Zum Hauptinhalt springenZum Seitenende springen

Zum Auftakt der Tourismussaison: Mallorca klagt über chronischen Arbeitskräfte-Mangel

Viele Unternehmen suchen händeringend nach geeignetem Personal, um mit voller Fahrt in die Urlaubersaison starten zu können. Doch das ist schon lange rar - und Besserung ist nicht in Sicht

Auch die Gastronomie ist vom Arbeitskräftemangel betroffen - wenn auch weniger als andere Sektoren

Auch die Gastronomie ist vom Arbeitskräftemangel betroffen - wenn auch weniger als andere Sektoren / Manu Mielniezuk

Mallorca steht kurz vor einer neuen Tourismussaison – und ist geplagt durch einen wachsenden Mangel an Arbeitskräften. Für viele Saisonarbeiter vom Festland lohnt es sich nicht, den Sommer auf der Insel zu verbringen, da die Mietkosten so hoch sind, viele finden nicht einmal eine Wohnung. In einigen Branchen droht dieser Engpass nicht nur chronisch zu werden, sondern wird durch die geplante Arbeitszeitverkürzung auf 37,5 Stunden pro Woche zusätzlich verschärft.

Besorgnis über die Situation

Wie die Nachrichtenagentur Europa Press berichtet, äußerten sich Vertreter von Branchen wie Einzelhandel, Bauwesen oder Warenverkehr zum Teil alarmiert über die Situation, die sie als „besorgniserregend“ und „äußerst kompliziert“ beschreiben. Zwar ist es schwierig, den genauen Bedarf an Arbeitskräften zu quantifizieren, doch mit dem bevorstehenden Beginn der Hochsaison wird das Problem immer deutlicher – und zunehmend dauerhaft.

Einige Sektoren, wie die Gastronomie, sehen dem Sommer gelassener entgegen. Fachleute betonen indes, dass die Lösung vor allem in höheren Löhnen liege. Allerdings hatte der balearische Gastro-Verband erst am Samstag (10.5.) Alarm geschlagen, weil die Gastro-Branche im ersten Quartal 2025 Umsatzeinbußen von bis zu 20 Prozent im Vergleich zum Vorjahr verzeichnet hat.

Alarmstimmung im Gütertransport

Im Güterverkehr warnt Jeroni Valcaneras – Präsident des Sektors bei Pimem und Vorsitzender der UATAE (Unión de Asociaciones de Trabajadores Autónomos) – vor einer „alarmierenden“ Situation, die sich über die letzte Dekade hinweg aufgebaut hat.

„Seit zehn Jahren sinkt die verfügbare Arbeitskraft stetig“, erklärt Valcaneras. Allein an Berufsfahrern fehlen zwischen 500 und 600 Arbeitskräfte, mit zusätzlichem Lagerpersonal steigt die Zahl auf etwa 750 – in der Hochsaison könne sich der Bedarf sogar verdoppeln.

Ursachen sieht er in schlechten Arbeitsbedingungen, niedrigen Löhnen und komplizierten Zertifizierungsanforderungen. „Niemand will diesen Job machen“, sagt er. Ironischerweise leidet gerade der durch den Onlinehandel boomender Sektor unter akutem Personalmangel.

Die Arbeitszeitverkürzung sieht Valcaneras kritisch: „Für Selbstständige wird das zu einer Belastung durch höhere Kosten.“ Die Maßnahme sei „nicht sonderlich populär“.

Probleme bei Lebensmittellieferdiensten

Auch Bartolomé Servera, Präsident der ADED (Verband für Lebensmittel-, Getränke- und Reinigungsmittelvertrieb), berichtet von einer dauerhaften Knappheit an Lieferfahrern.

Die Unternehmen müssten aufgrund fehlender Planbarkeit ständig improvisieren. Besonders ärgert ihn die Abwanderung von ausgebildeten Fahrern in den öffentlichen Nahverkehr, die somit im öffentlichen Dienst beschäftigt sind: „Die schnappen uns die Fahrer weg. Dann sollen sie sie auch selbst ausbilden.“

Baugewerbe: Mangel trotz Erholung

Das Baugewerbe leidet weiterhin unter den Folgen der Krise 2008, als die Beschäftigtenzahl um die Hälfte zurückging. Zwar erholt sich die Branche langsam, erreicht aber keine stabilen Werte.

Sandra Verger, Geschäftsführerin des Verbandes balearischer Bauunternehmer, sieht neben dem hohen Lebenshaltungs- und Wohnkosten vor allem ein strukturelles Problem: fehlenden Generationenwechsel.

„Viele Beschäftigte stehen kurz vor dem Ruhestand, Nachwuchs kommt kaum nach“, erklärt sie. Berufsausbildung und Mikro-Zertifizierungen könnten helfen, die Lücke zu füllen. Die Arbeitszeitverkürzung werde im Bau nur geringen Einfluss haben – man arbeite bereits unter 40 Stunden –, allerdings brauche es flexiblere Regelungen für Überstunden.

Einzelhandel: „Kein attraktiver Sektor mehr“

Auch der Einzelhandel kämpft mit generellem Personalmangel, insbesondere auf Mallorca. „Was wir hier jetzt erleben, passierte auf Ibiza und Formentera schon vor Jahren“, sagt Afedeco-Präsidentin Joana Manresa.

Ursache seien wieder der Wohnungsmarkt und die Lebenshaltungskosten, die eine Anwerbung von Fachkräften massiv erschweren – insbesondere im Sommer.

Zudem verliere die Branche Attraktivität für junge Menschen. Der Einzelhandel konkurriere dabei mit anderen Sektoren: „Sie fangen bei uns an, wechseln dann für mehr Geld in die Gastronomie oder in Supermärkte.“

Experte: „Kein flächendeckendes Problem – nur zu wenig Lohn“

Der Ökonom Ferran Portella von der Universität der Balearen (UIB) widerspricht der Einschätzung eines generellen Arbeitskräftemangels. „Wir hören diese Klagen jeden Sommer“, sagt er. Das Problem sei punktuell und auf saisonale Touristenströme begrenzt.

Die Lösung? Höhere Löhne. Portella zitiert den ehemaligen US-Präsidenten Joe Biden: „Pay them more.“ Wer angemessen bezahlt, finde auch Personal.

Zur Arbeitszeitverkürzung sagt Portella, sie könne nur mit wirksamer Kontrolle umgesetzt werden – dann allerdings wäre sie „eine große Sache“, da sie die Einstellung zusätzlicher Kräfte erforderlich machen würde.

Tracking Pixel Contents