„Das Dorf bleibt in mir“ - Anne Gesthuysen liest auf Mallorca aus ihrem Roman „Vielleicht hat das Leben Besseres vor“
Ihre Bücher sind Bestseller. Viele davon entstanden auf Mallorca. Nun liest Anne Gesthuysen erstmals auf der Insel daraus. In „Vielleicht hat das Leben Besseres vor“ geht es auch wieder um die Heimat der Journalistin

Die Autorin und Moderatorin Anne Gesthuysen mit ihrem Hund Freddy. / Stephan Pick
Anne Gesthuysen sitzt in einem lichtdurchfluteten Dachzimmer mit typisch mallorquinischen Schrägbalken am Schreibtisch. Die 56-jährige Autorin, Journalistin und Moderatorin trägt eine sportive graue Sweatshirtjacke und hat ihre blond gesträhnten Haare mit einem lockeren Zopf hochgesteckt. Genau wie man sie vom Fernsehen kennt, wirkt sie jugendlich und entspannt. Gesthuysen moderierte zwölf Jahre lang das ARD-„Morgenmagazin“ und ist noch heute regelmäßig in der „Aktuellen Stunde“ des WDR zu sehen. Sie ist mit dem Fernsehmoderator und Journalisten Frank Plasberg („Hart aber fair“) verheiratet und Mutter eines 15-jährigen Sohnes.
Wir erreichen sie und ihren Hund Freddy per Zoom-Anruf auf einer Finca in Porreres, die die Familie gemeinsam mit Freunden besitzt. Hier in der Abgeschiedenheit der Inselmitte findet Gesthuysen die Ruhe, um an ihrem neuen Roman zu arbeiten. Worum es in ihrem neuen Werk geht, kann und will sie noch nicht sagen – sie befindet sich noch mitten im kreativen Prozess. Am Ostersonntag (5.4.) liest Gesthuysen ein letztes Mal aus ihrem aktuellen Roman „Vielleicht hat das Leben Besseres vor“ in der Bodega Can Gats.
Was steckt für Sie hinter dem Titel „Vielleicht hat das Leben Besseres vor“?
Es gibt diese alles entscheidenden Momente im Leben, in denen etwas Unerwartetes geschieht und plötzlich alles bisherige auf den Kopf stellt. Oft sagt man dann: „Das Schicksal hat zugeschlagen“, und eigentlich ist es immer schlecht. Aber ich wollte dem eine positivere Formulierung geben, denn manchmal gibt es genauso Momente, die das Umgekehrte sind, und das Leben nimmt eine gute Wendung, die wir nicht sofort erkennen. In dem Buch habe ich damit gleichzeitig ein eigenes Trauma als Mutter abgearbeitet. Als mein Sohn noch ganz klein war, stürzte er mir auf dem Parkplatz vom Baumarkt mit dem Einkaufswagen auf den Asphalt. Ihm ist Gott sei Dank nichts passiert, aber es war der Schock meines Lebens, denn es hätte auch ganz anders ausgehen können. Ich habe von der Szene noch lange Albträume gehabt und mir überlegt: Was würden die Schuldgefühle mit mir machen, mit meiner Ehe, mit meiner Familie, mit meinem Leben?
Also erkennen Sie sich in der Rolle der Mutter im Buch wieder, die ja viel mit Selbstzweifeln und Schuldgefühlen zu kämpfen hat?
Es ist schwer, sich als Mutter davon komplett zu befreien. Ich hinterfrage, was ich mit meinem Verhalten so alles in mein Kind hineingepflanzt habe. Gleichzeitig, müssen wir alle damit klarkommen, dass unsere Eltern irgendetwas mal falsch gemacht haben. Wahrscheinlich ist das die beste Botschaft, die man seinem Kind mitgeben kann. Andererseits glaube ich nicht, dass mein Mann Frank, der sich sehr viel um unseren Sohn gekümmert hat, Schuldgefühle empfindet. Männer neigen wohl eher dazu, das Positive zu sehen, und ziehen sich das Schöne aus der Vaterschaft, wie den Stolz aufs Kind.
Sie erzählen in Ihren Romanen von Ihrer Heimat am Niederrhein, von einer Dorfgemeinschaft, wo jeder jeden kennt.
Ich bin davon sehr geprägt. Deswegen kann ich wohl nur Bücher schreiben, die dort spielen. Man kriegt mich aus dem Dorf raus, aber das Dorf bleibt in mir – ich bin so wie die, auch wenn ich dort schon lange weg bin. Ich weiß genau, wie die Menschen dort ticken. Ein Dorf ist insofern spannend, als jeder jeden beobachtet und wahnsinnig viel geklatscht und getratscht wird. Das ist einfach so, dadurch schafft man einen sozialen Kitt, denn eine Dorfgemeinschaft war früher auch eine Notgemeinschaft – die Menschen waren darauf angewiesen, sich aufeinander verlassen zu können. Das schafft man nur, wenn die Gruppe relativ homogen und irgendwie zusammengehalten wird. Ich bin als Jugendliche auch oft von meinen Nachbarn erwischt worden, wenn ich unerlaubterweise nachts aus dem Fenster geklettert bin, um aufs Scheunenfest zu gehen (lacht).
Was erwartet die Gäste bei Ihrer Lesung?
Es ist meine allererste Mallorca-Lesung, darauf freue ich mich besonders, da ich meine letzten Bücher alle hier verfasst habe. Ich werde erklären, wie meine Figuren entstanden sind und was das Dorf für mich bedeutet hat. Natürlich lese ich auch ausgewählte Szenen vor. Eine davon steht symptomatisch für das Kommunikationsproblem, das in unserer modernen Gesellschaft herrscht, und beschreibt die verschiedenen Lebensrealitäten zwischen Land- und Großstadtdenken. Stichwort „diskriminierungssensible“ Sprache trifft auf Schützenfestmentalität, aber ich will nicht zu viel verraten.
Lesung im Salon Can Gats
Sonntag, 5. April, 12 Uhr
Carrer de Sant Pere, 4, Llucmajor
Teilnahme: 45 Euro inkl. Menü, nur mit Anmeldung über Ingrid Flohr: WhatsApp an Tel.: 690-21 87 09
Infos: kunst-touren-mallorca.com
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