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Vom Bordell an die Partymeile: Dieser spanische Türsteher sorgt mit seinem fast perfekten Deutsch an der Playa für Erstaunen und Ordnung

Der Spanier Óscar Álvarez hat lange in Deutschland gelebt – ein Trumpf für den Türsteher an der bekannten Partymeile

Óscar Álvarez ist Türsteher, Bodyguard und Übersetzer.

Óscar Álvarez ist Türsteher, Bodyguard und Übersetzer. / Nele Bendgens

Simone Werner

Simone Werner

Wenn man als Urlauber auf Mallorca in seiner Muttersprache zur Ordnung gerufen wird, dann zeigt das meist seine Wirkung. Und sorgt mitunter für Erstaunen, wie Óscar Álvarez immer wieder erlebt, wenn er an der Partymeile an der Playa de Palma als Türsteher einschreiten muss, sei es, weil Gäste Eiswürfel umherwerfen oder sich sonst wie daneben benehmen. Der 52-Jährige, dessen Eltern aus Asturien stammen, ist in Mönchengladbach geboren und hat dort bis zu seinem 14. Lebensjahr gelebt. Er spricht fließend Deutsch. Und das noch dazu in einer rasanten Geschwindigkeit.

Auch im Interview mit der MZ, als er von seiner Arbeit als Türsteher erzählt. Nur ganz selten macht Álvarez Fehler – sagt etwa „wiegte“ statt „wog“. Diese Details verunsichern dann auch so manchen Partygast hinsichtlich der Herkunft von Álvarez. „Bist du Deutscher?“ Diese Frage höre er beinahe bei jeder Schicht. Und wenn er sich dann als Spanier zu erkennen gebe, glaubten ihm viele erst einmal nicht.

Deutschkenntnisse als Ass im Ärmel

Die deutsche Sprache ist sein Ass im Ärmel. „85 Prozent der Probleme regeln sich schnell von selbst, wenn man gut mit den Gästen kommunizieren kann“, so Álvarez, der laut eigener Aussage der einzige Türsteher an der Playa ist, der fließend Deutsch spricht. Zumindest einige nützliche Sätze wie „Mach bitte deinen Rucksack auf“ oder „Das darf nicht mit rein“ habe er auch Kollegen beigebracht. Doch ob das reicht? „Dieselbe Sprache wie die Gäste zu sprechen, verschafft einem auch einen ganz anderen Respekt.“ Daher fände er es gut, wenn ein Deutschkurs für alle Kollegen in dem Urlaubsgebiet verbindlich wäre.

Oscar Álvarez beim MZ-Interview.

Oscar Álvarez beim MZ-Interview. / Bendgens

Vom Kellner zum Türsteher

Ursprünglich wollte Álvarez zur Polizei. Doch mit seinen 1,71 Metern war er nicht groß genug. Verlangt wurden 1,78 Meter Körpergröße. Deswegen begann er im Alter von 19 Jahren in einem Pub in Gijón als Kellner. „Ab und an gab es Streit zwischen den Gästen. Ich bin immer dazwischengegangen“, erinnert er sich an den Job. So seien dem damaligen Chef seine Fähigkeiten als Vermittler sowie seine ruhige, aber bestimmte Art aufgefallen. Er wurde an die Tür versetzt. Knapp drei Jahre stand er dort und machte auch einen sechsmonatigen Kurs im Sicherheitsdienst.

Museum, Bordell, Politiker

Später passte er in einem Museum auf kostbare Ausstellungsobjekte auf und regelte dann knapp sechs Jahre lang den Einlass eines Bordells mit rund 60 Prostituierten. „Das war spannend und der Lohn vergleichsweise hoch, da niemand anderes dort arbeiten wollte.“ Doch irgendwann hatte auch er genug von misstrauischen Ehefrauen, die wissen wollten, ob ihr Mann sich denn gerade im Bordell befand, und verheirateten Männern, die für Probleme sorgten. Er arbeitete anschließend als Bodyguard für Politiker, auch solche, die im Visier der baskischen, zwischenzeitlich aufgelösten Terrorgruppe ETA standen, wie Álvarez erzählt. 20 Jahre lang habe er den Job ausgeübt. „Ich hatte meine Pistole auch nachts stets in greifbarer Nähe.“

Óscar Álvarez ist Türsteher, Bodyguard und Übersetzer. Für jede Tätigkeit hat der 52-Jährige den offiziellen Ausweis.

