Wandern auf Mallorcas Berg der Legenden: Diese Galatzó-Runde hat es in sich
Wandern mit der MZ: Puig de Galatzó – die große Runde. Eine anspruchsvolle Tour über den höchsten Berg des Inselwestens
Schon wenige Meter nach dem Parkplatz wird es unschlagbar idyllisch: Morgenstimmung auf dem Weg durchs Tal. / Thomas Fitzner
Als ich diese Route zum ersten Mal ging, war kurz nach dem Ses Planes genannten und leicht erreichbaren Hochplateau vorläufig Endstation, weil ich nicht mehr wusste, wie weiter. Zum Glück kamen einige Wanderer des Weges, die sich auskannten, und ich schloss mich mit einer jungen Deutschen zusammen, die auf der Insel gelegentlich Urlaub von ihrem stressigen Projektmanagement-Job nimmt, indem sie wochenweise als Fahrradmechanikerin anheuerte und gelegentlich Berge bezwang. Sie war mit dem Rad zur Finca de Galatzó gekommen. Wie sie nach dieser auszehrenden Rundtour die Kraft fand, knapp 15 Kilometer ins Ferienquartier zurückzuradeln, bleibt ihr Geheimnis.
Der Puig de Galatzó, einer der acht Tausend-plus-Meter-Berge Mallorcas, ist bekannt für die düsteren Legenden, die rund um diesen einsam den Inselwesten dominierenden Felsriesen gesponnen werden. Im Mittelpunkt steht der Geist eines superbösen Adeligen, der jedoch so durchgelutscht ist, dass ich ihn nicht weiter bemühen möchte. Unterhaltsamer finde ich die Geschichte, die man sich früher in den nahen Dörfern erzählte. Demzufolge sollen die Eigentümer der umliegenden großen Landgüter – Galatzó (Calvià), Son Net (Puigpunyent) und Son Fortuny (Estellencs) – sich auf dem Gipfel um einen runden Tisch zum Essen versammelt haben, und weil alle drei Grundstücke oben aneinandergrenzen und das Möbel entsprechend platziert war, musste für das Stelldichein keiner seinen Boden verlassen. Nachzulesen in einer Routenbeschreibung von José Manuel Suárez Nuez in Wikiloc.
Wer schleppte das Grill-Equipment?
Unabhängig vom Wahrheitsgehalt dieser Story wäre interessant zu wissen, welche Route die bedauernswerten Personal Assistants genommen haben, die den Tisch und das Grill-Equipment hinaufschleppen mussten. Drei Varianten stehen zur Wahl. Die einfachste zweigt von einem Weg ab, der von Puigpunyent zu Kilometer 97 der Straße Andratx–Estellencs führt, und kann deshalb aus beiden Richtungen in Angriff genommen werden. Die zweite führt von Puigpunyent über den Paso des Ratxó, wonach man sich über den lang gestreckten Bergkamm bis zum Gipfel hocharbeitet.

Auf dem Talboden angelangt weist dieses Schild auf eine talaiotische Ruine hin. | FOTO: THOMAS FITZNER
Am schwierigsten hätten es die Tischträger mit der dritten Variante gehabt, und um genau die geht es hier. Doch gemach: Solange man kein schweres Möbel auf dem Rücken trägt, ist der Aufstieg für trittsichere Wanderer problemlos machbar. Angesagt ist steiler Aufstieg mit häufiger Zuhilfenahme der Hände, jedoch kein alpinistisches Klettern. Die Herausforderung liegt in der Orientierung und der Kondition. Daher die unbedingte Empfehlung, sich einer Wander-App zu bedienen; unsere Route finden Sie mit dem oben abgebildeten QR-Code. Und was die Kondition anlangt: Beinahe tausend Höhenmeter verlangt diese Königsrunde ab, am besten plant man einen ganzen Tag, geht früh los und reserviert für danach eine XL-Portion Wellness-Streicheleinheiten.
Für diese Variante der Galatzó-Experience spricht die Vielzahl interessanter Entdeckungen am Wegesrand. Angenehm auch, dass die gesamte Route über öffentlichen Boden verläuft, sodass keine „Paso prohibido“-Schilder die Wanderlust schmälern. Lediglich der böse Graf könnte um die Ecke spuken, weshalb man den Berg in Gewitternächten besser meidet.
Hier geht es los
Start ist auf einem weitläufigen Parkplatz etwa einen Kilometer vor den Casas de Galatzó, ein öffentlich betriebenes und momentan wegen Bauarbeiten nur eingeschränkt zugängliches Landgut, das auch Unterkunft anbietet (Gemeinschaftsräume mit Stockbetten, also nichts für ein Romantik-Wochenende). Ein Ziel der Bauarbeiten ist die Wiederherstellung der historischen Wasserinstallationen. Genau die sind auf unserem Weg zur ersten Etappe namens Ses Planes von einer beschilderten Aussichtsterrasse gut zu sehen, insbesondere das Wasserdepot, das über ein Aquädukt maurischen Ursprungs aus einer zwei Kilometer entfernten Quelle gespeist wird, sowie die Wassermühlen. Mit ihnen wurde früher Getreide gemahlen, was daran erinnert, dass Mallorca auf eine glorreiche Vergangenheit als Kornkammer des Mittelmeers zurückblickt.

