Mallorcas Traditionen: Bei diesem Mann lernen sie Palmblattflechten auf der Insel
Für Josep Antonio Ferrer Ferrà ist das Flechten der Palmblätter mehr als ein Zeitvertreib: Er hält das Traditionshandwerk hoch, unterrichtet und arbeitet mit Künstlern zusammen

Pep Toni unterstützt seine Schülerinnen bei ihren eigenen Flecht-Projekten / Jutta Degen-Peters
Jutta Degen-Peters
In der Luft liegt der Geruch frisch getrockneter Blätter der Zwergpalme, der hojas de palmita. Um sie dreht sich alles im Leben und im Arbeitsraum von Josep Antonio Ferrer Ferrà in einem Vorort im Norden von Palma. „Pep Toni“ ist Korb- und Stuhlflechter. Die Hände sind sein Werkzeug – und sein Kopf, in dem er über die Jahrzehnte sein Wissen und die Fertigkeiten über dieses Traditionshandwerk gespeichert und verfeinert hat. Seit 35 Jahren arbeitet Ferrer in seinem Beruf und ist heute auf der Insel einer der wenigen, die dieses Handwerk nicht nur ausüben, sondern auch als Lehrer weitergeben.
130 Schüler lernen bei diesem Meister das traditionelle Handwerk der Insel
Gerade ist die Donnerstagsgruppe in seiner Werkstatt. Die meisten der zehn Teilnehmer, neun Frauen und ein Mann, sind im Rentenalter, wollen etwas für den Kopf und für die Hände tun und dabei die mallorquinischen Bräuche hochhalten. Viele sind schon lange dabei. Sie tauschen sich aus über Flechttechniken, Neuigkeiten von der Insel, über Erfolge und Misserfolge ihrer Arbeiten. Der Gemeinschaftssinn, der hier zu spüren ist, erinnert an frühere Zeiten, als sich Familien abends um den Tisch versammelten und gemeinsam flochten. Die Stimmung ist gut hier im Carrer Sunyer im Barrio Es Secar de la Real.
Jeder hat ein anderes Werkstück vor sich liegen und arbeitet daran. Damián und seine Frau Margarita zum Beispiel fertigen einen Rahmen für einen Spiegel und eine Korbtasche. „Wir kommen immer mit Freude hierher. Pep Toni ist der beste Lehrer, den man sich nur wünschen kann“, sagen sie und stehen mit ihrer Meinung nicht alleine. 130 Schüler unterrichtet der 57-Jährige aktuell. Acht Kurse finden bei ihm zu Hause statt, weitere in Kulturzentren. Die Warteliste derer, die die Kunst des Palmblattflechtens erlernen wollen, ist lang. Die meisten haben in dem Handwerk ein neues Hobby gefunden. Mancher, den er unterrichtet habe, sei selbst Lehrer geworden, freut sich der „Meister“.
„Geht nicht“ gibt es bei Pep Toni Ferrer nicht
Seine Schüler schätzen an ihm, dass Begriffe, wie „geht nicht“ oder „gibt’s nicht“ nicht zu seinem Repertoire gehören. „Wenn jemand etwas ausprobieren will, was ich noch nicht kenne, ist das auch für mich eine Herausforderung.“ Er lerne dadurch immer noch etwas dazu. Genau wie durch die Fehler, die seinen Schülern unterlaufen, sagt Ferrer.
Die ersten Gehversuche in Sachen Palmblattflechten unternahm er mit dem Großvater. Dieses Interesse und der Spaß an kniffligen Flechtaufgaben haben ihn durchs Leben begleitet. Die fächerförmigen Blätter der Zwergpalme sind laut Ferrer neben der Wolle das einzige Erzeugnis, das die Insel als eigenen Werkstoff hervorbringt. So entwickelte sich hier, in den Regionen um Artà, Capdepera und Port de Pollença, wo diese Palmenart wächst, die Kunst, Besen, Körbe, Untersetzer, Taschen und Sitzflächen für Stühle daraus herzustellen.
Ferrer versteht seine Arbeit als obra de mano, als Handarbeit oder Handwerk. Den allzu inflationär verwendeten Begriff artesanía mag er nicht. Trotzdem hat er sich über die Auszeichnung des Inselrates gefreut, die ihn mit dem „Premi Trajectòria Artesana“ für das langjährige Berufsleben eines Kunsthandwerkers bedacht hat. Dies und die allgemeine Wahrnehmung zeigten, dass sich die handwerklichen Traditionen wieder einer größeren Wertschätzung erfreuten, sagt er.
Beglückendes Mühsal trotz geringer Bezahlung
Reich werden kann man mit dem Palmflechten nicht. Denn das, was die Leute bereit sind, für eine Korbtasche oder eine Stuhlbespannung zu bezahlen, bildet oft kaum ab, was die Fertigung an Mühe und Zeit gekostet hat. Ferrer verweist auf einen Pouf aus Palmblättern, ein rundes, circa 30 Zentimeter hohes Sitzkissen mit einem Durchmesser von fast 50 Zentimetern. 25 Meter geflochtenes Band sind dafür aus den getrockneten Palmito-Blättern herzustellen, was Ferrer rund 25 Stunden Zeit kostet. Die Stunden fürs Zusammennähen des Bandes zu zwei Halbkugeln kommen obendrauf. „Mehr als 160 Euro für so ein Sitzkissen kann ich aber nicht verlangen“, sagt der cordador. Und geerntet und getrocknet werden müssen die Blätter auch.

