallorcas Küste angespült wurden. In diesem Jahr waren es an den Stränden der Balearen bislang 31 Leichen. Die meisten von ihnen werden nie identifiziert, und selbst wenn die Identifizierung doch gelingt, können die wenigsten Familien ihre Angehörigen bestatten.

Erster Schritt: Autopsie

Nachdem die Körper aus dem Meer oder an der Küste von der Guardia Civil geborgen werden, führt ein Gerichtsmediziner eine Autopsie durch, in der Hoffnung, die Person identifizieren zu können: „Wir orientieren uns an Tattoos, Narben oder Hautfarbe“, sagt ein Gerichtsmediziner, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen möchte. Zudem entnehmen seine Kollegen und er auch eine DNA-Probe und nehmen Fingerabdrücke ab, Letzteres falls der Verwesungszustand es zulässt.

Helena Maleno, Gründerin von Caminando Fronteras. fOto: privat

Die Polizei transportiert die Überreste eines Migranten an der Playa de Palma ab. / Ramon

Die Proben vergleichen sie dann mit den Informationen aus Datenbanken von vermissten Personen. „Wir haben leider keinen Zugriff auf welche in Afrika“, sagt der Gerichtsmediziner. In den allermeisten Fällen könnten die Verstorbenen nicht identifiziert werden. Mitunter könne bei den Wasserleichen noch nicht einmal das Geschlecht festgestellt werden. Die Leichen verbleiben dann im gerichtsmedizinischen Institut, bis ein Richter nach einiger Zeit die Bestattung anordnet.

Ohne Blumen, Gebete oder Predigten

Die verstorbenen Migranten werden in städtischen Reihennischen beigesetzt. Ohne Blumen, ohne Gebete oder Predigten. Auch wenn die Nischen anonym wirken, sind sie für die Friedhofsverwaltung eindeutig identifizierbar „durch einen numerischen Code im digitalen Register des Friedhofs, der mit dem Aktenzeichen des Gerichts verknüpft ist“, erklärt die Empresa Funeraria Municipal (EFM), die städtische Friedhofsbehörde, die erst nach etlichen MZ-Anfragen in einer kurzen E-Mail mitteilt, wo und wie die ertrunkenen Migranten bestattet werden.

In solchen anonymen Nischen werden die Migranten bestattet.

In solchen anonymen Nischen werden die Migranten bestattet. / Nele Bendgens

Auf der Nachbarinsel Ibiza sind die Gräber einfacher zu finden: Dort verzeichnen die Nischen zumindest das Funddatum der Leiche und die Abkürzung „N-I“ für „No Identificado“. In Formentera kennzeichnen die Bestatter die Nischen mit der Inschrift: „Muerto en el mar, no identificado“ (Verstorben im Meer, nicht identifiziert). Die Toten verbleiben bis zu fünf Jahre in den Nischen. Wenn bis dahin der Körper nicht identifiziert wurde, kommen die Überreste in eine Sammelgrabstätte auf dem Friedhof.

Die Hilfsorganisation „Caminando Fronteras“ setzt sich seit 20 Jahren für die Migranten ein. Unter anderem versucht sie, Vermisste ausfindig zu machen. Auf der Website der NGO finden sich Hunderte Bilder von jungen Menschen, die lächelnd in die Kamera strahlen. Familieangehörige, die von ihren in See gestochenen Verwandten nie wieder etwas gehört haben, haben sie eingesandt. „Caminando Fronteras“ hat eine rund um die Uhr erreichbare Notfallnummer eingerichtet, über die vermisste Migranten gemeldet werden können.

Wichtiger Schritt: Vermisstenanzeige einreichen

„Selbst die Leichen der Migranten werden hier diskriminiert“, klagt Helena Maleno, Gründerin und Sprecherin der Hilfsorganisation. Die spanischen Behörden würde den Familien immer wieder Steine in den Weg legen, wenn Vermisstenanzeigen eingereicht werden. Diese sei der erste wichtige Schritt, um die Suche und Identifizierung ins Rollen zu bringen.

