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Sóller-Zug-Musical: Ein bisschen wie im Ferienlager

Das Insel-Musical „El Tren de Sóller" ist mit heißer Nadel gestrickt. Der guten Laune tut das keinen Abbruch

Singende Doppelgänger? Was ist da los? Die Darsteller von „El Tren de Sóller" rühren mit einer spontanen Showeinlage auf der Plaça d´Espanya die Werbetrommel für das neue Musical

Singende Doppelgänger? Was ist da los? Die Darsteller von „El Tren de Sóller" rühren mit einer spontanen Showeinlage auf der Plaça d´Espanya die Werbetrommel für das neue Musical / Foto: Terrassa

Stephanie Schuster

In Saal Nummer 3 des Augusta-­Kinos in Palma ist es dunkel. Allein die Bühne wird von einem Scheinwerfer erleuchtet. In den hinteren Reihen wuselt ein gutes Dutzend Schauspieler umher, die einen schnattern aufgeregt auf Spanisch, andere flüstern sich auf Deutsch etwas zu. „Zweiter Akt", ruft auf einmal eine Stimme aus dem Off. „Auf Deutsch?", fragt eine junge Frau in Jeansrock und Polo-Shirt. „Nein, Englisch, vamos", antwortet die Stimme.

Sie gehört Regisseur Pedro Victory, und als er in die Hände klatscht, eilt ein Teil der Truppe los, eine Frau mit ausladendem pinkfarbenem Hut beginnt zu singen. Oben auf der Bühne gesellen sich immer mehr Leute zu ihr und lassen sich auf den dort aufgebauten Holzbänken nieder, die den Zug nach Sóller darstellen sollen. „Energie, mehr Energie", ruft Pedro Victory dazwischen und schüttelt mit dem Kopf. Die Worte der Schauspieler gehen in der Musik unter. „Wir können noch nicht mit Mikrofonen proben, weil der Techniker nicht da ist", erklärt Choreograf Carlos Miró. Es klingt fast entschuldigend.

Bei den Proben für Mallorcas erste eigene Musical-Produktion mit Inselbezug, „El Tren de Sóller", geht es mitunter chaotisch zu. Dennoch zweifelt keiner der Beteiligten daran, dass bis zur Premiere am Freitag (8.8.) alles klappen wird. Immerhin hat man 24 Stunden dazugewonnen, denn ursprünglich sollte die erste Vorstellung einen Tag früher stattfinden. „Doch ausgerechnet zur selben Zeit hat König Felipe VI die Inselhonoratioren zu einem Empfang geladen. Da haben wir ihn angerufen und ihm mitgeteilt, dass wir unsere Premiere gerne verschieben, damit er auch kommen kann", unkt der ­Mallorquiner Pedro Victory.

Der 35-Jährige war langjähriger Telenovela-Star auf IB3, ist ein gefragter Schauspieler, sogar in deutschen Produktionen, und hat auch schon öfter Theaterregie geführt. Auch beim „Tren de Sóller"-Musical, das aus der Feder des deutschen Komponisten Klaus Hillebrecht stammt, wollte Victory eine Rolle übernehmen - doch als er erfuhr, dass noch dringend ein Regisseur gesucht wird, änderte er seine Pläne. „Das ist viel spannender. Es hat auf Mallorca noch nie eine dreisprachige Show mit so internationaler Besetzung gegeben."

Gut ein Viertel der 20 Darsteller - jede Figur ist zwei Mal besetzt, um die drei Sprachen abzudecken - wurde im Ausland engagiert. Für die Österreicherin Nina Monschein, die in Wien Musical studiert hat, ist es die erste „große Produktion", wie sie sagt. „Und dann gleich die Hauptrolle." Die 23-Jährige spielt im Stück die Deutsche Susanne, die nach Mallorca gekommen ist, um ihre Urlaubsliebe Miguel zu finden. Die Texte muss sie sowohl in ihrer Muttersprache als auch auf Englisch beherrschen. Unterstützung bekommt sie dabei von Eva Stout, die zudem den spanischen Part übernimmt. Die 16-jährige Britin lebt seit sieben Jahren auf der Insel und wurde quasi vom Markplatz in Santa María weggecastet.