Palmblatt flechten erfordert Geschick und Geduld. / Jutta Degen-Peters
Das Erklären und Vermitteln der Technik ist nur ein Standbein von Ferrers Unternehmen „Paumes i brins“, benannt nach Palmblättern und Palmblattstreifen, aus dem seine Erzeugnisse entstehen. Nur die Kordel für die Bespannung von Stühlen stellt er nicht selbst her. Er kauft sie bei einer 80-jährigen Dame aus S’Arracó. „Sie ist die Einzige auf der Insel, die noch solche Schnüre anfertigt“, bedauert Pep Toni Ferrer. Neben den Kursen erledigt er Aufträge von Restauratoren, Möbel- und Dekorationsgeschäften, Modeläden oder Privatleuten, für die er Untersetzer, Taschen, Körbe, Hüte, Hocker und Stühle fertigt.
Die Leidenschaft zum Beruf gemacht
Ursprünglich hatte Ferrer einen anderen Beruf. Drei Jahre lang war er als Elektrotechniker für ein Telekommunikationsunternehmen tätig. Doch der Umgang mit den Kunden behagte ihm nicht. Es folgten Stationen in einer Bar. Ein Stammgast, der um sein Geschick im Flechten wusste, habe ihn bestärkt, aus der Leidenschaft einen Beruf zu machen, sagt er. Diesem Ratschlag sei er gefolgt, und er habe diese Entscheidung bis heute nicht bereut.
Besonders herausfordernd ist für Ferrer die Zusammenarbeit mit Künstlern. Sie kommen hin und wieder mit Anfragen auf ihn zu und schildern ihm ihre Vorstellungen. So meldete sich die Kunstgalerie Aba Art aus Palma, die für eine Installation bis zu zwei Meter große nestförmige Kugeln aus Naturmaterialien gestaltet haben wollte. Zunächst lehnte er ab. „Ein so großer Auftrag schien mir unmöglich machbar“, erinnert sich Ferrer. Dann hat ihn aber doch die Neugier gepackt – und der Ehrgeiz. In mehrmonatiger Arbeit und mit der Unterstützung seiner Frau fertigte er aus Espartogras, Sisalschnur, Weidenfasern und Rohrkolben, verstärkt mit Kupferbügeln, zwölf Riesennester an, die heute als Installation im Ibiza Gran Hotel in Ibiza hängen.

Arbeiten von Pep Toni Ferrer für die Künstlerin Ana Laura Aláez / Jutta Degen-Peters
Die Arbeit mit Künstlern eröffnet Pep Toni Ferrer jedes Mal neue, horizonterweiternde Erkenntnisse. Manchmal sei es schwer, ihre Ideen zu verstehen und sie in die Praxis umzusetzen. Aber wenn man sie einmal begriffen habe, sei es bereichernd und motivierend, Objekte zu gestalten, auf die er alleine nie gekommen wäre. „Das ermöglicht dir, auf unbekannten Feldern zu experimentieren, als Handwerker zu wachsen und dich dabei selbst auch ein bisschen als Künstler zu fühlen“, sagt er.
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