Mit Rollstuhl in den Megapark: Diese Mallorca-Reise macht Senioren glücklich
Megapark, Sóller und ein Bad im Meer: Ein Rostocker Pflegedienst ermöglicht Menschen mit Pflegebedarf betreute Reisen nach Mallorca. Finanziert wird die Betreuung vor Ort über die Verhinderungspflege der Krankenkasse

Persönliches „Meet and Greet“ mit Lucas Cordalis: Reiseteilnehmerin Ilse Feinhube im Megapark. / Pflegezentrum Nord
Inmitten des lauten Getümmels im Megapark an der Playa de Palma sitzt zwischen den auf und um die Tische tanzenden Trikot-Trägern Mitte zwanzig auch eine kleine Gruppe von gut gelaunten Seniorinnen. Die vier Damen haben auf ihren Barhockern rund um einen der Bierfass-Tische in vorderster Linie zur Bühne den perfekten Blick auf den Schlagerstar des heutigen Tages und klatschen begeistert im Takt mit. Als Lucas Cordalis ihnen dann auch noch ein Lied widmet und später zum persönlichen „Meet and Greet“ vorbeikommt, ist das Leben für die vier Frauen für einen Moment perfekt. Sie schütteln seine Hand, lassen sich mit ihm fotografieren und vergessen in diesem Augenblick jegliche Schmerzen.
Trotz chronischer Schmerzen noch einmal in Urlaub an die Playa de Palma
Was hier in der ausgelassenen Partystimmung niemand sieht: Eine der Frauen kann nach mehreren Knieoperationen kaum zehn Meter am Stück gehen, und eine andere konnte nur hierherreisen, weil rund um die Uhr jemand da ist, der beim Aufstehen, Waschen und Anziehen hilft. Möglich machen diese einmaligen Erlebnisse die „betreuten Reisen“ des Pflegezentrums Nord aus Rostock.
Auch die beiden Inhaber des Pflegedienstes sind im Megapark mit von der Partie: der Betriebswirt Michael Köhler (50) und der gelernte Krankenpfleger Sebastian Siebers (41). Die beiden sind seit vielen Jahren ein Paar, geschäftlich wie privat, und betreiben das Pflegezentrum Nord – einen ambulanten Pflegedienst in Rostock, mit dem sie seit 15 Jahren Menschen zu Hause versorgen. Seit dem vergangenen Herbst bieten sie zusätzlich an, was sie selbst „ihre Nische“ nennen: betreute Reisen für Menschen, die eigentlich als zu krank fürs Reisen gelten.

Sebastian Siebers (li.) und Michael Köhler sind die Inhaber des Pflegezentrums Nord in Rostock und leiten die betreuten Reisen nach Mallorca persönlich. / Alexandra Bosse
"Ein bisschen Spaß darf sein" - auch mit Pflegestufe
Die Idee dazu kam den beiden, nachdem sie im vergangenen Jahr ein kleines Haus in Can Pastilla erworben hatten. „Wir haben uns gefragt, wie wir unseren Mitarbeitern erklären können, dass wir am liebsten jeden Monat eine Woche auf Mallorca wären“, sagt Michael Köhler augenzwinkernd bei einem Matcha auf ihrer Terrasse. Was erst wie ein Alibi klang, wurde ein neues Angebot: Sie würden gemeinsam mit einer Gruppe pflegebedürftiger Patienten fliegen, die Lust darauf hatten, mit ihnen auf der Insel ein paar schöne Tage zu verbringen. „Wir bieten den Senioren mit der Reise eine attraktive Alternative zur Kurzzeitpflege in einem Pflegeheim in Deutschland an“, erklärt Siebers.
Möglich macht das Konzept ein Posten, den die wenigsten kennen: die Verhinderungspflege. Wer in Deutschland Pflegegrad 2 oder höher hat, dem steht über die Pflegekasse ein jährliches Budget zu, um pflegende Angehörige zu entlasten, wenn sie selbst einmal Urlaub brauchen. „Das können wir als Pflegedienst genauso abrufen und nutzen“, erklärt Köhler. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer an der Reise zahlen dadurch nur ihren Flug und ihr Hotel; Pflege und Betreuung vor Ort rechnet das Pflegezentrum Nord mit der Kasse ab.

Auch im Flugzeug reisen die Seniorinnen betreut / Pflegezentrum Nord
Kleine Gruppen und individuelles Programm
Die Gruppen bleiben klein, fünf bis sieben Personen, begleitet von Köhler, Siebers und ein bis zwei Pflegekräften aus dem eigenen Team. Bislang waren bei den drei Reisen nach Mallorca ausschließlich Frauen dabei; im parallel laufenden Angebot an der Ostsee (Warnemünde) reisten auch Männer mit. Voraussichtlich soll nach der Sommerhitze die nächste Reise auf die Insel starten. „Wir können da nicht mit viel Vorlaufzeit planen, es handelt sich um chronisch kranke Menschen, bei denen man nie weiß, wie es ihnen langfristig geht“, erzählt Michael Köhler.

Gruppenfoto beim English Tea im Castillo Hotel Son Vida mit Michael Köhler (hinten li.) und Sebastian Siebers. / Pflegezentrum Nord
Ein festes Programm gäbe es bei den Reisen nicht, obwohl die beiden längst einen Sieben-Tage-Ablauf entworfen haben. „Den schicken wir raus, wenn jemand danach fragt. Aber eingehalten haben wir ihn noch nie“, erzählt Köhler. Stattdessen wird am ersten Abend im barrierefreien Grupotel Playa de Palma Suites & Spa gemeinsam überlegt, was die Woche bringen soll. In den vergangenen Editionen gab es unter anderem eine Fahrt mit dem Roten Blitz nach Sóller, Spaziergänge durch die Altstadt von Palma, eine Weinverkostung auf der Bodega Angel und ein Bad im Meer – trotz Rollstuhls. Dazu Highlights wie Lucas Cordalis im Megapark oder eine Tasse Kaffee mit Roberto Blanco in Port de Sóller. Möglich wird vieles davon, weil Köhler und Siebers sich auf der Insel ein gutes Netzwerk aufgebaut haben.
„Wir werden alle irgendwann alt“, sagt Siebers zum Abschied auf der Terrasse. „Und gerade im Alter spielt Einsamkeit eine große Rolle.“ Oft ergäben sich bei den Reisen Freundschaften fürs Leben und die Teilnehmer zehrten noch lange von ihren Erlebnissen. „Die haben alle geweint, als sie nach Hause fahren mussten, weil wir hier so wunderschöne Tage hatten …“
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