Wandern auf Mallorca: Der stille Hintereingang zum Castell d'Alaró
Ein Klassiker mit Extra: Facettenreiche Rundwanderung zwischen Alaró und Orient mit Abstecher auf das Castillo

Ziemlich verfallen: ein Teil des Castell d'Alaró aus der Luft aufgenommen. / DM
Die Route vom Dorf Alaró auf die Burg gehört wahrscheinlich zu den meistfrequentierten der ganzen Insel. Dass man bis 20 Gehminuten vom Eingang der Festung entfernt auch mit dem Auto herankommt, wirkt sich vor allem an Wochenenden und zu besonderen Anlässen auf die ersehnte Ruhe beim Wandern aus. Die Strecke lässt sich allerdings zu einem erheblichen Teil entwimmeln, indem man eine zwar längere, jedoch abwechslungsreiche Rundtour wählt, die durch ein einsames Tal führt.
Diese Route führt zunächst über einen Passübergang nach Orient und dann quasi von hinten auf den Bergrücken, auf dem die Burg liegt. Damit ist man nur auf dem letzten Kilometer dem allfälligen Getümmel ausgesetzt – und möglicherweise auch beim Abstieg hinunter zum Dorf. Doch erstens ist das Castell d’Alaró mit und ohne Rummel einen Abstecher wert, und zweitens bietet die weniger frequentierte Strecke hochgradigen Wandergenuss.
800 Meter Höhendifferenz
Für den bezahlt man allerdings mit zwei ziemlich langen Aufstiegen, sodass der gesamte Höhenunterschied dieser Route in etwa der Höhendifferenz zwischen dem Meeresspiegel und der Burg entspricht (rund 800 Meter). Die Wege selbst stellen nirgendwo ein Problem dar, nur beim Pas de s’Escaleta muss man ein wenig aufpassen, weil da eine grobe Steintreppe ohne Geländer zu überwinden ist. Dauerpower in den Waden sollte man allerdings haben.
Schauen wir uns die Route im Detail an. Sie führt zunächst von Alaró über den Ortsteil Los d’Amunt, wo manchmal auch Parkplätze verfügbar sind. Ansonsten kann man irgendwo im Dorf parken. Alaró ist eh so schön, dass sich der Spaziergang durch die Gassen lohnt. In Los d’Amunt steht relativ unscheinbar eine ehemalige kleine Festung, die den Keim dieses Ortsteils darstellt und deren Wehrcharakter heute hauptsächlich im Namen sichtbar wird: Sa Bastida.

Ein Wegweiser. / Thomas Fitzner
Von dort führt die Wanderung in ein schmales Tal, durch das ein historischer Verbindungsweg nach Orient mäandert, dem Mini-Dorf in dem wundervollen Tramuntana-Hochtal auf der anderen Seite des Berges. Dieser Weg heißt Camí de ses Artigues, benannt nach der gleichnamigen Quelle: Das Tal hatte in der Vergangenheit wegen seines Wasserreichtums für das Dorf große Bedeutung. Um die zehn Wassermühlen sollen hier gewerkelt haben. Die wohl besterhaltene nennt sich Sa Font des Jardí (die Gartenquelle) und liegt direkt am Weg rechterhand.
Leben-am-Ende-der-Welt-Feeling
Die zum Teil asphaltierte, schmale Straße führt an mehreren Fincas vorbei, die von einem alternativen Dasein träumen lassen, zumal das Leben-am-Ende-der-Welt-Feeling wenige Autominuten von einem Dorf mit guter Infrastruktur stattfinden kann. Der Anstieg ist sanft, dauert aber gefühlt ewig. Nach einer steileren Passage schickt uns eine gut beschilderte Abzweigung ins Gelände, ein schmaler Bergpfad führt bis zur erwähnten Steintreppe, die uns durch eine Felsenge hilft, und von dort sind es nur ein paar Minuten bis zum höchsten Punkt dieses ersten Teils der Wanderung. Hier spendet ein Eichenwald Schatten für eine Rast.
