So werden Lehrer auf Mallorca ausgebildet, angestellt und bezahlt
Die Unterschiede zu Deutschland sind groß. Auch auf der Insel aber sind die Lehrer hin- und hergerissen zwischen Burn-out und Berufung

Obwohl er gelegentlich ordentlich Stress hat: Toni Carles Melis mag seinen Job als Mathe-Lehrer an der Gesamtschule in Capdepera. / privat
Physikalische Zusammenhänge und Phänomene – all das hat Toni Carles Melis schon immer interessiert. Niemand war daher überrascht, als er sein Physik-Grundstudium an der Balearen-Uni antrat. Ein logischer Schritt. Erst danach stellte sich der Mallorquiner aus Capdepera die Frage: Was will ich eigentlich damit anfangen? Er beschloss, Lehrer zu werden. Eine Entscheidung, die sein Leben in neue Bahnen wies.
Die Welt der Physik ist längst nur noch ein kleiner Teil von Melis’ Alltag – zumal seine Stelle an der Gesamtschule Capdepera eigentlich die eines Mathematiklehrers ist. Stattdessen sind es die pubertären Reibereien seiner jugendlichen Schüler, die ihn Tag für Tag auf Trab halten. Einstein, Newton und Co. bringen sie weniger Interesse entgegen.
Klar: Mit seinem Schicksal ist Toni Carles Melis wahrlich nicht allein. Weltweit dürfte der Lehrerberuf überall ähnlich aufreibend sein. Erst recht an Orten mit hohem Anteil bildungsferner Schichten, wie es oft in den Küstenorten Mallorcas der Fall ist. „Der Lehrerberuf wird in der Gesellschaft überhaupt nicht gewertschätzt, besonders von den Eltern nicht. Alle sagen uns, wie wir unsere Arbeit machen sollen. Sie denken, sie haben ein Recht darauf, weil es um ihre Kinder geht. Aber mir würde es doch auch nicht einfallen, Menschen aus anderen Berufen zurechtzuweisen, was sie tun und lassen sollen“, sagt Toni Carles Melis.
„Druck teilweise unerträglich“
Er ist ein robuster Mann, kommt mit seiner lässigen Art bei den meisten Schülern gut an. Der nahbare Kumpel-Typ, beliebt und respektiert. Man merkt, dass ihm die Arbeit gefällt – trotz allem. „Es macht mir Spaß, ich bereue meine Entscheidung zum Lehrerberuf nicht. Aber der Druck ist teilweise unerträglich. Viele meiner Kollegen leiden unter Depressionen. Kein Wunder, dass kaum noch jemand Lehrer werden will“, sagt er.
Tatsächlich bemängeln Gewerkschaften auf Mallorca seit Jahren Missstände in der Lehrer-Branche. Zu hohe Arbeitslast, zu geringe Vergütung, zu viel Belastung durch problematische Schüler und Eltern. Einer Untersuchung der Balearen-Uni zufolge sind 86 Prozent der Lehrkräfte auf den Balearen Burn-out-gefährdet, bei 15 Prozent sei das Risiko als „extrem hoch“ einzustufen. Einen 1:1 Vergleich zu Deutschland herzustellen, ist schwierig, zumal das gesamte Bildungssystem anders aufgebaut ist. Fest steht aber: Besonders hoch ist das Ansehen der Lehrkräfte in Spanien nicht.
Dabei ist die Lehrerausbildung hier, zumindest was das Fachliche angeht, durchaus solide. Wer maestro an der Grundschule (Educación Primaria, bis einschließlich sechste Klasse) werden will, muss zuvor ein vierjähriges Universitätsstudium in Pädagogik (Educación) absolvieren, das von Beginn an direkt auf den Lehrberuf ausgerichtet ist. „Hier wählen die künftigen Lehrer einen Schwerpunkt wie Sport, Musik oder Sprachen, die Ausbildung insgesamt ist aber generalistisch angelegt“, erklärt Begoña de la Iglesia Mayol, Studiensekretärin an der erziehungswissenschaftlichen Fakultät der Balearen-Uni.
Keine Prüfung in der Schulpraxis
Für alle, die den Beruf der profesores an weiterführenden Schulen (institutos) und Berufsschulen anstreben, steht dagegen zunächst ein fachwissenschaftlicher Bachelor an – zum Beispiel in Geschichte, Mathematik oder Biologie. Der Studiengang hat zunächst nichts mit dem Lehramt zu tun. „Erst im Anschluss absolvieren sie einen Master für Lehramtsausbildung (Máster en Formación del Profesorado), der zur Berufsausübung berechtigt“, so de la Iglesia. Zudem sei auch ein Pflichtpraktikum an einer Schule zentraler Teil der Ausbildung. „In Spanien gibt es jedoch keine staatliche Abschlussprüfung wie das Staatsexamen in Deutschland; die Lehrbefähigung wird vielmehr durch einen offiziell anerkannten Universitätsabschluss erworben“, so de la Iglesia weiter. Unterrichtsbewertungen direkt aus der Schulpraxis, wie sie deutsche Referendare kennen, gibt es also nicht.
