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Blog Mallorcapriolen - Heinz Joachim Rogel

Heinz Joachim Rogel

In allem schwach. Besonders im Schreiben von Satiren.

Über diesen Blog | Leben

Die Wahrscheinlichkeit, dass eine bestimmte Person dumm ist, besteht unabhängig von jeder anderen Eigenschaft dieser Person.


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  • 04
    Januar
    2018

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    Mallorca Cala Ratjada Leben Nachsaison

    Unterm Turm (II)

     

    Unterm Turm (II)

     

    EIN SPIEL FÜR STIMMEN

     

    ERSTE STIMME

    Unser dreihundert Jahre alter, halb zerfallener, aber noch erstaunlich rüstiger Fremdenführer humpelt von der Plaça dels Mariners aus weiter den Carrer Hermán Cortés hoch. Er zeigt schnaufend in den immer noch mondlosen Nachthimmel. Dort steht ORION und kann sich nicht entscheiden, ob er seine Keule schwingen oder seinen Bogen spannen soll.

     

    ORION

    Eine Frage von Strategie und Taktik.

     

    TURM (schnauft)

    Das sagt er schon immer. Seit fünf Millionen Jahren. Er will kein Jäger sein, sondern ein Feldherr.

     

    ERSTE STIMME

    Es geht vorbei an den beiden Albträumen des Rentnerpaars WIGGERL und VRENI WAMPENRITT. In den einhundertneunzig Kilo von Wiggerl gluckern, gurgeln, brodeln fünfzehn hochexplosive Pfund Sauerkraut, Kaldaunen, Kohlauflauf, Saumagen, Saubohnen, Schweinshaxen, Semmelnknödeln, Leberkäs, Bratskartoffeln, Kartoffelbrei, Pellkartoffeln, Kartoffelpuffer, Kartoffelsalat, Kartoffelkartoffeln, Kartoffelkompott, Kartoffelpudding und Kartoffelkonfekt.

     

    WIGGERL WAMPENRITT (zuckt im Schlaf mit den Schultern)

    Des hot holt ois weg miassa (stöhnt) ehnder's orappig wern dad (stößt auf) und ehnder fei die Preis oasteing dan (schluckt) wann'd Saisong oalaufa dad (übergibt sich im Traum auf sein Kopfkissen) und wann oiweil die Touris einfliang dan (wacht auf, übergibt sich auf sein Kopfkissen und schläft wieder ein).

     

    ERSTE STIMME

    Derweilen fühlt Vreni auch im Schlaf noch ihren Puls ab und misst ihren Blutdruck und kratzt an ihrem eigenhändig erzeugten Ekzem. Und sorgt sich, ob Wiggerl in einen erschwinglichen Sarg passen wird. Und ob seine Stahlhüften noch einen akzeptablen Preis bringen werden.

     

    VRENI WAMPENRITT

    Himmeherrgottsakra, die Haxn vom Wiggerl! Die muss i glei morng beim Ebay neidu.

     

    ZWEITE STIMME

    Der Turm wendet sich ostwärts, heimwärts, waldwärts. Wir fragen uns, ob wir ihm weiter folgen sollen, in die Zeitlupenträume der Erdbeerbäume, in die verblühten, unerfüllten Wünsche des Dornginsters, in die Erinnerungen treuloser Zwergpalmen, ins Koma verholzter Waldreben, in die Geheimnisse verschlagener, verschwörerischer Aleppokiefern und in die Erzählungen wispernder, weiser, uralter Steineichen. Oder ob wir lieber

     

    ERSTE STIMME

    in den Traum der neunzigjährigen BERTHA BESSERDICH reinschauen, der vom Carrer de l'Agulla zu uns herüberklingt, aus dem Hostal Aurora, mit Orgelakkorden und gregorianischen Gesängen unterlegt.

     

    BERTHA BESSERDICH (selig lächelnd)

    Da antwortete ich und sprach: Du bist Christus, des lebendigen Gottes Sohn! Und Jesus antwortete und sprach:

    VATER

    Bertha, deine Hände!

    BERTHA BESSERDICH

    Was ist denn mit denen, Papa?

    VATER

    Die Hände gehören nicht unter die Bettdecke, Bertha.

     

    ERSTE STIMME

    Bertha zieht ihre Hände unter der Bettdecke hervor und stellt schaudernd fest, dass es Schweinehufe sind.

     

    PFARRER

    Ist dein Rock nicht ein bisschen kurz, Bertha?

    BERTHA BESSERDICH

    Wieso denn, Hochwürden?

    PFARRER

    Weil man... Weil ich... Komm, ich zeig dir mal, warum.

     

    ERSTE STIMME

    Bertha öffnet den Mund und der Pfarrer stopft eine Ensaimada hinein.

     

    PFARRER

    El cuerpo de Cristo.

    BERTHA BESSERDICH

    Amen.

    MUTTER

    Bertha, mit vollem Mund spricht man nicht.

     

    ZWEITE STIMME

    Im Zimmer darunter wacht PHILIPP FEUCHTENBEINER im Traum aus einem Traum auf, in dem er seine verstorbene Gattin FRIEDELINDE in ihrem Rollstuhl von einem Felsen ins Meer gestürzt hat. Als er die Augen öffnet, sieht er sie am Fußende seines Betts stehen.

     

    FRIEDELINDE FEUCHTENBEINER (mit ironischem Singsang)

    Na, wie fühlt sich der Herr denn so? Jetzt, wo er seine Frau entsorgt hat. Die ihm sein Leben lang die Unterhosen gebügelt hat.

    PHILIPP FEUCHTENBEINER

    Du fehlst mir, Frieda.

