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Die unvollendete Schönheit: Warum die Kirche von Son Servera ohne Dach blieb

Gaudí-Jahr: Ein enger Mitarbeiter des berühmten Architekten brachte vor 120 Jahren den katalanischen Jugendstil bis in Mallorcas Osten. Dass die Església Nova nie fertiggebaut wurde, lag nicht allein am Geld – und sagt viel über den Modernisme auf der Insel

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260329MZE Frank Feld (233703568) / Frank Feldmeier

Frank Feldmeier

Frank Feldmeier

Dass Kirchen nicht im Handumdrehen gebaut werden, ist eher die Regel als die Ausnahme. Bis monumentale Sakralbauten endlich eingeweiht werden, sind oft mehrere Generationen von Architekten und Arbeitern am Werk, ändert sich der Baustil, entwickelt sich die Technik weiter. Wo etwa Antoni Gaudí mit Modellen aus Eisenketten die Statik der Sagrada Família in Barcelona simulierte, kommen zur Fertigstellung 3D-Animationen zum Einsatz. Erst zum 100. Todestag des Architekten soll am 10. Juni dieses Jahres der höchste Turm des Bauwerks, die Torre de Jesucrist, eingeweiht werden können.

Einer von Gaudís Schülern, Joan Rubió i Bellver, scheiterte mit seinem Projekt auf halber Strecke – und seine Església Nova steht auch fast hundert Jahre nach dem Baustopp unvollendet in Mallorcas Osten. Zu bewundern ist die dachlose „neue Kirche“ in Son Servera, ein paar Schritte vom Rathaus entfernt. Statt Messen werden hier ab und an Volkstänze abgehalten, und wo die Kommunion ausgegeben werden sollte, legt gerade eine Gruppe von Wanderern auf dem GR 226 Rast ein.

Die vier Männer begutachten die Fassade mit ihren eleganten Spitzbögen aus Marès, mit ihren Zinnen, den Strebepfeilern, die letztendlich kein Gewicht tragen müssen, mit den Rosetten, die ohne Verglasung geblieben sind. „Unfertiger Kirche von Neogotik Architekturstil“, steht auf einer noch ohne KI übersetzten Infotafel, die auch Restaurierungsarbeiten Mitte der 1990er-Jahre aufführt. Aber warum wurde die Església Nova nie vollendet?

Wie alles begann

Anfang des 20. Jahrhunderts sollte die Gemeinde Son Servera eine neue Kirche bekommen. Der Ort, der bis 1837 zur Gemeinde Artà gehört hatte, zählte jetzt rund 3.000 Seelen. Der bisherige Bau vom Ende des 17. Jahrhunderts war „feucht, dunkel und schwarz“ und gehörte „zum Ärmlichsten und Schlechtesten auf Mallorca“, so Rubió i Bellver in einer Bestandsaufnahme. Wobei er womöglich ein wenig übertrieb, um den Neubau zu rechtfertigen: „Jeder Versuch einer Renovierung wäre Zeit- und Geldverschwendung.“

Der katalanische Architekt war einer der engsten und treuesten Mitarbeiter von Gaudí, zunächst Schüler, dann Partner bei bedeutenden Projekten des Modernisme, wie der katalanische Jugendstil heißt. Rubió i Bellver half dem Genie, komplexe statische Probleme zu lösen, arbeitete in der frühen Phase der Sagrada Família mit und begleitete Gaudí nach Mallorca, um ihm bei der Umgestaltung des Innenraums der Kathedrale zu helfen sowie für ihn hier die Stellung zu halten.

So kam es, dass er auch eigene Aufträge auf der Insel erhielt, die den Modernisme über die Stadtgrenzen hinaustrugen. Rubió schuf die Fassade der Kirche Sant Bartomeu in Sóller, später auch das palastähnliche Bankgebäude daneben, oder überarbeitete die Pläne für die Kirche Sant Miquel in Son Carrió.