Danach hängt der Einstieg in den Lehrerberuf vom Schultyp ab. In Privatschulen oder halbstaatlichen Schulen (concertados) erfolgt die Einstellung direkt durch die Schule, sofern die Person die gesetzlichen Qualifikationsanforderungen erfüllt. „Man hat ein Vorstellungsgespräch und wird genommen oder eben nicht“, so de la Iglesia. Im öffentlichen Schulwesen hingegen können die Lehrer nur dann eine feste Stelle ergattern, wenn sie ein von der jeweiligen spanischen Region organisiertes, kompliziertes Auswahlverfahren (oposición) bestehen. „Auch hier muss man selbst im praktischen Teil der Prüfung nur eine hypothetische Unterrichtssituation simulieren. Niemand schaut sich an, ob derjenige wirklich für den Lehrerberuf geeignet ist. In manchen Fällen wird das dann erst offensichtlich, wenn er bereits seine feste Beamtenstelle hat und unkündbar ist“, sagt Toni Carles Melis.
Er selbst hatte Glück: Aufgrund einer kurzfristigen EU-Verordnung bekam er seine Verbeamtung und seinen festen Platz an der Gesamtschule von Capdepera im vergangenen Jahr auch ohne sich der Oposiciones-Prüfung stellen zu müssen. Zuvor hatte er mehrere Jahre als Aushilfslehrer gearbeitet.
Immer auf Abruf
Tatsächlich, bestätigt auch Begoña de la Iglesia Mayol von der Balearen-Uni, arbeiten viele Lehrkräfte zunächst eine Zeit lang als Vertretungskräfte (interinos), bevor sie sich den oposiciones stellen. „Jede Region führt ihre eigenen Prüfverfahren durch und verwaltet separate Listen der zur Verfügung stehenden interinos. Grundsätzlich kann man sich mit dem Uni-Abschluss zwar landesweit bewerben, muss dann aber die jeweiligen spezifischen Anforderungen erfüllen“, so die Studiensekretärin. Auf den Balearen beispielsweise ist das Sprachniveau C1 in Katalanisch als berufliche Voraussetzung erforderlich.
Wie es ist, als interino zu arbeiten, das weiß Noelia Giménez. Ihr Grundschul-Lehramtsstudium absolvierte sie in Córdoba (Andalusien) und stellte sich dort auch dem regionalen Auswahlverfahren. „Aber im Jahr 2015 kamen dort 9.000 Leute auf 100 Plätze, es war verrückt.“ Also zog sie zunächst nach England und kam dann 2018 nach Mallorca – auch deshalb, weil der Wettbewerb um die freien Stellen wegen der Insellage und den hohen Lebenskosten auf den Balearen deutlich geringer ist als in Südspanien.
Die folgenden Jahre wurden für die heute 33-Jährige zur Odyssee. Immer wieder wurde sie als Aushilfskraft an eine andere Grundschule geschickt. Manchmal nur für eine Woche, manchmal für einen Monat. „Oft sagen sie nicht einmal, wie lange man bleiben darf, weil es noch gar nicht feststeht, wenn man die Stelle antritt“, berichtet Giménez. Jedes Wochenende komme Bewegung in die Interinos-Liste, oft musste sie von einem auf den anderen Tag an einer neuen Schule anfangen. „Es ist wie bei der Lotterie. Wenn man Glück hat, kommt man an eine Schule in der Nähe des Wohnorts, wenn man Pech hat, wird man auf eine andere Insel geschickt.“ Auch Giménez arbeitete zwischendurch auf Menorca, flog morgens hin und abends zurück. „Das ist extrem kräftezehrend. Und es ist unmöglich, die neue Schule, die Strukturen, die Kollegen und die Kinder so schnell kennenzulernen.“ Trotzdem gefalle manchen interinos die Freiheit, nicht an eine spezifische Schule und deren Probleme gebunden zu sein.