„Sie hat keine Gesangsausbildung, aber ihre Stimme ist einfach la hostia, wie man hier so schön sagt", beteuert Klaus Hillebrecht, ehe das blonde Goldkehlchen zusammen mit Double Nina Monschein eine Kostprobe gibt. Dass sie jahrelang studiert hat, während dem Insel-Küken eben mal für die Dauer der Schulferien eine Hauptrolle in den Schoß gefallen ist, sieht Nina gelassen. „Ich könnte ja gar kein Spanisch." Zudem sei das alles eine „tolle Erfahrung", noch dazu im Ausland.

Für Nina ist es der erste Aufenthalt auf Mallorca, ebenso wie für ­Vicco Fatah und Maurice Ernst, die an der Hochschule Osnabrück Musical studieren, zu der Klaus Hillebrecht gute Kontakte hat und deshalb einige Studenten und Absolventen zum Casting eingeladen hat. „Im Flieger saßen Ballermann-Touristen hinter uns", berichtet Vicco. Doch für den 27-Jährigen, seinen Kommilitonen Maurice, eine weitere Deutsche und Wienerin Nina ging es statt nach Arenal in eine Wohnung ganz in der Nähe des Augusta-Kinos, der künftigen Musical-Spielstätte.

Dass sie nicht nur zusammen auf der Bühne stehen, sondern abends auch in der WG-Küche aufeinander­hängen, stört die jungen Musical-Stars nicht. „Es ist schön, dass man mit jemanden reden kann, der einen versteht", sagt Nina. „Sonst heißt es immer nur: Du bist Schauspielerin, du hast doch keinen Stress." Wobei die Spanier das alles offensichtlich etwas lockerer nähmen, selbst wenn drei Tage vor der Premiere noch einiges drunter und drüber geht.

Die Proben erinnern ein wenig an ein Ferienlager. Alle sind gut gelaunt, und es gibt sogar einen Ausflug auf die Plaça d´Espanya, nachdem

Pedro Victory spontan beschlossen hat, dort mit einer Showeinlage die Werbetrommel zu rühren. Maurice und Vicco genießen den ersten öffentlichen Auftritt in Palma sichtlich, posieren mit Touristen fürs Foto.

Neben Jungspunden sind bei der Musical-Produktion auch einige alte Hasen, zum Teil mit Broadway-Erfahrung, mit an Bord. Der in ­Frankreich lebende Schweizer Sebastian Fischer hat unter anderem in Russland Operette und in Berlin Gesang studiert, sein Casting absolvierte er via Skype von New York aus. Dass es im „Tren de Sóller" noch einige Störungen im Betriebsablauf gibt, bereitet ihm keine Sorge. „Es ist etwas chaotisch, aber das Chaos ist organisiert." Zudem sei hier „etwas aus dem Nichts entstanden" - das müsse man erst mal schaffen.

Ob „El Tren de Sóller" tatsächlich einmal zu einem Dauer-Musical wird, steht noch in den Sternen. „Wir müssen sehen, wie es im August läuft. Wenn wir nicht ausreichend Eintrittskarten verkaufen, können wir schlecht weitermachen", sagt Hille­brecht. Sollte die Nachfrage hingegen groß sein, werden die Verträge der Darsteller bis Ende September verlängert - Unis und Schule werden wohl ein Auge zudrücken, wenn die Musical-Stars ein paar Wochen Unterricht versäumen. Für 2015 plant Hillebrecht eine Neuauflage, möglichst bereits ab Mai. Und wer weiß, vielleicht gehe das Musical sogar irgendwann einmal über die Inselränder hinaus auf Tournee. Doch das ist nun wirklich noch Zukunftsmusik.

Die spanische Premiere am 8.8. ist ausverkauft. Erste deutsche Aufführung: Sa 9.8., 21 Uhr, Sala Augusta (Tickets an der Kasse, im Internet unter www.eltrendesoller.com, in Palmas Touristeninfos und unter Tel.: 651-51 90 17, Eröffnungsangebot: 19,50 Euro in der ersten Woche, danach 21-35 Euro, diverse Rabatte).

Im E-Paper sowie in der Printausgabe vom 7. August (Nummer 744) lesen Sie außerdem:

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