Derk Remmers, Taucher
Begegnung mit einem Weißen Hai: „Er war mindestens genauso erstaunt“
Der technische Taucher Derk Remmers filmte im Mai vor Sizilien einen Weißen Hai und erregte damit weltweit Aufsehen. Auch für ein Thema, dass nicht zuletzt die Haie in Gefahr bringt: herrenlose Fischernetze am Meeresgrund. Ein Exklusiv-Interview über die Hintergründe einer außerordentlichen Begegnung

Derk Remmers/Ghost Diving/Healthy Seas/SDSS
Derk Remmers ist Tauchausbilder bei GUE (Global Underwater Explorers) für das technische Tauchen und hilft weltweit beim Bergen von Geisternetzen. Sein Video eines ausgewachsenen Weißen Hais vor Sizilien ging ab dem 8. Juni als womöglich erstes Unterwasservideo eines Weißen Hais im Mittelmeer weltweit durch die Medien.
Herr Remmers, wann genau haben Sie den Weißen Hai gesehen?
Das muss am 13. Mai gewesen sein. Wir waren auf See und mussten ein Wetterfenster abwarten, um zu dem Wrack zu tauchen.

Das vor Sizilien liegende Wrack. | FOTO: DERK REMMERS/GHOST DIVING
Das ist schon ein bisschen her.
Richtig, wir waren danach noch einige Tage weit weg von der Küste ohne Empfang. Als wir dann wieder zurück waren, haben wir zualler-erst Wissenschaftler kontaktiert und verifizieren lassen, dass es sich wirklich um einen Weißen Hai handelte.
Hatten Sie keine Bedenken, das Video in den sozialen Netzwerken zu posten?
Auf jeden Fall! Wir haben im Team viel darüber diskutiert, ob wir es veröffentlichen und wie. Für uns war wichtig, das sich das Thema nicht verselbstständigt und hängen bleibt: „Bestie im Mittelmeer gefilmt“; was ja durchaus schnell passieren kann. Uns war wichtig, dass die Meldung immer im Kontext gesehen wird, dass wir dort waren, um Geisternetze zu bergen, weil sie die Biodiversität an Wracks gefährden.
Und jetzt nach einigen Wochen, wo das Video öffentlich weltweit gezeigt wurde, sind Sie zufrieden mit der Berichterstattung?
Ich glaube, insgesamt ist das ganz koordiniert abgelaufen. Ich bin sehr froh, dass auch die großen Medien immer den Kontext gewahrt haben und daraus keine reißerische Meldung gemacht haben.

Experten schätzten den von Lotsenfischen begleiteten Hai auf vier Meter Länge. / DERK REMMERS/GHOST DIVING
Können Sie für uns noch mal den Tauchgang beschreiben, bei dem Sie das Tier gesehen habt?
Wir waren am ersten Tauchgang des Tages damit beschäftigt, zu dem Wrack abzutauchen und die Bergung des Geisternetzes vorzubereiten. Das Wrack liegt zwischen Sizilien und Tunesien in der Straße von Sizilien auf knapp 60 Meter Tiefe. Wir wussten bereits, dass das Netz riesig ist. Es war höchstwahrscheinlich ein Schleppnetz, mit dem Thunfische gefangen wurden. Es hat sich am Wrack verhakt und bedeckt es fast komplett. Letztes Jahr waren Kollegen von der Organisation SDSS (Society For The Dokumentation Of Submerged Sites, Anm. d. Red.) dort tauchen und haben mindestens acht große Meeresschildkröten im Netz verendet gesehen. In knapp 40 Meter Tiefe kam dann der Weiße Hai einfach an uns vorbeigeschwommen. Mein Tauchpartner Ben hat ihn zuerst entdeckt. Er war einfach da! Wissenschaftler haben ihn auf circa vier Meter Länge geschätzt. Also ein ausgewachsenes Exemplar. Er kam aus dem Blau angeschwommen, hat uns fixiert und ist dann in etwa drei Meter Entfernung an uns ganz ruhig vorbeigeschwommen. Das war ganz schön nah.
Kommen Weiße Haie auch vor Mallorca vor?
Experten schätzen, dass es im gesamten Mittelmeer noch etwa 250 Weiße Haie gibt. Bis in die 70er-Jahre wurden vor Mallorca auch Weiße Haie gefangen – 1976 konnte ein Fischer einen über sechs Meter langen Weißen Hai an der Küste vor Artà erbeuten. Die letzte bestätigte Sichtung eines fünf Meter langen Weißen Haies ereignete sich im Juni 2018 vor der vorgelagerten Insel Cabrera. Das bedeutet: Ja, es gibt Weiße Haie vor Mallorca, allerdings ist ein Zusammentreffen mit den Tieren äußerst unwahrscheinlich und gleicht einem Lottogewinn!
Was schoss Ihnen durch den Kopf?
Da bin ich jetzt hier, sehe diesen Hai und meine Kamera ist aus! Als ich dann versuchte, den Schutz der Kamera abzumachen und sie anzuschalten, bemerkte ich erst, wie sehr meine Finger gezittert haben. Da ist mir dann auch erst klar geworden, dass natürlich auch eine gewisse Angst vorhanden ist. Ich war damit beschäftigt, die Kamera zu justieren, da war er schon wieder weg. Ich hatte den Eindruck, er war mindestens genauso erstaunt darüber, uns dort unten zu sehen und hat dann wohl entschieden, noch mal einen genaueren Blick auf uns zu werfen. Er drehte um und kam noch einmal zurück: Ein Riesenglück für mich, denn dann war die Kamera startklar und ich konnte die Aufnahmen machen. Der Hai hat sich kaum bewegt und war trotzdem so schnell. Sein Auftreten hat uns ganz klar suggeriert: „Ich bin der Boss!“
Was geschah, als er weggeschwommen war?
Wir haben uns angeguckt und ich hörte meine Tauchpartner Ben und Hens schreien „Unglaublich!“. Zum Glück sind wir alle ruhig geblieben, und keiner ist an die Wasseroberfläche geschossen, was einem natürlichen Fluchtverhalten entsprochen hätte. Wir sind zum Wrack abgetaucht und haben dort unsere Aufgaben erledigt. Und ich muss zugeben, dass ich die Deckung des Wracks sehr beruhigend fand.
Was glauben Sie, warum Sie gerade dort den Hai gesehen haben? War es einfach Glück?
Die Straße von Sizilien ist bekannt für ihre Thunfischmigration, und tatsächlich haben wir auch am Ende unseres Tauchgangs einen großen Thunfischschwarm gesehen. Vielleicht war der Hai auf der Jagd nach ihnen.