Mehrere Jahre lang ließ sich Noelia Giménez auf diesen unbeständigen Lebensstil ein – und versuchte gleichzeitig, den immer wechselnden Schülern eine gute Lehrerin zu sein. Nebenbei absolvierte sie Weiterbildungen, die auf den Balearen an gleich mehreren Standorten für Lehrer angeboten werden. „Je mehr Qualifikationen und Erfahrungen als interino man hat, desto weiter klettert man auf der Liste nach oben“, sagt sie. Und hat größere Chancen, Stellen für längere Vertretungen zu übernehmen, an Orten, die einem zusagen. Seit mittlerweile anderthalb Jahren arbeitet sie an einer Grundschule in Sa Coma. Auch hier nicht unbefristet und nicht verbeamtet, auch hier während der Sommerferien als arbeitslos gemeldet. „Aber es ist deutlich besser, als das Hin und Her, das ich bisher erlebt habe“, sagt sie. Zumal sie 2024 selbst ein Kind bekam. „So familienfreundlich der Lehrerberuf als funcionario sein mag – als interino mit ständig wechselnden Stellen ist er das Gegenteil“, sagt sie.
Immerhin: Was das Gehalt angeht, stehen die nicht verbeamteten Vertretungslehrer im öffentlichen Schulsystem in Spanien – anders als angestellte Lehrer in Deutschland – nicht deutlich schlechter da als ihre verbeamteten Kollegen. Gut 2.700 Euro brutto verdienen sie an Grundschulen im ersten Jahr monatlich, an weiterführenden Schulen sind es jeden Monat etwa 300 Euro mehr – ähnlich viel wie die Beamten. Alle drei Jahre gibt es automatisch geringfügige Gehaltserhöhungen für alle Lehrkräfte, jedes Jahr zudem zwei Sonderzahlungen.
„Viel ist das nicht, wenn man sich die Wohnkosten auf den Inseln heute anschaut“, findet Noelia Giménez. Derzeit hat sie Glück, zahlt vergleichsweise wenig Miete in einem Häuschen bei Capdepera. „Aber dauerhafte Sicherheit gibt es nicht.“ An Immobilienerwerb sei nicht zu denken. Nach acht Jahren Mallorca hat sie entschieden: Ende des Jahres soll es zurückgehen nach Andalusien. In der Hoffnung, dort doch noch die gewünschte Festanstellung zu bekommen. „Immerhin haben meine Eltern dort ein Haus, und das Leben ist nicht so teuer.“
Heile Welt in den Privatschulen?
Noch schwieriger sieht es für Lehrkräfte an halbstaatlichen Schulen (concertados) aus. Im Februar drohten verschiedene Lehrergewerkschaften mit Protestaktionen. Hauptkritikpunkt: Die Gehaltsunterschiede zwischen den Lehrern im öffentlichen und den geringer bezahlten im halbstaatlichen System würden immer größer. Statt die Arbeitsbedingungen anzugleichen, sei die Situation in den concertados immer „besorgniserregender“ – und darunter leide letztlich auch die Bildung der Schüler.
An den Privatschulen (colegios privados) variiert die Stimmung indes von einer Schule zur anderen. Dass ihr Job sonderlich gut bezahlt wird, findet auch Ana Llorens nicht. Sie verdient ein paar Hundert Euro weniger als ihre Kollegen an den öffentlichen Schulen. Trotzdem ist sie zufrieden mit ihrer Anstellung als Deutschlehrerin am Colegio San Cayetano in Palma. Seit mittlerweile 18 Jahren arbeitet sie dort. „Ich verdiene lieber etwas weniger und arbeite etwas mehr, fühle mich dafür aber wohl in meinem Arbeitsumfeld“, sagt sie.
Als die heute 43-Jährige selbst noch Schülerin war, sei sie auf eine öffentliche Schule gegangen. „Das Klima ist ein ganz anderes. In San Cayetano können wir die Kinder und Jugendlichen viel enger begleiten, fachlich und emotional.“ Die Schülerschaft sei weitgehend angenehm. Auch der Umgang mit den Eltern sei in der Regel respektvoll, Konflikte könnten meist schnell gelöst werden, sagt Ana Llorens. „Ich fühle mich hier gewertschätzt. Auch wenn ich weiß, dass das nicht in der gesamten Gesellschaft so ist.“
Doch nicht alle Privatschullehrer teilen ihre Ansicht. Mehrfach erreichten die MZ in den vergangenen Jahren Beschwerden. So klagte ein ehemaliger Lehrer einer Privatschule im Inselosten, der anonym bleiben will, über einen Nettolohn von 1.500 Euro. „Bei der Verantwortung, die die Lehrer für die Schüler haben, ist dies nicht nur unangebracht, sondern auch menschlich mehr als verwerflich. Wie soll sich ein Lehrer Miete, Heizkosten, Essen leisten?“ Letztlich schmissen deswegen viele Lehrerinnen und Lehrer nach kurzer Zeit hin.
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