Der Winter steht vor der Tür. Auf Mallorca heißt das, dass viele touristische Betriebe schließen und die Saisonkräfte in die Arbeitslosigkeit gehen. Es ist nicht einfach, in den kalten Monaten auf der Insel einen Job zu bekommen. In Deutschland hingegen sucht so gut wie jedes Restaurant und Hotel händeringend nach Personal. Etliche Unternehmen strecken deswegen ihre Fühler nach mallorquinischen Arbeitskräften aus. Um die Vermittlung kümmert sich jetzt, neben anderen Organisationen, auch die Hilfsorganisation Hope Mallorca.

„Es kann nicht sein, dass an einer Ecke Europas viele Mitarbeiter fehlen, und es an der anderen Ecke mehr als genug Leute ohne Job gibt“, sagt Hope-Chefin Heimke Mansfeld. Die Hilfsorganisation nutzt ihre Kontakte und den inzwischen erlangten Bekanntheitsgrad zur Arbeitsvermittlung.

Deutsche Firmen melden sich bei Hope auf der Suche nach Personal, und Bedürftige in den Schlangen bei der Essenausgabe, die arbeitslos gemeldet sind, bekommen eine Chance. „Wir treffen dabei keine Vorauswahl, sondern geben einfach nur die Kontakte weiter“, so Mansfeld. „Vorkenntnisse oder Ausbildungen sind nicht immer notwendig. Es werden einfach nur Leute gesucht, die Lust auf Arbeit haben.“ 28 Personen habe man bislang vermittelt.

Die Organisation setzt sich dabei keine Grenzen, was die Branchen angeht. „Eine Zusammenarbeit mit dem Legoland steht bevor. Anderswo werden Lagerarbeiter gesucht“, so Mansfeld. Bislang sind die wichtigsten Partner der österreichische Ableger von McDonald’s, die Hotelkette Dorint und das Westin an der Hamburger Elbphilharmonie.

MZ-Preisträgerinnen für soziales Engagement 2021: Heimke Mansfeld, Jasmin Nordiek und Sonja Willner von Hope Mallorca

Der Arbeitsmarkt im Vergleich

Die Nachfrage auf beiden Seiten ist groß. Im Oktober ist die Zahl der Arbeitslosen auf den Inseln im Vergleich zum September um wieder knapp 2.700 auf 52.000 gestiegen. Im Vergleich zum Pandemie-Herbst im Jahr zuvor sind das zwar 30.000 Arbeitslose weniger. Doch vielen von ihnen geht es richtig schlecht: Die Balearen belegen mit 5,8 Prozent einen der letzten Plätze bei der Bewilligung von Anträgen für den staatlichen Mindestlohn (Ingreso Mínimo Vital).

Das Arbeitsamt in Deutschland verzeichnete seinerseits im Oktober knapp 810.000 offene Stellen – rund 200.000 mehr als vor einem Jahr –, 50.000 davon in der Gastrobranche. Die Dunkelziffer sei wesentlich höher. „Im Schnitt wird nur jede zweite offene Stelle gemeldet“, so ein Sprecher gegenüber der „Bild“.

Für viele Deutsche nicht mehr attraktiv

Dabei sind gleichzeitig 185.000 Servicekräfte offiziell als arbeitslos gemeldet. „Unsere Branche hat einen schlechten Ruf. Das Gehalt ist nicht attraktiv. Manchmal stehen Schichten am Wochenende an“, sagt Madeleine Marx, Hoteldirektorin vom Westin in Hamburg gegenüber der MZ. Das Problem sei nicht erst durch die Pandemie entstanden, Corona habe es verschlimmert. Da stimmt auch Frank Schönherr zu, Regionaldirektor der Dorint-Kette in Nordrhein-Westfalen. „Durch die lange Kurzarbeit haben wir viele Fachkräfte verloren. Das Kurzarbeitergeld war zu wenig. Die Leute haben bessere Jobs gefunden. Sie jetzt zurückzuholen, ist schwierig.

Viele Studenten arbeiteten gewöhnlich als Kellner oder Hilfskräfte. „Da die Universitäten auf Online-Kurse umgestellt haben, sind viele Studentenwohnheime leer“, sagt Schönherr. „Die Studenten wohnen wieder bei den Eltern und brauchen sich die Miete nicht mehr zu verdienen.“ Zudem sei durch den Stillstand auch die Leiharbeit zum Erliegen gekommen. „Die Fremdfirmen haben ihre Arbeitskräfte abgezogen. Die meist ausländischen Arbeiter sind zurück in ihre Heimatländer“, sagt Marx. „Einer unserer besten Arbeiter kam aus Nigeria. Ihm wurde die Arbeitserlaubnis entzogen, und er wurde abgeschoben. Wir haben Briefe geschrieben und gebettelt, aber keine Chance. Von den Deutschen will niemand die Arbeit machen. Wir bekommen vom Arbeitsamt nicht mal Vorstellungsgespräche vermittelt.“

Flug und Sprachkurs wird bezahlt

Service, Empfang, Küche – es fehlt an allen Ecken und Enden an Leuten. Daher sollen es nun die Mallorquiner richten. „Die Sprache ist heute nicht mehr die große Herausforderung“, sagt Schönherr. „Die meisten Leute sprechen Englisch. In unseren Hotels beherrschen einige Mitarbeiter auch Spanisch.“ Die Arbeitgeber zahlen Flug und Sprachkurs, am Anfang stellen sie gar ein Bett und Verpflegung zur Verfügung. „Aus Steuergründen müssen wir einen kleinen Betrag vom Gehalt abziehen. Aber das ist nichts im Vergleich dazu, wenn die Leute selbst für ihren Lebensunterhalt aufkommen müssten.“ Zwei Mallorquiner haben bei Dorint schon in Hotels in Arnsberg angefangen, zwei weitere starten in Kürze in Köln. „Für ein Fazit ist es noch zu früh. Doch wir sind mit dem ersten Eindruck sehr zufrieden.“

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