    FRIEDELINDE FEUCHTENBEINER (zornig)

    Du sollst mich nicht immer Frieda nennen, merk dir das endlich mal. Ich bin keine Kuh, ja?

    PHILIPP FEUCHTENBEINER

    Ja, Frieda.

    FRIEDELINDE FEUCHTENBEINER (weinerlich)

    Warum besuchst du mich denn nicht mehr?

    PHILIPP FEUCHTENBEINER

    Weil du nicht mehr weißt, wer ich bin, Frieda. Und weil ich kein Spanisch kann. Und weil's bei euch so stinkt, da draußen.

    FRIEDELINDE FEUCHTENBEINER (empört)

    DU hast doch das Heim für mich ausgesucht. Direkt neben der Kläranlage.

     

    ZWEITE STIMME

    Unser Fremdenführer, der Esbucada-Turm, ist nirgends mehr zu sehen, also ziehen wir ohne ihn weiter durch die Schlafzimmer des Städtchens und werden dabei zu ungenierten Traumvoyeuren. Wir sehen zu, wie der Tischler Sergi Sal in Ermangelung eines lohnenden Auftrags die zarten Glieder seiner Frau Selvi drechselt und schleift und beizt. Wir sehen zu, wie Annia Álvarez, die Frau des Katzenfängers Andiol, sich in ihrem schwarzsamtenen Pyjama schnurrend räkelt und dehnt und sich von ihrem Liebhaber Pedro Queso ausgiebig streicheln lässt. Und wir sehen den frisch vermählten Supermarkt-Kassierern Paco und Pilar Picasso dabei zu, wie sie sich - jeweils in einem eigenen Traum - als El Cid und als Carmen gegenseitig die Kleider vom Leib reißen, sich auf dem Laufband von Kasse 5 heldenhaft und heißblütig begatten und sich danach nackt und schweißnass hinter ihre Kassen stellen und ihre Kunden fragen, ob sie eine Tüte brauchen.

     

    ERSTE STIMME

    Der Esbucada-Turm steht nun wieder auf der Olla-Höhe. Niemand hat seine Abwesenheit bemerkt, wenn wir mal von Orion absehen...

     

    ORION

    Von mir erfährt keiner was.

     

    ERSTE STIMME

    ...denn das Städtchen unterm Turm schläft und träumt und wacht kurz auf und schläft wieder ein und träumt weiter. Morgen früh wird es... Aber halt! Was ist das?

     

    ZWEITE STIMME

    Ein durchdringendes, metallisches Knattern zerreißt die nächtliche Stille. Ignat Incendio, der berüchtigte Zorro von Cala Ratjada, dreht die erste seiner berüchtigten Runden auf seinem berüchtigten Motocross-Moped. Dessen Motor ist zwar nicht ingeniöser frisiert als die Motoren aller anderen Mopeds im Städtchen, doch zwei wesentliche Unterschiede machen aus Ignat den berüchtigten Zorro. Erstens beherrscht keiner so wie Zorro das Spiel mit Gasgriff und Kupplungshebel, das seine Höllenmaschine so ohrenzerschmetternd laut und markerschütternd schrill aufjaulen, aufheulen, aufbrüllen lässt. Und zweitens sucht keiner sich so präzise wie Zorro den Zeitpunkt aus, zu dem die tiefste, abgründigste, unermesslich stillste Stille im Städtchen herrscht.

     

    ERSTE STIMME

    Zorro beginnt seinen Lärmangriff im nördlichen Stadtteil unterhalb des Agulla-Wäldchens und reißt dort systematisch den Viehbestand der Fincas aus dem Schlaf. Damit verschafft er sich eine weithin hörbare, konzertante Lärmkulisse, denn die Hähne verkünden bereitwillig, dass der Tag angebrochen sei, die Truthähne widersprechen ihnen zornig, die Hühner beklagen sich über die nächtliche Ruhestörung, die Schafe stellen fest, dass nichts da ist, was wiederzukäuen wäre, und verlangen im Chor, aus dem Stall gelassen zu werden, die Ziegen schließen sich ihnen an und die Pferde und die Esel werden in dem Getöse hysterisch und befürchten lautstark, geschlachtet und zu Chorizo verarbeitet zu werden.      

     

    ZWEITE STIMME

    Der nächste Lärmangriff Zorros gilt dem Villenviertel. Hier weckt er gezielt und der Reihe nach jeden bellfähigen Vierbeiner auf, jeden Hofhund und jeden Hundehüttenhund. Nach und nach vergrößert Zorro seinen knatternden, ratternden, rappelnden Radius in die unteren Regionen des Städtchens hinein und reißt dort jeden Balkonhund und jeden Dachterrassenhund aus seinem traurigen Traum, ob als Sopranist, ob mit Altstimme, ob im Bass, ob staccato oder legato, ob allegro oder andante bellend, heulend, grollend, winselnd, schrillend, zeternd, geifernd.

     

    ERSTE STIMME

    Und wenn der von Zorros Moped und vom Aufruhr unter dem Vieh und den Hunden verursachte Lärm ein infernalisches Crescendo erreicht hat, so dass es sogar Orion am Sternenhimmel zu viel wird - dann spannt der Himmelsjäger seinen Bogen und schießt einen Pfeil herunter. Und der schlägt mit unhörbarem Dröhnen mitten im Städtchen ein. Und urplötzlich ist wieder Stille. Tiefste Stille.

     

    ...

     

    ZWEITE STIMME

    Aber auch das ist nur ein Traum. Einer von den vielen Träumen hier unten. Unterm Orion. Und unterm Turm.

     

     

     

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