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Weniger Tote als bei "CSI": Wie Rechtsmediziner auf Mallorca wirklich arbeiten

Borja Moreno ist Rechtsmediziner auf Mallorca. In einem launigen Buch und in Social-Media-Posts (#forensexy) beschreibt er echte Fälle – auch zur Selbsttherapie

Buchautor und Rechtsmediziner Borja Moreno will der Gesellschaft seine Profession näherbringen

Buchautor und Rechtsmediziner Borja Moreno will der Gesellschaft seine Profession näherbringen / Editorial La esfera de los libros

Sophie Mono

Sophie Mono

Borja Moreno (Elda, 1984) ist Experte für forensische Psychiatrie und auf Mallorca als Rechtsmediziner und Uni-Dozent tätig. Sein Buch „Abierto en canal“ will mit Tabus brechen (Verlag La Esfera de los libros, 336 Seiten, Spanisch 19,90 Euro).

Ihr Buch ist locker geschrieben. Auch in den sozialen Medien propagieren Sie, dass Sie mit der traditionellen Ernsthaftigkeit des Rechtsmediziners brechen wollen. Warum?

Mein Beruf widmet sich sehr ernsten Themen, aber hinter all dem gibt es auch immer eine emotionale Komponente, zum Guten oder zum Schlechten. Ich will dem Beruf nicht seine Ernsthaftigkeit nehmen, wohl aber der Vermittlung der Rechtsmedizin. In Spanien gibt es keinen Kommunikator, der der Öffentlichkeit die forensischen Wissenschaften angemessen näherbringt und gleichzeitig versteht, was dort getan wird.

Dank zahlreicher Fernsehserien haben wir ja alle ein gewisses Bild der Rechtsmedizin...

Ja, es gibt eine Zeit vor „CSI“ und eine danach. Die Gesellschaft im Allgemeinen hat Freude daran, diese Wissenschaft kennenzulernen. Sie war immer etwas Dunkles, Geheimnisvolles. Und die Öffentlichkeit hat ein Recht darauf, davon zu erfahren. „CSI“ und Co. geben natürlich nicht wirklich die Realität wieder. Was in Wahrheit oft sehr lange dauert, geschieht dort sehr schnell. Auch die Werkzeuge, die sie in der Serie benutzen, sind so blitzneu, dass sie wenig mit unserem Material gemein haben.

Und Ihr Arbeitsalltag? Ist der auch anders, als in den Serien beschrieben?

Das ist er. Er ist auch anders als zum Beispiel in Deutschland. Die deutsche Forensik ist sehr an die Unis und Lehrstühle gebunden. In Spanien sind die Rechtsmediziner ein nationaler Ärztekörper, der den Richtern unterstellt ist und für das Justizministerium arbeitet. Das Charakteristischste bei uns ist, dass wir auch Lebende sehen. Die meiste Zeit über sind wir am Gericht an der Via Alemanya in Palma. Dort halten wir eine Sprechstunde ab für Patienten, die Verletzungen erlitten haben und begutachtet werden müssen, damit der Richter auf Grundlage unseres Gutachtens ein Urteil fällen kann – beispielsweise, ob es sich um Verletzungen nach einem Verkehrsunfall oder einer Aggression handelt. Zudem müssen wir klären, ob eine psychische Beeinträchtigung hinter der Tat stecken könnte oder ob der mutmaßliche Täter bei klarem Verstand war. Hinzu kommen die Leichenschauen. Für die fahren wir zu unserem Gerichtsmedizinischen Institut an Palmas Friedhof. Aber wir sehen im Berufsalltag mehr Lebende als Tote.

Ihr Schwerpunkt ist forensische Psychiatrie. Oft haben Sie nur wenig Zeit für Untersuchungen. Wie können Sie sich sicher sein, die Zurechnungsfähigkeit eines Menschen so schnell zu bestimmen?

Was enorm hilft, sind Kenntnisse über die psychische Krankengeschichte. Beispiel: Ein älterer Mensch mit Alzheimer steigt auf einem öffentlichen Platz vor aller Augen nackt in den Brunnen. Wir alle können interpretieren, dass er vielleicht sehr alt ist, eine psychische Störung hat. Also wird er festgenommen und der Rechtsmediziner muss feststellen, ob eine Grunderkrankung vorliegt. Falls ja, ist es ein einfacher Fall. Schuld zu sein, bedeutet für mich die Fähigkeit, verantwortlich zu sein, zu verstehen, was passiert ist und zu begreifen, dass man Schaden angerichtet hat, den es wieder gutzumachen gilt.

Nicht alle Fälle sind so klar. Könnte jeder von uns in Extremsituationen Mörder werden?

