Sie sind aus dem Stadtbild nicht mehr wegzudenken, die großen kastenförmigen Taschen, in denen Männer und Frauen auf Fahrrädern, Motorrädern und anderen Transportmitteln Essen und andere Güter ausliefern. Das Heer der sogenannten rider wird zum überwiegenden Teil von einer Handvoll großer internationaler Unternehmen beschäftigt, darunter Uber Eats, Delivery Hero oder Deliveroo.

Spanien hat seinen eigenen Aufsteiger in dieser nicht unumstrittenen Form der „New Economy“: Glovo aus Barcelona mischt im Konzert der Großkonzerne mit. Jedoch hat das Unternehmen gerade seine Eigenständigkeit eingebüßt. Am 31. Dezember wurde bekannt, dass der deutsche Lieferdienst Delivery Hero weitere knapp 40 Prozent der Anteile von Glovo kauft und somit mit mehr als 80 Prozent die Kontrolle beim spanischen Mitbewerber übernimmt. Der Dax-Konzern will die Marke Glovo und das Management beibehalten. Mit 250 Millionen Euro soll das weitere Wachstum der Spanier angetrieben werden.

Die Übernahme, die in Aktien von Delivery Hero bezahlt wird, bewertet Glovo mit 2,3 Milliarden Euro. Nicht schlecht für eine Firma, die gerade erst sechs Jahre alt ist. Óscar Pierre hatte das Unternehmen 2015 zusammen mit Sacha Michaud gegründet. Pierre studierte in den USA Flugingenieur und beobachtete dort den raschen Aufstieg von neuartigen – und oft kontroversen – Geschäftsmodellen, die auf digitalen Plattformen basieren. Nach der Rückkehr in seine Heimatstadt Barcelona folgten er und Michaud dem Trend der Kurierdienste.

Boom im Lockdown

Es folgte ein atemberaubender Aufstieg sowie die Expansion ins Ausland. Heute zählt Glovo nach eigenen Angaben 4,3 Millionen Kunden in 24 Ländern. Das Unternehmen hat 2.900 Mitarbeiter, doch weitere 65.000 Personen arbeiten ohne Festanstellung als rider für die Auslieferung in den gelben Boxen mit dem grünen Firmenlogo. Die Corona-Pandemie mit ihren langen Lockdowns, währenddessen Restaurants geschlossen waren, gab der Branche weltweit einen enormen Schub. Viele Menschen entdeckten zum ersten Mal die Möglichkeit, sich das Gericht ihres Lieblingslokals an die Haustür bringen zu lassen. Auch Glovo hatte keine Probleme bei der Finanzierung des Wachstums. Risikokapitalgeber und andere Finanzinvestoren gaben den Spaniern nur allzu gern frisches Geld. Auch Delivery Hero machte bei mehreren Runden der Kapitalerweiterung mit und schraubte so Stück für Stück seinen Anteil in die Höhe, bis zur Komplettübernahme an Silvester.

Auch Delivery Hero war in Deutschland ein Shootingstar, was mit dem Eintritt in den Schwergewichtsindex Dax belohnt wurde. Doch zuletzt läuft es an der Börse nicht mehr so gut. Denn mit dem Fortgang der Pandemie – trotz Omikron-Variante haben die allermeisten Länder von erneuten Schließungen von Handel und Gastronomie abgesehen – flaut auch der Enthusiasmus der Anleger für die plattformbasierten Lieferdienste ab. Das kam offenbar auch bei Glovo an, das im Sommer noch einen eigenen Börsengang geplant hatte. Letztlich entschieden sich die Anteilhaber, die Fonds, für den Verkauf an den deutschen Konkurrenten.

Prekäre Arbeitsverältnisse in der Branche

Experten sind sich zwar sicher, dass der Trend der Verbraucher zu Bestellungen über Apps, sei es die frische Pizza oder der Einkauf aus dem Supermarkt, anhalten wird, da sich die Gewohnheiten nachhaltig verändert haben. Doch über dem Geschäftsmodell der Lieferdienste schwebt auch eine Ungewissheit. Nicht nur in Spanien blicken Gesetzgeber, Gerichte und Medien sehr kritisch auf die prekären Arbeitsverhältnisse in der Branche. Die „rider“ werden als Selbstständige beschäftigt. Über die Glovo-App erhalten sie Bestellungen, die sie ausliefern und dann abrechnen können. Das Risiko übernehmen komplett die Fahrer. Gibt es keine Bestellungen, verdienen sie auch nichts, ganz abgesehen von fehlenden Leistungen bei Unfällen oder Einkommensersatz bei Krankheit.

Komplett von der Plattform abhängig

Vergangenen Sommer bestätigte der Oberste Gerichtshof Spaniens ein Urteil, das in konkreten Fällen eine Scheinselbstständigkeit dieser Fahrer festgestellt hatte. Die rider sind komplett von der Plattform abhängig, da sie etwa zu bestimmten Zeiten zur Verfügung stehen müssen. Auch die spanische Regierung aus Sozialisten und Linken hatte die Lieferbranche auf dem Kicker. Im August wurde ein neues Gesetz beschlossen, bekannt als „ley rider“, das die Unternehmen dazu verpflichtet, ihre Fahrer und Fahrerinnen fest anzustellen.

Das verdirbt den Firmen die Gewinnmargen. Als erste schmiss die britische Deliveroo hin und stieg Ende vergangenen Jahres aus dem spanischen Markt aus. Andere wie Uber Eats versuchen, das Gesetz zu umgehen, indem sie auf Subunternehmen zurückgreifen. Auch Glovo will in Spanien seine Aufträge künftig vermehrt von anderen ausführen lassen. Von den 12.000 riders werden lediglich 2.000 fest übernommen. Für die anderen wurden die Arbeitskonditionen verändert. So sind die vermeintlich freiberuflichen rider nicht mehr zu festen Arbeitszeiten verpflichtet.

Gewerkschaften und Rechtsexperten gehen davon aus, dass die Anpassung der Dienstleister an das neue Gesetz erneut auf juristische Probleme stoßen wird. Zu Jahresbeginn befand ein Gericht in Vigo, dass 97 rider von Glovo in der Provinz unrechtmäßig als Selbstständige beschäftigt wurden, da sie ausschließlich von der Plattform entlohnt werden und nicht etwa von den Kunden, den Restaurants und Supermärkten. Der Kampf um das Geschäftsmodell in Spanien wird nun auch Delivery Hero weiter beschäftigen.