Arenal ohne Ballermann: Neue Führungen erzählen von der Geschichte der Playa de Palma
Im Mittelpunkt der Führungen von Frank Feldmeier, des ehemaligen stellvertretenden Chefredakteurs der Mallorca Zeitung, stehen Bürgerkrieg, die Geschichte der Eisenbahn und die Steinbrüche in Arenal

Frank Feldmeier erklärt den gebannten Zuhörern die Geschichte von Arenal. / NELE BENDGENS
Ganz im Hintergrund peitschen die Kitesurfer vor dem Strand von Arenal über die Wellen. Von hier oben, von der alten Eisenbahnbrücke aus, sieht es so aus, als würden sie auf dem Wasser einen Tanz vollführen. Obwohl es nur wenige Hundert Meter bis zum Meer sind, wähnt man sich hier in einer anderen Welt. Unten führt der hier komplett zugewachsene Sturzbach Torrent dels Jueus vorbei. Auf der Brücke picken ein paar Hühner gemütlich vor sich hin. Von den 20 Deutschen, die hier im Halbkreis stehen, lassen sie sich nicht aus der Ruhe bringen.
Keine leichten Themen
Die Blicke richten sich auf Frank Feldmeier. Der Autor und frühere stellvertretende Chefredakteur der MZ bietet gemeinsam mit der Kulturveranstalterin Ingrid Flohr an diesem Nachmittag eine Führung durch das „andere“ Arenal an. Um Tourismus geht es hier nur am Rande. Stattdessen erkundet Feldmeier mit seiner Gruppe anhand dieses Küstenortes die Geschichte der Insel – immer entlang dreier Hauptthemen: Bürgerkrieg, Eisenbahnen und Steinbrüche. Es sind, das gibt Feldmeier selbst am Ende des anderthalbstündigen Rundgangs zu, „keine leichten Themen“. Und das auch noch in „keiner schönen Gegend“. Aber genau das ist, was diese Führung so reizvoll macht.

Frank Feldmeier erklärt den gebannten Zuhörern die Geschichte von Arenal. / Nele Bendgens
Das Interesse ist groß
Feldmeier ist Fachmann. Über 20 Jahre hat er auf der Insel als Reporter gearbeitet. Er ist obendrein Sohn eines Eisenbahners. Zu seinen Spezialgebieten gehörte die Geschichte der Insel. Immer wieder fügt er in seinen Erläuterungen Anekdoten ein, wie er als Journalist diesen Themen nachging.
In Kontakt kamen Ingrid Flohr und Frank Feldmeier schon vor einigen Jahren, als er für seinen Reiseführer „Mallorca – Inselabenteuer“ recherchierte. Die Idee zu einer Führung durch Arenal entstand dann vor einem Jahr. Im November gab es eine erste private Tour. Die positiven Reaktionen gaben den Ausschlag. Man könnte es versuchen. Und tatsächlich: Nur wenige Stunden, nachdem Ingrid Flohr die Führungen angeboten hatte, waren die ersten beiden Touren schon ausgebucht.

Frank Feldmeier bei seinen Ausfúhrungen über den Bürgerkrieg. / Nele Bendgens
Dass Feldmeier sich ausgerechnet Arenal für seine Führung ausgesucht hat, ist auch in seinem journalistischen Schaffen begründet. „Ich habe als Journalist eine regelrechte Ablehnung gegen alle Ballermann-Themen entwickelt und finde es schade, dass Arenal immer nur unter diesem Etikett bekannt ist, obwohl es viele andere Aspekte gibt“, sagt er.
Zu allem ein Bezugspunkt
Die Eisenbahnbrücke führt nicht nur über den Sturzbach, sie verbindet auch den Teil der Playa de Palma, der zur Hauptstadt gehört, mit dem, der von der Gemeinde Llucmajor verwaltet wird. Es ist jener Teil der kilometerlangen Urlauberhochburg, wo alles noch ein wenig rauer zugeht. Wo noch wenig darauf hindeutet, dass sich die Playa de Palma zu einem Premiumziel mausern möchte. Hier, zwischen Hochhäusern, von denen die meisten aus der Zeit der Anfänge des Touristenbooms stammen dürften, Hinweise auf die Geschichte des Viertels zu finden, ist nicht so leicht. Doch Feldmeier gelingt es, an jeder der sieben Stationen der Führung Bezugspunkte zu finden, von denen sich die Erzählstränge entspinnen.
Wirtschaftszweige, Bahnstrecken und Wissenswertes
So erzählt er davon, wie die Steinbrüche, der erste große Wirtschaftszweig des Viertels, auch heute noch die Ortsnamen der Gegend prägen. Feldmeier berichtet vom Marès, dem klassischen mallorquinischen Sandstein und lange Zeit wichtigsten Bauelement auf der Insel, und wie er seit einigen Jahren wieder eine Renaissance erlebt. Anhand der spärlichen verbliebenen Reste der Eisenbahnstrecke erklärt er die Ausbreitung dieses Verkehrsmittels und dessen Bedeutung für Industrie und Handel. Und warum die eigentlich so praktische Bahn nicht vom aufkommenden Tourismus profitieren konnte. „Der letzte Zug von Palma nach Santanyí fuhr am 4. März 1964“, erklärt Feldmeier.

Blick von der alten Eisenbahnbrücke auf Arenal. Im Hintergrund das Meer. / Nele Bendgens
Sowohl bei den Zügen als auch beim Bürgerkrieg holt Feldmeier die historischen Aspekte immer wieder in die Gegenwart. Etwa, wenn er von den Bauplänen der Landesregierung für eine neue Verbindung zwischen Palma und Llucmajor spricht, die allerdings nicht hier in Arenal vorbeiführen soll.
Vergangenheit und Gegenwart
Oder wenn es darum geht, wie der Bürgerkrieg bis heute die spanische Gesellschaft prägt. Es ist ein Satz, der leicht dahingesagt ist. Frank Feldmeier weiß ihn zu veranschaulichen. Er erzählt den Teilnehmern der Führung von Aurora Picornell, der jungen Kommunistin und Aktivistin, die unter anderem in Arenal aktiv war. Franco-Schergen folterten und ermordeten sie nach Beginn des Bürgerkriegs. Ihre Leiche wurde erst 2021 gefunden, Feldmeier berichtete als Reporter über die Ausgrabungen. So lässt sich dann auch besser verstehen, warum es für große Empörung sorgte, dass der regionale Parlamentspräsident Gabriel Le Senne im Sommer 2024 bei einer Sitzung wutentbrannt Bilder von Picornell und weiteren Franco-Opfern zerriss. Er wird sich vor Gericht dafür verantworten müssen.

Ingrid Flohr (li.) mit einer Teilnehmerin der Führung. / Nele Bendgens
Die Tour endet, wo sie gestartet ist, im Carrer Berlin. Auch für diesen Straßennamen hat Feldmeier eine Erklärung. Im März sind weitere Führungen geplant. Wenn das Interesse anhält, da sind sich Flohr und Feldmeier einig, werden es nicht die letzten sein.
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