Ja. Aber das spanische Strafgesetzbuch befreit dich in einigen dieser Extremsituationen von der Verantwortung, jemanden entschädigen zu müssen. Zum Beispiel bei einer legitimen Verteidigung. Da könnte der Rechtsmediziner eine Rolle spielen, ebenso wie bei der Frage nach strafmildernden Umständen, etwa weil jemand in einem Zustand großer Emotionen, Verblendung oder Leidenschaft gehandelt hat. Nehmen wir einmal an, es begegnen sich eine als Clown verkleidete Person und eine Person mit einer Clownphobie. Da könnte es zu Überreaktionen oder Handgreiflichkeiten kommen. Und der Rechtsmediziner könnte, wenn die Phobie in der Krankengeschichte beschrieben ist, feststellen, dass diese Phobie den Willen zur Selbstkontrolle beeinträchtigt hat. So wäre eine Strafmilderung wahrscheinlich.

Und wenn es keine dokumentierte medizinische Vorgeschichte gibt?

Wir stützen uns auf die psychopathologische Exploration des Patienten. Nur anhand derer kann ich die Fähigkeit zur Schuld aber nicht definieren. Es muss Dokumente geben, die das belegen. Übrigens sind unsere Gutachten nicht bindend. Der Richter kann sie berücksichtigen oder auch nicht.

Sie plädieren dafür, dass Straftäter mit psychischen Störungen mehr in Kliniken und weniger in Gefängnissen behandelt werden. Ist das auch ein Grund für Ihr Buch?

Es ist nicht der Grund, aber ich gehe im Buch darauf ein. Psychische Krankheiten haben einen Ort, an dem sie behandelt werden sollten, und das ist in Krankenhäusern. Wenn der psychisch Kranke gefährlich ist, gibt es forensisch-psychiatrische Kliniken im Strafvollzug. Es ist nicht nötig, psychisch Erkrankte in ein Gefängnis zu sperren. Eine Person zu inhaftieren, die sich nicht erklären kann, warum sie im Gefängnis ist, oder den begangenen Straftatbestand nicht versteht, ist eine Zeit- und Ressourcenverschwendung. Das muss die Gesellschaft verstehen.

Sie erzählen im Buch von echten Fällen. Der Grat zwischen Information und Voyeurismus ist schmal. Gab es nie Kritik?

Doch, von dem ein oder anderen älteren Kollegen. Aber das Buch behandelt die Opfer mit viel Respekt und anonymisiert, manchmal habe ich auch Ort oder Geschlecht geändert. Nur bei wenigen kommen Namen vor, da haben mir Angehörige ihr Einverständnis gegeben. Nur, weil etwas nicht todernst, sondern locker geschrieben ist, ist es nicht gleich sensationalistisch. Es geht viel um meine Eindrücke, darum, wie ich auf diese Fälle reagiere und es gibt auch eine Essenz von Spiritualität.

Also ist es für Sie eine Art Therapie, um das Erlebte zu verarbeiten?

Ja. Auch beim Psychologen bringt man das zur Sprache, was einen beschäftigt. Durch das Buch oder meine Veröffentlichungen in sozialen Medien versuche ich, Fragen und innere Monster ein wenig loszulassen. Wir Gerichtsmediziner sind Menschen. Zudem scheint die Gesellschaft eine frontale Ablehnung gegenüber dem Tod zu haben. Ich will der Bevölkerung näherbringen, wie der biologische Übergang des Körpers vom Leben in den Tod ist. Wir werden gehen, wir alle. Das sollte man nicht ausblenden. Die jungen Leute verstehen das viel besser. Ich arbeite auch als Dozent an der UIB. Jedes Jahr gibt es ein oder zwei der 50 bis 60 Medizinstudierenden pro Jahrgang, die Rechtsmediziner werden wollen. Das ist ein Erfolg. Letztens sagte ein Studierender, ich schaffe es, Leidenschaft für die Rechtsmedizin zu wecken. Das macht mich stolz.

Und woher kommt Ihre Leidenschaft?

Mir war immer ziemlich klar, dass ich Rechtsmediziner werden wollte. Alternativ wäre ich Fremdenführer in Florenz geworden, oder Fitnesstrainer (lacht). Aber ich bereue meine Wahl nicht. Es ist schwierig, nach der Arbeit abzuschalten, aber es ist auch Gewöhnungssache. Und ich bin Optimist. Ich glaube weiter an das Gute in der Gesellschaft.

Auch Deutsche sterben auf Mallorca. Erschwert es Ihre Arbeit, wenn die Toten nicht von hier kommen?

Ja, denn häufig kommt man nicht an die ärztlichen Dokumente aus der Heimat heran. Auch für Angehörige ist die Kommunikation schwer, das belastet sie zusätzlich. Mit ihnen müssen wir noch behutsamer und verständnisvoller umgehen. Aber die Zusammenarbeit mit dem Konsulat funktioniert gut.

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