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Geboren in Nepal, aufgewachsen in Australien – und heute Komponistin auf Mallorca: Das ungewöhnliche Leben der Auswanderin Julie Reier

Immersive Show in Palma, Filmmusik, Daumenkinos: Julie Reier ist vielbeschäftigt– und hat ihren Weg stets nach Neugier statt nach Karriereplan gewählt

Ein langer Weg bis nach Mallorca: So eindrucksvoll ist die Lebensgeschichte der Komponistin und Pianistin Julie Reier

Nele Bendgens / Simone Werner

Simone Werner

Simone Werner

Was Julie Reier in ihrem Leben (auch) macht, lässt sich derzeit in der Kirche Sagrats Cors in Palmamiterleben. Die Komponistin und Pianistin hat die Musik für die 25-minütige, immersive Show mit Licht, Sound und Projektionsmapping von Spiritual Mallorca geschrieben. Auch durch ihre zweite Tätigkeit könnte aufmerksamen MZ-Lesern ihr Name bekannt vorkommen: Die 43-Jährige hat mit ihrem Mann Jossie Malis einen Verlag für Daumenkinos: flipboku. Zudem hat das Paar erst kürzlich bunte Sonnenfinsternisbrillen für die totale Sonnenfinsternis im August 2026 herausgebracht (MZ berichtete).

Alles beginnt mit einem Herzschlag: „Elements. El batec de la vida“ verwandelt die Kirche durch Licht und Sound. | F.: MANU MIELNIEZUK

Alles beginnt mit einem Herzschlag: „Elements. El batec de la vida“ verwandelt die Kirche durch Licht und Sound. / MANU MIELNIEZUK

„Ich bin gerne einen Tag Verlegerin, einen Tag Komponistin. Ich brauche die Abwechslung“, sagt Reier, die eigentlich gelernte Schneiderin ist. Mit der Schneiderei allerdings hat sie mittlerweile nichts mehr am Hut. „Das Leben darf nicht zu langweilig sein, finde ich. Das ist mir bis jetzt ganz gut gelungen“, sagt sie beim Interview in ihrer lichtdurchfluteten Wohnung in Son Rapinya mit Blick auf Kathedrale und Bellver-Schloss. „Ich bin immer eher meiner Neugier gefolgt als einem Karriereplan“, beschreibt sie ihr Leben.

Geburtsort: Nepal

Ihre besondere Geschichte beginnt schon mit ihrem außergewöhnlichen Geburtsort: Nepal. Wie es dazu kam? Lange Geschichte. Die Kurzform: Ihr Vater, Weltenbummler und Asienliebhaber, importierte damals asiatisches Handwerk nach Deutschland und verkaufte es auf Messen. „Für die Internationale Gartenmesse in München 1983 sollte er eine hinduistische Pagode bauen. Es war ein größeres Projekt, da dafür ganz alte Schnitztechniken notwendig sind. Um Schnitzer, die sie beherrschen, zu finden, musste mein Vater durchs ganze Land reisen“, erzählt Reier. Ganze drei Jahre habe es gedauert, bis der Friedenstempel fertig gestellt war. „In der Zeit bin ich geboren“, so Reier, die dann auch ihre ersten drei Lebensjahre zusammen mit ihren Eltern und ihrer zuvor in Deutschland geborenen älteren Schwester in Nepal verbracht hat.

Fest entschlossen, mit ihrer Firma Astromo abzuheben: Julie Reier und Jossie Malis (Mitte).

Fest entschlossen, mit ihrer Firma Astromo abzuheben: Julie Reier und Jossie Malis (Mitte). / B. Ramon

Waldorfschule statt Segeln

Dann wurde Reiers Vater mit der nächsten Pagode beauftragt, dieses Mal für die Expo 1988 in Brisbane. Fast zeitgleich trennten sich Reiers Eltern. Die damals Dreijährige zog mit ihrem Vater und dessen neuer Partnerin alleine nach Australien. Reiers Mutter ging mit Reiers Schwester zurück nach Deutschland. In Australien wuchs Julie Reier zweisprachig auf, mit Deutsch und Englisch. Und bekam 1985, fast zeitgleich väterlicher und mütterlicherseits noch Halbgeschwister dazu. Ihre Nepali-Schwester lebe weiterhin in Australien.

Erst Nepal, dann Australien, dann Deutschland

Julie Reier war nur bis zu ihrem sechsten Lebensjahr dort. Danach wuchs sie bei ihrer Tante und ihrem Onkel nahe Freiburg auf. Zu ihren Verwandten väterlicherseits sollte Julie Reier eigentlich nur vorübergehend kommen. „Meine Eltern hatten damals beide jeweils ein Kind zugesprochen bekommen. Mein Vater wollte nicht, dass ich bei meiner Mama bleibe – aus Angst, dass sie mich behält.“ Der Kontakt zu Julies leiblicher Schwester und ihrer Mutter habe aber immer fortbestanden. Meist verbrachte Reier die Ferien in München.