Wenn die Familienmitglieder in Europa leben, lässt sich bei ihnen die DNA-Probe einfach durchführen, das Problem sind die Proben in den Heimatländern. Sie in Konsulaten durchzuführen, wäre das Einfachste. „Das spanische Außenministerium will das aber nicht“, sagt die Gründerin der NGO.

Selbst die Leichen der Migranten werden hier diskriminiert

Helena Maleno, Gründerin und Sprecherin der Hilfsorganisation "Caminando Fronteras"

In den wenigen Fällen, in denen Körper identifiziert werden können, ist die Rückführung die nächste Hürde: „Algerien ist eines der Länder, das die Familien dabei finanziell unterstützt“, sagt Maleno. Bei anderen Nationalitäten trägt der Heimatstaat keine Kosten dafür. Dann muss die ganze Familie das Geld zusammenlegen oder Hilfsorganisationen springen ein.

Islamische Bestattung und gefilmte Begräbnisse

Ist eine Überführung nicht möglich, wünschen sich viele Familien zumindest eine islamische Bestattung: Der Leichnam wird dabei von einer ungeraden Zahl an Menschen gewaschen, in ein Kafan (traditionelles Baumwolltuch) gewickelt und ohne Sarg mit dem Kopf in Richtung Mekka in die Erde gelegt. Auf den Kanaren ist das oft der Fall.

In Ceuta gibt es Hilfsorganisationen, die das Begräbnis filmen, falls im Nachhinein der Leichnam identifiziert wird. „Das einzige Anzeichen von menschenwürdigen Begräbnissen auf den Balearen ist der Bestatter in Formentera, der zumindest ‚Verstorben im Meer, nicht identifiziert‘ auf den Nischenstein schreibt“, sagt Helena Maleno.

Betrüger und kollektive Trauer in den Heimatländern

Die wachsende Zahl ertrunkener Migranten im Mittelmeer wirkt sich laut der Gründerin von Caminando Fronteras langsam auf die Heimatländer aus. „In Algerien gibt es Viertel, in denen viele junge Menschen als vermisst gelten“, sagt Maleno, die nicht nur in Spanien arbeitet, sondern auch auf der anderen Seite des Mittelmeers, um Vermisste zu identifizieren.

Betrüger wissen, wie sie diese Trauer und Verzweiflung der Hinterbliebenen ausnutzen können. Gegen Bezahlung versprechen sie den Familien, ihre vermissten Angehörigen zu finden. 2024 flog in Spanien eine Organisation auf, die gegen Geld Leichenfotos an Familien verkaufte – verbunden mit dem Versprechen, die Verstorbenen in ihre Heimat zurückzubringen. María Ángeles C., die Präsidentin der Organisation, habe diese Bilder und vertraulichen Informationen von Guardia-Civil-Beamten und Gerichtsmedizinern erhalten, so die Zeitung „El País“.

Helena Maleno gründete vor 20 Jahren die NGO Caminando Fronteras. | FOTO: PRIVAT

Helena Maleno gründete vor 20 Jahren die NGO Caminando Fronteras. | FOTO: PRIVAT / Sophie Mono

Helena Maleno kennt solche Fälle sehr gut. „Diese Betrüger gibt es, weil den Familien ihre Rechte verwehrt werden“, sagt sie. Maleno erzählt von einem Fall, bei dem die Schwester einer Vermissten von Frankreich aus Kontakt zu Caminando Fronteras aufnahm. „ Betrüger hatten 5.000 Euro von ihr verlangt.“

Nach einer Vermisstenanzeige konnte der Leichnam der 17-Jährigen identifiziert werden, sie war auf Ibiza bestattet worden. Heute ruhen ihre sterblichen Überreste in ihrem Heimatland. „Wir konnten auch das Hab und Gut, das sie an sich trug, als sie gefunden wurde, ihrer Mama übergeben“, sagt Helena Maleno. Dieses Jahr ist es auf den Balearen noch zu keiner einzigen Rückführung eines Leichnams gekommen.

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