Die große Runde zum Galatzó im Überblick. / MZ
Wir hingegen blicken vorwärts und gelangen bis zur bewaldeten Hochebene Ses Planes. Der Weg dorthin und wieder zurück zum Parkplatz bietet sich als angenehme, familienkompatible Natur-pur-Kurzwanderung mit Picknickpotenzial an. Wir stoßen jedoch weiter vor. Der breite Weg wird schmal und verschwindet zuweilen vollständig im hohen Gras, GPS wärmstens empfohlen. Von einem felsdurchsetzten Berghang geht es dann jedoch auf einer Route gipfelwärts, die mit Steinmännchen nahezu lückenlos markiert ist. Ein malerisches Wäldchen auf halber Höhe ist der perfekte Platz zur Pulsberuhigung. Auch sollte man nicht versäumen, gelegentlich mit Blicken um sich zu werfen: Die Finca Galatzó ist nicht nur eines der größten Grundstücke der Insel (1.362 Hektar), sondern gehört auch zu den schönsten Naturregionen. Mit zunehmender Höhe sind dann auch weite Teile des Inselwestens zu sehen, und auf dem Gipfel liegt dem Wanderer nahezu die ganze Insel zu Füßen.
Steile Route
Vom Gipfel runter geht es über eine teilweise sehr steile Standardroute. Hier begegnete ich bei allen drei Besteigungen Turnschuh-Alpinisten, deren Hosenboden regelmäßig den steinigen Boden küsste. Allerdings ist diese Route, auf der wir uns jetzt Richtung Nordküste bewegen, normalerweise stark frequentiert, sodass man mit Hilfe rechnen kann, wenn der Bodenkuss zu heftig ausfällt. Die bessere Lösung wären natürlich gute Bergschuhe.
Von der Hauptstrecke geht es dann links ab auf einen Pfad, der (außer bei der Abzweigung …) mittlerweile gut beschildert ist, jedoch wegen zahlreicher irreführender Abzweigungen noch immer für Orientierungsprobleme gut ist. Diese Strecke führt uns zu einem Zubringer des Weitwanderwegs GR 221, der vom Landgut Galatzó Richtung Nordküste führt und eine der Routen auf die Mola de S’Esclop darstellt, einen markanten Tafelberg, der hundert Meter niedriger und mit seiner Felsmasse so etwas wie der stämmigere Bruder des Galatzó ist.
Der Abstieg hinunter in den Sturzwassergraben Torrent de Galatzó erfordert noch einmal volle Konzentration, da steil, steinig und mit tausend Höhenmetern in den Beinen. Im Talboden bietet sich gleich zu Beginn die Möglichkeit, die Reste eines talaiotischen Gebäudes zu beschnuppern, das rechterhand in den Büschen liegt, erreichbar über einen etwas unangenehmen Weg durch hohes Gras mit vielen Dornbüschen, kein Hindernis für Liebhaber prähistorischer Steinhaufen.
Der Rest des Weges, obwohl eine lange Strecke, ist im Vergleich zum bisher Erlebten ein Spaziergang. Vorbei geht es unter anderem an einem alten Köhlerplatz samt Köhlerhütte, lustigerweise mit dem Schild „Feuermachen verboten“ versehen. Bei der Umgehung des Landguts wegen der Baustellen jähe Begegnung mit einem seltenen Tier: In einem Gehege chillen mallorquinische Kühe, es sind Exemplare einer vom Aussterben bedrohten einheimischen Rasse, an deren Bewahrung seit wenigen Monaten auch in der Finca Galatzó gearbeitet wird. Mit etwas Glück hört man, wie Muh auf Mallorquinisch klingt.
Distanz: 16,5 km
Netto-Gehzeit: 5 Std. 30 Min.
Höhenunterschied: 980 m
Schwierigkeitsgrad: ****
Anfahrt: Über Calvià nach Es Capdellá, dort der Beschilderung „Castell Son Claret“ folgen, jedoch am Hotel vorbeifahren. Dann geht kurz vor einer Brücke ein schmaler Feldweg links ab, der zum Parkplatz und zur Finca („Cases de Galatzó“) führt.
Tourencharakter: Anspruchsvolle Wanderung mit längeren Abschnitten über steiles, felsiges Gelände. Solides Schuhwerk, Trittsicherheit und gute Kondition notwendig.
Tipps: Viel Wasser mitbringen. Ab Ses Planes (beschildert) verstärkt GPS nutzen, um keine Kraft mit unnötigen Umwegen über schwieriges Gelände zu vergeuden. Auf Sonnenschutz achten, da wegen der Dauer der Wanderung die Tagesmitte unvermeidbar ist und die Route wenig Schatten bietet. Jedoch sind entlang der Strecke mehrere sehr schöne Rastplätze vorhanden.
GPS-Track: https://loc.wiki/t/258172822?h=2m46nqn9ep&wa=sd&la=es
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