Dünensystem in Gefahr: Wer schützt diesen Strand im Süden von Mallorca?
Unklare Zuständigkeiten bei den Behörden erschweren den Schutz der Dünen am Naturstrand Es Carbó. Badegäste, Hunde, Wellen und Stürme tun ihr Übriges

Zum Strand Es Carbó kommen die meisten nur zu Fuß. / Pep Amengual
Der Ort Colònia de Sant Jordi selbst ist klein und nur im Sommer belebt. Dafür bietet er etwas, was man auf Mallorca anderswo kaum mehr findet: eine vergleichsweise hohe Dichte an unbebauten Naturstränden. Unter den playas naturales ist auch der 1,5 Kilometer lange Strand Es Carbó, der zwischen Colònia de Sant Jordi und Ses Salines liegt.
Einwohner der beiden Gemeinden können dank einer Sondergenehmigung über einen Privatweg der Finca s’Avall – sie gehört der Bankiersfamilie March – bis in die Nähe des Ufers vorfahren. Der Großteil der Strandgäste allerdings muss vom Hafenstrand in Colònia de Sant Jordi zu Fuß erst einmal die Platja des Dolç und die Platja de ca’n Curt passieren, um beim Es Carbó anzulangen. Kioske oder aufgebaute Strandliegen oder Schirme sucht man hier vergebens. Auch das Posidonia-Seegras an mancher Stelle zeigt Badegästen: Hier hat die Natur das Sagen.
Protest gegen geführte Touren
Umweltschützer warnen nun allerdings: Das Dünensystem des bekannten Naturstrandes sei in Gefahr. Schuld seien zum einen zunehmend mehr Strandgäste. Erst Ende April hatten Anwohner durch Protestplakate und einen Drahtzaun gegen geführte Touren zu dem idyllischen Strand protestiert. „Es Carbó serà sempre nostre. No Tours a ses nostres platges“ („Es Carbó wird immer uns gehören. Keine Touren an unsere Strände“) war auf den Schildern zu lesen. Seit Beginn des Frühlings hatten Wanderführer regelmäßig Gruppenausflüge mit Urlaubern organisiert. Bis zu 25 Ausflügler pro Tour sollen dabei durch die Küstenlandschaft geführt worden sein.

Das Dünensystem ist in Gefahr. / Pep Amengual
Zeitnahes Handeln gefordert
Doch nicht nur die erhöhte Anzahl an Strandgästen setzt dem Dünensystem zu. Auch die Unwetter der Wintermonate und die Tatsache, dass sich niemand um einen aktiven Schutz des Dünengebiets kümmere, wirkt sich zunehmend negativ aus. Darauf verwies gegenüber der MZ-Schwesterzeitung „Diario de Mallorca“ der Biologe und Umweltberater Pep Amengual. „Entweder es wird jetzt gehandelt, oder eines der wichtigsten halbnatürlichen Dünensysteme Mallorcas, wenn nicht sogar der Balearen, wird irreversibel beschädigt oder verschwindet sogar ganz.“
Wer ist verantwortlich?
Sein Anliegen hat er bei verschiedenen Behörden vorgetragen: dem balearischen Umweltministerium, der Küstenschutzbehörde und dem Rathaus der zuständigen Gemeinde Ses Salines. Das Problem sei, dass nicht klar ist, wer für den Dünenschutz zuständig ist. „Die Dünen sind öffentliches Eigentum. Daher müsste die Küstenschutzbehörde der Zentralregierung verantwortlich sein. Ein Teil der Zuständigkeiten liegt aber bei der Autonomen Gemeinschaft“, so Amengual. Es Carbó ist Teil des Naturschutzgebiet-Netzes Natura 2000. Alle dessen terrestrischen Gebiete fallen in die Zuständigkeit der Autonomen Gemeinschaft der Balearen, also der hiesigen Regierung.
Durch die Überschneidung der Zuständigkeitsbereiche zwischen der Balearen- und der Zentralregierung kümmere sich letztlich niemand um den Erhalt „Es gibt für das Gebiet keinen Managementplan und auch kein speziell eingesetztes Personal“, kritisiert der Biologe und Umweltberater. Die Küstenschutzbehörde etwa habe zwar Schilder aufgestellt, die auf den Schutz der Dünen hinweisen. Selbst die Beschilderung allerdings werde nicht instand gehalten. Einige der Schilder seien von den Unwettern umgerissen worden. Zudem nütze, so Amengual, die bloße Warnung nichts, wenn sie nicht von Schutzmaßnahmen und deren wirksamen Überwachung begleitet werde.

Ein durch einen Sturm umgeworfenes Hinweisschild. / Pep Amengual
Vorschläge zum Schutz der Dünen
Da die Sommersaison unmittelbar bevorstehe, müsse zeitnah etwas passieren. „Das Dünensystem muss mit Holzpfählen und Tau vom Strandbereich abgegrenzt werden wie am Strand von El Dolç bereits geschehen“, schlägt Amengual vor. Danach müsse man sich aktiv um die Dünen kümmern.
Zu den letzten halbnatürlichen Stränden Mallorcas gehören auch Es Caragol und Marqués del Palmer. Auch sie leiden schon seit Jahren an einer fortschreitenden Degradierung. Die natürliche Vegetation – hauptsächlich Gewöhnlicher Strandhafer (bot. Ammophila arenaria) und die geschützte Dünen -Trichternarzisse (bot. Pancratium maritimum) – hält eigentlich den Sand zurück. Stürme und Wellengang aber setzen die Wurzeln der Pflanzen an der Dünenfront frei, was die Erosion der Düne beschleunigt.
Auch Anwohner mit Schuld
Auch Badegäste, die durch die Dünen laufen und dabei aus Unwissenheit auf die Pflanzen treten, Mountainbikefahrer, die den Sand durchfurchen, oder Hunde, die darin graben, hätten das Abtragen der Dünenfront mit zu verschulden. Ganz unschuldig seien auch die Anwohner der Gemeinde Ses Salines nicht, meint Amengual, auch wenn einige von ihnen zuletzt gegen andere Besucher gewettert hatten. Sie würden dank der Sondergenehmigung mit dem Auto vorfahren und dann, wo es eben ginge, ebenfalls auf der empfindlichen Vegetation parken.
Als mittelfristige Lösungen schlägt Pep Amengual vor, eine tägliche Höchstzahl an Fahrzeugen festzulegen und eigene Parkbereiche fernab der Dünen auszuweisen. Auch Holzstege, wie es sie an anderen Stränden wie etwa der Cala Mesquida gibt, sollten installiert werden. Auf ihnen kommen die Badegäste zum Strand, ohne dass sie auf die Dünen treten müssen. Zudem sollten Besucher über das sensible Dünensystem aufgeklärt werden.
Nur noch wenige natürliche Dünensysteme auf Mallorca
„Wenn wir nicht wollen, dass der Strand Es Carbó wie der Strand von Arenal wird, der kein lebendiges System mehr ist, sondern ein Haufen Sand mit Handtüchern darauf, dann müssen wir etwas tun“, sagt Amengual. „Will heißen: die wenigen natürlichen Dünensysteme schützen, die auf Mallorca noch übrig sind, und dort den Spagat zur touristischen Nutzung der Küste hinbekommen.“
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