Bald lässt sich auch das Vall d’Orient erspähen, das verwunschen wirkt, wenn man es über Waldpfade erreicht, zumal mit diesem suggestiven Namen. Tatsächlich besagt eine mallorquinische Weihnachtslegende, dass im Mini-Dorf Orient die Heiligen Drei Könige den Rest des Jahres wohnen. Ein Landgut namens Cals Reis (Haus der Könige) dient als weiteres Indiz für die Existenz dieser Aristokraten-WG, deren Alltag außerhalb der Weihnachtszeit man sich gut als Szenario für eine Sitcom vorstellen kann. Im Dorf ist den historischen Vorfahren der Amazon-Lieferanten sogar eine eigene Gasse gewidmet, inselweit die einzige mit diesem Namen.
Der Abstieg ins Tal ist besonders malerisch, es geht über hübsch angelegte Steinwege vorbei an einer ummauerten Quelle bis zur Straße Alaró–Orient, wo üblicherweise geringer, aber ziemlich rasanter Straßenverkehr das Idyll ein wenig entzaubert.
Hausgemacht Limo am Wegesrand
Bei meiner Tour währte die Entzauberung nur kurz: Auf einem Feld an der anderen Straßenseite hatte Amy aus Alaró mit ihren Töchtern mitten im Nichts einen Tisch mit Karaffen hausgemachter Limonade aufgebaut, Resultat eines unternehmerischen Anfalls der beiden Kinder, und ziemlich genau das, wovon ich nach eineinhalb Wanderstunden an einem heißen, sonnigen Tag nur zu träumen wagte. Mit ein bisschen Glück findet man den Pop-up-Limonaden-Laden an weiteren Sonntagnachmittagen aktiv, abhängig vom Durchhaltevermögen der Töchter. Die lassen allerdings bei meinem Besuch erkennen, dass sie die Business-Routine eher langweilig finden, weshalb sie den kaufmännischen Teil bereits an ihre Mutter outgesourct haben.
Etwa einen halben Kilometer müssen wir nun auf der Verbindungsstraße Alaró–Orient marschieren, bis es rechterhand wieder ins Gelände geht, nun Richtung Burg Alaró (beschildert). Durch beschauliche Olivenhaine führt ein angenehmer Weg immer höher den Hang hinauf, bis wir in einen Wald gelangen, wo sich ein Pfad bis zum Bergsattel Es Pouet hinaufschlängelt. Der zweite Anstieg des Tages ist damit nicht ganz beendet, der finale Sturm auf die Burg führt über den einzigen Zugang, einen malerischen Trockensteinweg. Wer sich hier verirrt, hat schlagzeilenträchtiges Talent.
Neben fantastischen Blicken auf die Tramuntana-Riesen und die zentrale Ebene der Insel bis hinunter nach Palma findet der Hinaufsteiger auch eine Herberge vor, die bislang mit „Sopars a la fresca a 800 m d’altura“ warb, also Open-Air-Abendessen mit Premiumblick auf 800 Höhenmetern. Auch Übernachten ist im Castell im Prinzip möglich – derzeit wird gerade ein neuer Betreiber gesucht.
Von den beiden Wegen, die ins Tal führen, empfehle ich den Fußweg, der nach wenigen Minuten vom Hauptweg links abzweigt. Später stößt man dann auf die Straße, über die man zu einem der mythischsten Restaurants der Insel gelangt, dem Es Verger, bekannt für seine Lammkeule und weil es im April 2018 am helllichten Tag, dem Ruhetag des Gasthauses, von einer Räuberbande überfallen wurde. Die Insel war für Wochen schockiert, denn das gehört hier nicht zum Usus.
Das Restaurant wird über die vorgeschlagene Variante großräumig umgangen. Immer wieder bieten sich neben der Straße Wege durchs Gelände an, die man je nach Lust und Verfassung annehmen kann, bevor der Asphalt die einzige Option für die Rückkehr nach Alaró ist. Ich habe eine Route über den Carrer Puig de sa Comuna gewählt, der zunächst durch ruhigere Teile des Ortes führt. Dort ist unter anderem der Lavadero del Pontarró zu bewundern, eine historische Wascheinrichtung, die von der Quelle Ses Artigues gespeist wurde, an der wir zu Beginn unserer Wanderung vorbeigelaufen sind. Ihre Nutzung ist bereits für das 13. Jahrhundert dokumentiert.
Fazit: Eine anstrengende, aber lohnende Tour mit einem faszinierenden Mix an Eindrücken und einer Tramuntana, die sich von ihren besten Seiten zeigt.
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