Ihr Vater wollte eigentlich mit Julie Reier durch die Südsee segeln, doch ihre Tante bestand darauf, dass sie ihrer Schulpflicht nachkommt und in Deutschland bleibt. Fortan besuchte Julie eine Waldorfschule mit künstlerischem Schwerpunkt. „Ich habe erst mit Geige angefangen, aber relativ schnell auch mit Klavier“, so Reier. Zusätzlich sang sie im Chor, spielte im Jugendorchester.

So ganz aus dem Nichts kam ihre Leidenschaft für Musik nicht. „Meine Urgroßtante war Konzertpianistin. In unserer Familie war ich dann die Musikalische. Wenn ich bei meinen Großeltern zu Besuch war oder bei Familienfeiern, musste ich immer vorspielen – und es flossen Tränen“, erinnert sie sich. Dass sie selbst während der Pubertät für die Musik brannte, habe auch an ihrer Klasse gelegen und daran, dass ein Großteil ihrer Freunde ebenfalls Musik machte. „Es war wie eine Erweiterung der Ausbildung. Ich habe nie Druck gespürt, dass ich üben muss.“

Musiker-Ausbildung ja oder nein?

Nach dem Abitur musste sie sich entscheiden: Musikerin oder doch einen anderen Beruf? „Mein Schwerpunkt lag damals eher auf Geige. Ich hatte einen sehr guten Lehrer, Christian Ostertag. Er war erster Violonist beim SWR-Symphonieorchester und wollte, dass ich studiere“, so Reier, die allerdings schnell merkte, dass sie den „Kompetitionsweg“ nicht gehen will, auch weil das Niveau an Hochschulen in Deutschland besonders hoch ist. „Musikerin nein, künstlerischer Bereich ja“, lautete ihre Entscheidung. Am Theater in Wien machte sie ein Praktikum im Kostümbereich, im Anschluss kam eine Schneiderlehre in München. Bei alledem hörte sie nie auf, Musik zu machen.

Nach einem Jahr als selbstständige Schneiderin und einer Trennung nach fünf Jahren Beziehung wollte Reier dann erst einmal „weit weg“. Also schnappte sie sich ihre Stoffe, Maschinen und ihren VW-Bus und fuhr übers Land gen Süden. Portugal oder Spanien kamen infrage. „Ich wollte auf jeden Fall ans Meer.“ Letztlich strandete sie in Barcelona, jobbte dort als Kellnerin, lernte Spanisch. Statt ein Aufbaustudium als Schnitt-Directrice zu machen, kehrte sie zur Musik zurück. „Die Kollegen in dem Restaurant, in dem ich gearbeitet habe, waren alle verkappte Musiker, die sich nebenbei etwas dazu verdienten“, sagt Reier, die in Barcelona bei einem Konzert ihren zukünftigen Ehemann Jossie Malis kennenlernte. Er ist ähnlich multikulturell aufgewachsen, zwischen Peru und Chile, und hat auch schon in den USA gelebt.

Julie Reier in ihrem Zuhause in Son Rapinya, wo sie auch komponiert.

Julie Reier in ihrem Zuhause in Son Rapinya, wo sie auch komponiert. / Nele Bendgens

Palma statt Barcelona

Julie Reier kaufte sich ein Klavier, spielte in ein paar Bands und machte auch Straßenmusik im bekannten Park Güell. Eine Freundin, die am Konservatorium in Palma studiert hatte, legte ihr ans Herz, auf Mallorca die Aufnahmeprüfung für Pianisten zu machen. Jetzt oder nie. Reier beschloss, es zu probieren, zumal der Konkurrenzdruck auf der Insel nicht ganz so groß war. „Ich hatte nur drei Wochen für die Vorbereitungen, normalerweise bereitet man sich Jahre vor“, sagt sie. Es klappte. 2007 zog Reier auf die Insel, es folgten vier Jahre Studium, Malis zog ihr gegen Ende hinterher.

Eine Online-Zusatzausbildung Filmmusik an der Berklee College of Music hängte sie noch dran. Jossie Malis ist Illustrator und Filmemacher, die beiden waren dauernd auf Festivals. 2014 eröffnete das Paar die auch auf den US-Markt abzielende Filmproduktionsfirma Zumbakamera. "Ich habe Musik für Kurz- und Langspielfilme, Videogames und Theaterproduktionen gemacht, auch am Teatre Principal in Palma“, sagt Reier.

Im Spanischen zu Hause

Nach 20 Jahren in Spanien fühlt sie sich im Spanischen sicherer als im Deutschen. Im Gespräch sucht sie manchmal nach den passenden Wörtern. „Ich liebe Filmmusik, aber es ist sehr anspruchsvoll. Man hat immer knappe Deadlines und wird zudem schlecht bezahlt“, sagt sie. Auch deswegen gründete das Paar 2019 den Daumenkino-Verlag, brachte ihn durch die Pandemie. „Langweilig ist das Einzige, was mir nie ist“, sagt Julie Reier.

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