Óscar Álvarez ist Türsteher, Bodyguard und Übersetzer. Für jede Tätigkeit hat der 52-Jährige den offiziellen Ausweis. / Bendgens

Ab zum Ballermann

Eines Tages sah er dann bei einem deutschen Privatsender – deutsches Fernsehen schaut er auch heute noch regelmäßig – einen Beitrag über den Ballermann. „Ich hatte keine Ahnung, dass es auf der Insel eine so große Partygegend gibt.“ Sein Interesse war sofort geweckt. „Zwei Tage später war ich auf der Insel, um mir alles vor Ort anzuschauen, und habe erste Kontakte geknüpft.“ Nach einem Kurs, um auf den Balearen als Türsteher arbeiten zu können, bewarb er sich bei Sicherheitsfirmen an der Playa. „Sie hatten direkt Arbeit für mich“, so Álvarez. Also zog er vom Festland auf die Insel. Das war vor über sechs Jahren.

Von der Playa ans Gericht

In seiner Freizeit, von der er tagsüber für seinen Geschmack zu viel hatte, habe er sich gelangweilt. Er bekam aber mit, dass es auf der Insel an Übersetzern unter anderem vor Gericht mangelte, die Deutsch beherrschen. Also wagte er sich auch an dieses Arbeitsfeld heran. „Schon zwei Tage später hatte ich meinen ersten Fall, eine Festnahme zusammen mit Beamten der Nationalpolizei am Ballermann“, berichtet Álvarez.

Ist auch Übersetzer: Óscar Álvarez.

Ist auch Übersetzer: Óscar Álvarez. / Bendgens

Mittlerweile ist er regelmäßig im Straf- und Familiengericht. „Steuerangelegenheiten, etwa Betrug, mache ich bewusst nicht, um nichts Falsches zu übersetzen.“ Es sei nun mal nicht sein Thema. Dafür war er etwa beim Prozess mit den Kegelbrüdern im Einsatz. „Ich hatte bis heute mehr als tausend Fälle.“ Vor drei Jahren lernte er bei dieser Tätigkeit auch seine Frau kennen. „Sie ist Anwältin für Straf- und Familienrecht. Manchmal sehen wir uns auf der Arbeit“, so der Spanier, „wir haben aber ausgemacht, dass wir niemals einen Fall zusammen machen werden.“

Ungern mache er Einsätze, in denen Verwandten die Nachricht vom Tod eines Angehörigen überbracht werden muss. Álvarez begleitet dann die Beamten und übersetzt für sie. „Das tut einfach weh“, so der Übersetzer, Bodyguard und Türsteher, der stolz darauf ist, den zu jedem Beruf dazugehörigen offiziellen Ausweis zu besitzen.

Kollege bei der Arbeit tödlich verletzt

„Viele Menschen denken, ich bin jeden Tag in Schlägereien verwickelt. Das stimmt nicht. Zudem habe ich in 30 Jahren keine einzige Strafanzeige bekommen, weil ich jemanden geschlagen hätte oder Ähnliches“, so der Spanier. Ob er bei einer Rangelei dazwischengehe, überlege er sich jedes Mal aufs Neue. „Wenn wir nur zwei Mann und damit in der Unterzahl sind und uns gegen große Fußballgruppen durchsetzen müssten, machen wir es nicht.“ Die Zwischenfälle seien es nicht Wert, das eigene Leben auf Spiel zu setzen.

Nicht nur in Extremsituationen muss er an ein tragisches Ereignis denken: In einer Diskothek auf dem Festland kam es im November 2023 zu einem Zwischenfall, bei dem ein Kollege starb. „Zwei Leute hatten einen Mann verprügelt. Er ist dazwischengegangen. Dann kam ein dritter Mann hinzu, der über 140 Kilo wog. Er hat meinem Kollegen von hinten auf den Kopf geschlagen“, so Álvarez. Dieser sei daraufhin ins Koma gefallen und drei Tage später verstorben.

Geschultes Auge für Probleme

Álvarez’ Leben stand noch nicht auf dem Spiel, bei einem Vorfall brach er sich aber sein Knie und war fünf Monate lang krankgeschrieben. „Das ist gegen 1.30 Uhr nachts passiert. Damals gab es noch Glaskrüge. Ein betrunkener Gast wollte einen anderen damit schlagen. Ich bin dazwischengegangen. Der Gast wog 80 Kilo mehr als ich und war auf mir drauf“, erinnert sich Álvarez. Erst später habe er gemerkt, dass er schwerer verletzt worden war als gedacht.

Vergewaltigung verhindert

Am besten sei es, Ärger und Gewalt von vorneherein zu unterbinden. Nicht erst einmal habe er eine mögliche Vergewaltigung verhindert. „Eine betrunkene Frau wollte frische Luft schnappen. Ein Mann kam hinterher, meinte, er sei Rettungsassistent und würde sie nach Hause bringen. „Ich habe ihn natürlich nicht gelassen“, so Álvarez. Nach all den Jahren habe er ein Auge für Problemgäste, die in Lokalen bereits Hausverbot haben, weil sie etwa gestohlen oder Drogen verkauft haben. „Nicht einmal mit Perücke, Hut oder einer Sonnenbrille kommen die an mir vorbei.“

Kontakt zu Óscar Álvarez: IG: oscar_security_mallorca

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