Der Taucher Derk Remmers vor einem Tauchgang- / Ghost Diving/Privat
In welchem Zusammenhang steht das Geisternetz mit der Hai-Sichtung?
Die verlorenen Netze sind Todesfallen für alle Lebewesen am Wrack. Meeresschildkröten, Rochen oder Zackenbarsche bleiben dort stecken und verenden qualvoll. Weiße Haie sind Aasfresser und könnten durch die toten Tiere angelockt werden. Vielleicht haben wir dem Hai auch sein Leben gerettet, indem wir das Netz geborgen haben, denn auch er hätte sich leicht darin verheddern und sterben können. Weiße Haie leben seit Jahrhunderten als genetisch eigenständige Population im Mittelmeer und gelten als vom Aussterben bedroht. Ihr Bestand wird auf maximal nur noch etwa 250 Exemplare geschätzt. Da kommt es natürlich auf jedes Individuum an.
Wie groß ist so ein Netz eigentlich?
Das Netz, das sich an dem Wrack verfangen hat, war ein Schleppnetz für die Thunfischjagd. Sie werden zwei bis drei Kilometer lang. Das Stück, das wir rausgeschnitten haben, entsprach der Größe eines Fußballplatzes.

Eine in einem Geisternetz verendete Schildkröte. | FOTO: CATERINA DE SETA/SDSS
Und wie kommt so ein Netz überhaupt an so ein Wrack, das schon lange untergegangen ist?
Die Wracks sind Hotspots für Fische, und das wissen auch die Fischer. Sie versuchen dann möglichst nah an das Wrack heranzukommen, um einen guten Fang zu machen. Die kleineren lokalen Fischer wissen eigentlich sehr gut Bescheid, wie man es vermeidet, ein Netz zu verlieren. Das wäre für sie ja auch ein echtes wirtschaftliches Desaster. Aber die großen Fangflotten oder auch ortsfremde Fischer kennen sich nicht so gut aus. Und so sieht man manche Wracks wirklich Schicht um Schicht von Netzen bedeckt. Das Traurige ist: Die Netze sind aus Kunststoff und fangen weiter für Hunderte von Jahren.
Wie genau läuft so eine Bergungsaktion ab?
Die Bergungsmission vor Sizilien wurde von der Organisation Healthy Seas in die Wege geleitet. Die arbeiten mit vielen anderen NGOs zusammen. In diesem Fall hat die SDSS dieses Wrack mit dem Geisternetz gemeldet und um Hilfe bei der Bergung gebeten. Die SDSS untersucht kulturell wichtige Wracks, kann aber oft ihre Arbeit unter Wasser durch die vielen Netze nicht durchführen. So ein Projekt ist sehr aufwendig und kostspielig. Hier sind Sponsoren, Spenden und viele freiwillige Helfer gefragt. In diesem Fall kamen viele der technischen Taucher von der Organisation Ghost Diving, die ihren Jahresurlaub für solch eine Mission spenden.
Die Unterwasserarbeit an solch großen Netzen stelle ich mir auch nicht ganz ungefährlich vor.
Ich würde es eher als nicht besonders risikoreich bezeichnen. Man muss sich natürlich damit auskennen, die entsprechenden Maßnahmen treffen und die Standard Operating Procedures einhalten, damit die Mission mit größtmöglicher Sicherheit funktioniert. Wir technischen Taucher nutzen Kreislauftauchgeräte und können dadurch auch in 60 Meter Tiefe bis zu 90 Minuten arbeiten. Aber natürlich braucht es Erfahrung dafür.
Was würden Sie empfehlen, wenn Taucher hier vor Mallorca ein Geisternetz finden?
Ganz wichtig: Bitte nicht versuchen, es selbst zu bergen! Am besten meldet man den Fund entweder direkt bei den schon genannten Organisationen Healthy Seas oder Ghost Diving, oder es gibt auch eine praktische App vom WWF (GhostNetZero), auf der man den Fundort markieren kann. Der WWF gibt dann die Infos an entsprechende Organisationen weiter.
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