Deutscher Forscher auf Mallorca: So beeinflusst Social Media unsere Meinung
Thomas Woiczyk lehrt an der Universität der Balearen BWL und Volkswirtschaft. Sein Forschungsschwerpunkt: Warum wir uns verhalten, wie wir uns verhalten

Thomas Woiczyk (36) in seinem Büro daheim in Marratxinet. / Nele Bendgens / Nele Bendgens
Wer beeinflusst unsere Meinung? Das ist eine der Fragen, die der deutsche Wirtschaftswissenschaftler Thomas Woiczyk gemeinsam mit seinen internationalen Kollegen an der Universidat de les Illes Baleares (UIB) untersucht. Der 36-Jährige stammt aus Soltau in Niedersachsen und beendete sein Mathematik- und Ökonomie-Studium in Bielefeld, bevor er seinen Master in Ökonomie und Finanzen und seinen Doktor in Finanzen und Management an der Universitat Pompeu Fabra in Barcelona absolvierte. Von dort ging es nicht wie erst geplant in die USA, sondern nach Mallorca. Hier ist er mittlerweile mit einer mallorquinischen Kollegin von der UIB verheiratet und lebt mit ihr auf einer Finca in Marratxinet. Die MZ hat ihn zu Hause besucht.
Wie sind Sie an der UIB gelandet?
Als ich noch an der Uni in Barcelona war, hat mich ein Kollege von der UIB auf einer Konferenz in Amsterdam angesprochen, ob ich mit meiner Forschung auf die Insel kommen wolle. Bis dahin war ich selbst noch nie auf Mallorca. In meiner Vorstellung bestand die Insel nur aus der Playa de Palma – einem großen Strand, wo Leute aus Eimern trinken, einem großen Flughafen und vielleicht irgendwo noch einem Ort, an dem die Mallorquiner wohnen. Daher bezweifelte ich anfangs, ob meine Bewerbung als Deutscher auf der Insel überhaupt eine Chance haben würde, bei den Stereotypen, die Deutsche hier umgeben. Als ich für mein Vorsingen, also um meine Forschung vor der Fakultät zu präsentieren, herkam, habe ich mich dann aber in die Insel verliebt. Ich bin tatsächlich der einzige Deutsche in unserem Fachbereich – darum nennen mich die Kollegen manchmal lachend den Quoten-Deutschen der UIB.
Ich bin tatsächlich der einzige Deutsche in unserem Fachbereich – darum nennen mich die Kollegen manchmal lachend den Quoten-Deutschen der UIB.
In welcher Sprache unterrichten Sie?
Mallorquinisch traue ich mich noch nicht, aber Unterricht in Spanisch habe ich schon gegeben. Hauptsächlich unterrichte ich aber auf Englisch. Da ich häufig in den international ausgerichteten BWL- und VWL-Studiengängen lehre, ist das für die Studierenden ein Plus. Letztendlich ist die Uni froh, dass sie mit mir durch meine Ausbildung und meinen Hintergrund jemanden hat, der auf hohem Niveau auf Englisch unterrichten kann.
In Ihrer Forschung beschäftigen Sie sich mit dem menschlichen Verhalten. Was ist der „Common Behavior Effect“?
Menschen lernen soziale Normen – also was „normal“ ist – meist durch Beobachtung. Viele denken, dass wir uns an dem orientieren, was die Mehrheit tut. Unsere Forschung zeigt aber: Oft lassen sich Menschen stärker von dem Verhalten beeinflussen, das sie am häufigsten sehen – auch dann, wenn nur eine kleine Minderheit dieses Verhalten zeigt. Das nennen wir den „Common Behavior Effect“ – was man am häufigsten sieht, prägt das Bild der Norm. Ein Beispiel mit Mallorca-Bezug: An der Playa de Palma verhalten sich die meisten Touristen – auch die meisten Deutschen – respektvoll. Doch in den Medien und auf Social Media sieht man immer wieder die Szenen von ein paar wenigen, die übermäßig trinken oder laut feiern. Dadurch entsteht der Eindruck: „Die Deutschen auf Mallorca sind alle so.“ Objektiv stimmt das nicht, aber weil dieses Verhalten ständig präsent ist, wirkt es „typisch“ und führt zu falschen Wahrnehmungen.

Forscher Thomas Woiczyk lebt mit seiner Frau auf einer typisch mallorquinischen Finca in Marritxanet. / Nele Bendgens
Wie weisen Sie das nach?
Wir arbeiten experimentell. In der UIB haben wir ein eigenes Labor, in dem wir Situationen generieren können, die wir kontrollieren können. Wir laden beispielsweise Leute ein und lassen sie in einem künstlichen Netzwerk – so eine Art Facebook – interagieren. Wir können dabei manipulieren, wie häufig sie manche Leute zu sehen bekommen, und beobachten, wie die Meinungen sich bilden. Interessant ist die Frage: Wie häufig muss man Leute wirklich sehen, um ihre Meinung in eine bestimmte Richtung zu verändern? Das ist sehr relevant bei der aktuellen Polarisierung der Gesellschaft und der Bedeutung von sozialen Medien. Deren Algorithmen zeigen uns ja nicht eine repräsentative Darstellung der Welt, sondern was uns länger in dieser Plattform hält. Umso länger ich dort bleibe, umso mehr Werbung können sie verkaufen. Sie schaffen sogenannte Echoräume, in denen wir von Leuten umgeben sind, die uns ähneln und uns so bestätigen, beispielsweise in unserer politischen Meinung. Im echten Leben kommt auf eine extreme Meinung meist ein Widerspruch – im Netz dagegen eher nicht.
Im echten Leben kommt auf eine extreme Meinung meist ein Widerspruch - im Netz dagegen eher nicht.
Im Extremfall kann das zu Gewalt führen.
Ja, wenn Einzelne, die sich in einer Masse Gleichgesinnter wähnen, zum Handeln übergehen, sich eine Waffe nehmen und Schaden anrichten. So etwas ist schwer vorherzusagen, diese Menschen sind oft zuvor nicht auffällig gewesen. Die Frage ist, ob man die Plattformen dazu zwingen kann, ihre Algorithmen zu verändern, oder ob man die Leute schon zuvor mitnimmt und ihnen stärker bewusst macht, wie die Plattformen funktionieren.
Wer sind die Teilnehmer Ihrer Studien?
Häufig arbeiten wir mit Studierenden. Ich selbst benutze aber auch viel Online-Plattformen, auf denen sich Leute aus allen möglichen Hintergründen und Altersgruppen einloggen können. Für unsere letzte Studie haben wir mit 5.000 Menschen gearbeitet, um eine repräsentative Aussage treffen zu können.
Was treibt Sie aktuell um?
Wie wir künstliche Intelligenz (KI) für die Lehre einsetzen und jungen Menschen einen moralischen und ethischen Umgang damit vermitteln können. Wenn ich unterrichte, kann ich nur diesen einen Unterricht für 50 Leute mit 50 verschiedenen Bedürfnissen geben, ohne individuell auf alle eingehen zu können. Mit KI ist das möglich, denn die Studierenden bekommen etwa mit ChatGPT genau die Informationen, die sie benötigen. Danach gehen wir als Gruppe in die Diskussion. Meine Frau setzt sich als Juraprofessorin von der rechtlichen Perspektive, mit dem Thema auseinander. Wir fragen uns, wie man KI in die Gesellschaft einbringt, um den größtmöglichen Nutzen für alle herauszuholen – und zugleich über ihre Grenzen und Risiken aufzuklären.
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