Schlüsselrolle eines verehrten Mallorquiners

Nicht nur der damalige Bischof in Palma, Pere Joan Campins, war Modernisme-Fan, auch Generalvikar Antoni Maria Alcover i Sureda. Der Geistliche, der heute vor allem für seine Märchensammlungen und die Erforschung der katalanischen Sprache bekannt ist, aber auch Architekt war, brachte das Projekt der Església Nova zum Laufen. „Er organisierte den Grundstückskauf und fungierte als Vermittler zwischen Rubió i Bellver und den Menschen vor Ort“, erklärt Amàlia Salas, Direktorin der Institució Pública Antoni M. Alcover in Manacor. Denn neben Subventionen waren es Sach- und Geldspenden, die den Bau ermöglichten: Marès aus umliegenden Steinbrüchen, Freiwilligendienste der Einwohner, Kollekten.

Die Vision des Architekten erwies sich dabei als so ambitioniert, dass er die Baupläne noch vor der Grundsteinlegung im März 1906 abspecken musste: Ein erster Entwurf sah noch einen dreischiffigen Bau mit Seitenkapellen vor, der offenbar von Palmas Kathedrale inspiriert war und womöglich für ein Projekt an anderer Stelle konzipiert gewesen sein könnte. Hier bleiben aus heutiger Sicht Fragezeichen – genauso wie bei dem Umstand, dass für das Jahr darauf eine Spende von 18 Säulen dokumentiert ist, obwohl für den einschiffigen Bau nur noch vier nötig waren.

260409MZE Sansó 2341 (234147005)

260409MZE Sansó 2341 (234147005) / Sansó, 1922, Arxiu Històric del Col·legi d’Arquitectes de Catalunya, C-1692/27-37).

Fotos von 1922 zeigen einen Bau, der der heutigen Kirche bereits sehr ähnlich sieht. Obwohl sie meist als neugotisch beschrieben wird, steht sie auch für den Modernisme. Salas spricht von einer balearischen Ausprägung: „Rubió i Bellver war von der Gotik in Palmas Kathedrale schwer beeindruckt.“ Er verarbeitete diese ästhetischen Einflüsse und fand wie sein Lehrer neue Antworten auf die statischen Herausforderungen, etwa in Form der Parabelbögen. Wie in den Gaudí-Bauten verteilen sie die Lasten ohne Stützpfeiler oder äußere Strebebögen effizient nach unten – auch wenn sie in der Església Nova letztendlich nur das Himmelsdach tragen sollten.

Die Gründe für das Scheitern

Dass es mit der Fertigstellung nichts wurde, lag nicht nur am Geld und der Weltwirtschaftskrise von 1929. Viele Menschen aus Son Servera seien damals nach Südamerika ausgewandert, berichtet Salas. Vor allem aber: Im Jahr 1932 starb Antoni Alcover, Initiator des Werks und wichtigste Bezugsperson der Menschen in Son Servera. Der Katalane Rubió i Bellver blieb im Ort ein Fremder.

Schwerer Stand für den Jugendstil auf Mallorca

Dass der Bau unvollendet blieb – genauso wie übrigens die ab 1910 erbaute Església Nova in Biniamar –, symbolisiert in gewisser Weise auch die Schwierigkeiten des Jugendstils auf den Balearen. Im Gegensatz zu Katalonien, wo Architekten wie Gaudí auf eine Reihe von Mäzenen bauen konnten, gab es auf den Inseln kein finanzstarkes Bürgertum. Das Ergebnis war ein „flüchtiger Modernisme“, der sich mehr in der Übernahme von Formen und Stilmitteln äußerte als in der Umsetzung eines umfassenden baulichen Gesamtkonzepts, schreibt die Kunsthistorikerin Soledad Liaño Gibert in der Fachzeitschrift „Locus Amoenus“ von 2008: „Son Servera wurde zufällig zu einem modernistischen Rückzugsort, was ihn jedoch keineswegs weniger bedeutend macht, ganz im Gegenteil: gerade wegen der Relevanz der Protagonisten Alcover und Rubió.“

Der letzte Hinweis zu Bautätigkeiten ist für das Jahr 1933 dokumentiert, die Begleichung der Rechnung eines Handwerkers.

Mehr über Gaudí und den katalanischen Jugendstil im Reisebuch des Autors: "Barcelona – mal anders. Außergewöhnliche Entdeckertouren". 240 Seiten, ISBN 978-3-96685-645-4, 1. Auflage 2026

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