„El Drive de Tammy“: Wie ein Kind mit Behinderung auf Mallorca Menschen verbindet
Tammy Adolphi-Heijman hat eine sehr seltene Behinderung, ist eingeschränkt. Doch sie gibt auch viel. Neue Blickwinkel aufs Leben. Gelassenheit. Und den „Drive“ für ein Golfturnier mit Kultstatus auf der Insel

Tammy Adolphi-Heijman mit ihrem Vater Michel Heijman in Capdepera. / Sophie Mono
„CDKL5“. Als Tammy Adolphi-Heijman am 2. Februar 2005 in der Privatklinik Miramar in Palma zur Welt kam, hatten ihre Eltern noch nie etwas gehört von jener sehr seltenen genetischen Erkrankung des X-Chromosoms. Heute könnte Vater Michel Heijman Vorträge halten über das CDKL5-Gen. Darüber, dass es Anweisungen für die Herstellung eines Proteins enthält, welches wiederum wichtig ist für die Entwicklung des kindlichen Gehirns. „Wir sind zu kleinen Ärzten geworden“, sagt der 56-Jährige. Dabei ist er doch eigentlich Gastronom. Unternehmer. Macher. Ein zielstrebiger Mallorca-Auswanderer mit klaren Vorstellungen vom Leben. Vor allem aber ist er Vater von Tammy. Seit 21 Jahren mittlerweile.
Epileptische Anfälle prägen den Alltag
Als die MZ Heijman zum Interview in seinem Restaurant „Nou Segle 12“ am Marktplatz von Capdepera trifft, ist Tammy gerade eingeschlafen. Friedlich schlummert sie in ihrem Rollstuhl. Der Niederländer hat ihn nah neben seinen Stuhl geschoben. „Sie hatte gerade einen Anfall. Danach ist sie immer so erschöpft“, erklärt er. Epileptische Anfälle – für Heijman gehören sie schon lange zum Alltag. „Eine meiner neuen Mitarbeiterinnen hat Tammy vorhin zum ersten Mal so erlebt. Vermutlich hat sie sich erschreckt. Ich muss sie nachher noch einmal darauf ansprechen“, sagt Heijman, mehr zu sich selbst.
Er erschrickt nicht mehr. Wenn seine Tochter neben ihm unruhig wird, legt er sanft seine Hand auf die ihre. Wenn sie die Augen aufschlägt, lächelt er ihr zu – obwohl ihr Blick unstet ist, den seinen nicht erwidert. Tammy war fünf Monate alt, als die durch die Erkrankung verursachte Epilepsie sich erstmals in aller Heftigkeit bemerkbar machte. Typisch für das West-Syndrom, wie man Tammys Behinderung auch nennt. Wobei, lenkt Heijman ein: Schon zwei Stunden nach der Geburt hätten die Ärzte das Neugeborene den Eltern weggenommen, weil es blau anlief. „Das war wohl auch ein Anfall“, so der Niederländer rückblickend. Trotzdem habe Tammy in den ersten Monaten Fortschritte gemacht, sich recht normal entwickelt. Das Köpfchen halten. Nach Gegenständen greifen. Die Hand in den Mund stecken. Sich umdrehen. Alles Dinge, die Tammy nach ihrer Geburt erlernte – aber heute schon lange nicht mehr kann. „Jeder Anfall schädigt einen Teil ihres Gehirns“, sagt Heijman. Im Kleinkindalter hatte sie bis zu 800 solcher Krämpfe – am Tag.
Vergebliche Hoffnung auf Heilung
Damals probierten die Eltern alles erdenklich Mögliche, um eine Heilung herbeizuführen. Oder zumindest eine Linderung. Ungezählte Medikamente. Dutzende von Therapien. An einige davon hat Michel Heijman schöne Erinnerungen. Die Delfintherapie in Curaçao beispielsweise. Damals war Tammy noch im Kindergartenalter. Auf den Videos, die er davon auf dem Handy hat, sieht sie zufrieden aus, im türkisblauen Wasser neben den Meeressäugern. Andere Erlebnisse haben sich schmerzlich eingebrannt. Die Kortisonbehandlung, auch hiervon hat er Fotos: Tammys Babyköpfchen schwoll auf das Doppelte an von der Medizin. Das Gesicht war komplett verformt. Heijman wendet den Blick ab.
„Es gibt keine Medikamente, die ihr wirklich helfen“, weiß er heute. Und auch keine Therapien. Stattdessen: Ein Leben, das ihre Eltern für sie so schön wie möglich zu gestalten versuchen.
