Die Welt in sieben Farben: Fotoausstellung mit Bildern des „National Geographic Magazine“ lockt als eine Art Weltreise ins CaixaForum in Palma
Die Ausstellung "Colores del mundo" zeigt die Farbpalette unserer Welt

Eine Gruppe Frauen bei einem Farbfestival in Indien. / CARY WOLINSKY
In einer Welt, in der Realität und fiktive Darstellung immer mehr verschwimmen, tut es gut, mit „Colores del mundo“ eine Fotoausstellung zu besuchen, die Momente der Wirklichkeit darstellt. Sicherlich sind auch diese Bilder bearbeitet, aber die wichtigste Komponente der klassischen Fotografie ist erhalten geblieben: ein reeller Augenblick auf diesem Planeten, festgehalten durch die Kamera, als ein Fotograf beschloss, den Auslöser zu drücken. Die Schau im CaixaForum besteht fast ausschließlich aus solchen Momentaufnahmen.

Eingangsbereich der Ausstellung "Colores del mundo" im CaixaForum Palma / Alexandra Bosse
Schon im Vorraum empfängt ein leuchtend gelber Plymouth, der vor einem gleichfarbigen Häuschen auf Hawaii parkt, die Besucher. Die leuchtenden Farben sind ein Vorgeschmack dessen, was folgt. Dann, noch vor den eigentlichen Ausstellungsräumen: der Globus. Eine große Weltkugel, zusammengesetzt aus NASA-Aufnahmen von dem britischen Künstler Luke Jerram. Blau, weiß und still schwebt die Erde im All. Was danach kommt, ist das genaue Gegenteil dieser totalen Perspektive auf die Welt: der genaue, intime und erstaunende Blick, oft aus nächster Nähe.
In Farben um die Welt
Die 63 Fotografien der Ausstellung von Reportern des „National Geographic Magazine“ zeigen die Farbpalette unserer Welt – und sollen auch die unterschiedliche Bedeutung, die Farben in verschiedenen Kulturen tragen, wiedergeben. Der Rundgang gliedert sich in sieben Stationen: Weiß und Gelb befinden sich wie auch der Globus unten. Orange, Rot, Violett, Blau und Grün finden sich im ersten Stock und sind über den lichtdurchfluteten Treppenaufgang im Innern des CaixaForums zu erreichen. Jeder Saal ein eigenes Kapitel, jede Farbe ein eigenes Gefühl, festgehalten von einigen der besten Fotografinnen und Fotografen der Welt. Alle Aufmerksamkeit gilt den Bildern, präsentiert in einzelnen Lichtkästen inmitten der pechschwarz abgedunkelten Räume.

Ein Seemann klettert in Buenos Aires in den Sonnenuntergang. | FOTO: BRUCE DALE
Den richtigen Moment finden
„Meine Verantwortung als Fotograf ist es, die Leser von ‚National Geographic‘ für das Magazin zu begeistern“, sagte der Fotograf Paul Nicklen einmal. Sein Bild „Ein Langschwanzkabeljau schwimmt an einem 19-armigen Sonnenblumen-Seestern vorbei“, das er am Whiskey Point der Quadra Island in British Columbia (Kanada) aufnahm, ist Teil der Ausstellung. Die erste Ausgabe des „National Geographic Magazine“ erschien bereits 1888, damals noch ohne Bilder.
Erst 1905 begründete der damalige Chefredakteur Gilbert Hovey Grosvenor den eigentlichen Fotojournalismus des Magazins – und machte es mit spektakulären Farbfotografien weltbekannt. 1914 erschien die erste Autochrom-Aufnahme nach dem Verfahren von Lumière, 1926 gelangen Fotografen des Magazins die ersten Farbaufnahmen unter Wasser. Heute, ein Jahrhundert später, ist die Formel dieselbe geblieben: in die Welt fahren, Menschen treffen, Begegnungen oder Natur suchen, abwarten – und dann, wenn der Moment da ist, auslösen.
Bewegende Kontraste
Die Namen hinter den Bildern in Palma erzählen diese Geschichte. Steve McCurry, dessen Porträt des afghanischen Mädchens 1985 zum vielleicht meistbetrachteten Pressefoto der Welt wurde, ist auch hier zweifach präsent: Im Raum „Weiß“ sieht man eine seiner beeindruckenden Aufnahmen, entstanden im Himalaja: Soldaten, die neben einer schwarzen Kanone im Schnee beten. Das alles überlagernde Weiß der Landschaft und das Schwarz der Waffe – ein Kontrast, der bewegt.

Betende Muslime in Kaschmir am Himalaja-Gebirge. / Steve McCurry
Und doch: Wer mit den Bildern von „National Geographic“ aufgewachsen ist, wer die Dramatik kennt, mit der dieses Magazin über Jahrzehnte die Welt dokumentiert hat, könnte bei der Ausstellung „Colores del mundo“ ein leises Gefühl der Enttäuschung verspüren. Die Bildauswahl folgt konsequent dem Konzept der Farbe und ordnet ihm manches andere unter. Weniger die Wucht des Augenblicks, mehr die Schönheit des Tons. Eine weichgespülte Welt, in der der ästhetische Schein immer mehr die Überhand gewinnt.
Zartheit der Farben im Vordergrund
Auch Frans Lantings Akazien vor dem orangenem Namibia-Himmel wirken beinahe wie ein Gemälde – malerisch, ruhig, fast dekorativ. Es ist die Zartheit der Farben, die die Kuratorenentscheidung zu leiten scheint, nicht die Dringlichkeit des Moments. Erfrischend gegen diesen Trend sticht unter anderem McCurrys andere Aufnahme aus dem Jahr 1999 heraus, entstanden in der Republik Jemen: Frauen verschwinden unter großen Hüten, die sie vor der Mittagshitze schützen, während sie frischen Klee für das Vieh ernten – der Horizont bewusst schief, die Anonymität der Figuren fast beunruhigend. Hier stimmt beides: die Farbe und die Spannung darunter.

Giraffen-Akazien in Namibia / Frans Lanting
Schnell durchschritten
Sieben Räume, je neun Fotografien. Die Ausstellung ist schnell durchschritten – und das ist womöglich kein Zufall, sondern Konzept. Wenig Text, nur eine knappe Bildunterschrift mit Motiv und Autor, manchmal das Entstehungsjahr, manchmal auch nicht. Die kurzen Erläuterungen zu den Farben und ihrer Wirkung bleiben allgemein. Wer sich schon eingehender mit Farbpsychologie oder Farbenlehre beschäftigt hat, wird kaum Neues erfahren. Rubén Duro, der wissenschaftliche Berater der Ausstellung, hatte bei der Eröffnung von Physik, Ethnografie und kultureller Vielschichtigkeit gesprochen. Von dieser Tiefe ist in den Sälen selbst wenig zu spüren.
Man kann das kritisieren. Man kann es aber auch anders lesen: als eine ehrliche Antwort auf die Sehgewohnheiten einer medienübersättigten Gesellschaft, die sich im Sekundentakt durch bewegte Bilder scrollt. Eine Ausstellung, die nicht zu viel verlangt, die einlädt statt zu fordern – und die gerade deshalb zugänglich ist für Menschen, die sonst nicht in Ausstellungen gehen. Hoffentlich nehmen sie sich die Zeit.
Informationen
„Colores del mundo“ im CaixaForum
Plaça de Weyler, 3, Palma
Infos: caixaforum.org
Ausstellung bis zum 12. Oktober
Öffnungszeiten: Mo.–So. 10 bis 20 Uhr
Eintritt: 6 Euro (ab 16 Jahren)
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