Im Ortsbild von Capdepera ist Tammy bekannt wie ein bunter Hund. Von Anfang an setzten sich Michel Heijman und seine deutsche Ex-Frau Carmen, Tammys Mutter, dafür ein, dass ihre Tochter so viel wie möglich am Dorfleben teilhaben kann. Bei Festen, Märkten, Umzügen – in ihrem Rollstuhl ist Tammy meist dabei. „Sie ist Mallorquinerin. Und gern unter Leuten“, sagt Heijman. Ihre Vorschulzeit verbrachte Tammy auf der örtlichen Schule. „Aber die damalige Leitung wollte keine Kinder mit Einschränkungen, das hat man gemerkt“, sagt der Niederländer. Also schickte er seine Tochter auf die Grundschule nach Sant Llorenç. „Dort gab es eine inklusive Klasse.“ Erst als Tammy zehn Jahre alt war, entschieden sich ihre Eltern, sie auf die Aproscom-Förderschule in Manacor zu schicken. „Damals begannen sie dort, Menschen mit verschiedenen Behinderungen in den Gruppen zu mischen.“ Auch Kinder mit leichteren Einschränkungen seien nun täglich um sie. Und das sei gut.
„Tammy ist ein einfaches Kind“, sagt Michel Heijman liebevoll. Gleich mehrfach betont er das. Einfach auf ihre Art. Und bereichernd. „Durch sie habe ich mich verändert. Zum Guten“, sagt der Vater. Weniger pedantisch sei er geworden. In mancher Hinsicht gelassener. In anderer weitsichtiger. Neue Blickwinkel aufs Leben, neue Prioritäten, neue Menschen, die er sonst nie kennengelernt hätte – „Tammy hat mir sehr viel gegeben“, sagt der 56-Jährige.
Charity-Golfturniere für inklusive Projekte aus der Umgebung
Dazu gehört auch die Motivation, sich einzusetzen für den guten Zweck. Seit dem Jahr 2009 veranstaltet Heijman Charity-Golfturniere, anfangs mehrmals im Jahr, seit 2017 immer in den ersten Januartagen. Es ist ein fester Termin für viele Golffreunde im Inselosten. Auch am 3. Januar 2026 ist es wieder so weit. „Die 120 Plätze waren nach kurzer Zeit weg“, so der Niederländer. Dabei hat er nicht einmal richtig Werbung gemacht. „El Drive de Tammy“ – der Name des Golfturniers habe sich mittlerweile etabliert. Und er sei passend. Seine Tochter habe ihm und einer Handvoll tatkräftiger Freunde und Unterstützer den Schwung gegeben für die Events, bei denen meist um die 10.000 Euro zusammenkämen. Für wohltätige Zwecke, oft inklusive Projekte aus der Umgebung, an denen auch Tammy hin und wieder teilnimmt.
Getrennte Eltern halten zusammen
Die Anfälle lassen den Körper der jungen Frau vorschnell altern. Die schlechten Phasen folgten immer rascher auf die guten, sagt ihr Vater. Alleine bleiben kann Tammy nicht, auch nachts nicht. Wenn Tammy nicht in der Schule ist kümmert er sich um sie, oder – wenn er arbeitet – seine zweite Ehefrau Cristina. Eine Woche lang. Dann, immer mittwochs, die Übergabe an Mutter Carmen und deren neuen Ehemann Pep. „Als Paar haben Carmen und ich es nicht geschafft, aber als Eltern sind wir ein starkes Team. Und haben Glück, dass wir beide Partner gefunden haben, die uns unterstützen.“ Nahrung nimmt Tammy nur noch durch eine Magensonde auf. Schlucken kann sie nicht mehr. Sie muss gewickelt werden. Michel Heijman, der eigentlich so tough wirkt, blickt auf seine Hände, atmet durch. „Mittlerweile wird sie palliativ betreut.“ Alle erforderlichen Gerätschaften habe er zu Hause, seine Exfrau ebenso. „Sie darf uns nicht überleben. Und das wird auch nicht passieren“, sagt er und ringt um Fassung. „Aber um zu sterben, ist es noch zu früh.“
Themenwechsel. Sicheres Eis für Michel Heijman. Zurück zum Golfturnier. „El Drive de Tammy“. „Der Name wird bleiben“, sagt er, jetzt wieder mit fester Stimme. Und weiter Menschen Schwung geben.
Abonnieren, um zu lesen
- Die Betreiberin hat 'die Schnauze voll': Deutscher Supermarkt 'SAM' auf Mallorca schließt
- Deutscher Supermarkt auf Mallorca schließt: So reagieren die Kunden
- Dieses bei deutschen Urlaubern beliebte Strandlokal auf Mallorca gerät jetzt ins Visier der Umweltaktivisten
- Unwetter 'Harry' auf Mallorca: Wellen reißen Plankenweg und Strandkiosk in Cala Ratjada in Stücke
- Sturm- und Gewitterwarnung: Warum das Wetter am Wochenende auf Mallorca trotzdem nicht so schlecht wird
- Fischereiverband auf Mallorca über das heftige Unwetter: 'Es war wie ein Katastrophenfilm
- Deutscher Supermarkt an der Playa de Palma schließt: Was den Laden so besonders macht und wo man jetzt auf Mallorca noch deutsche Produkte kaufen kann
- Unwetter 'Harry' auf Mallorca: So sehr sind die Lokale der 'Goodbye Deutschland'-Auswanderer Peggy Jerofke und Steff Jerkel betroffen
