"Nicht nur auf Profit aus": Diese mutigen Unternehmer halten in Cala Ratjada im Winter die Stellung
Aufmachen oder zulassen? Das ist die Frage, die sich in den Urlaubsorten für viele Gewerbetreibende im Spätherbst stellt. Besuch bei fünf mutigen Unternehmern in Cala Ratjada, die (fast) ganzjährig die Stellung halten.

Hält in ihrem Laden "Steffi's Segunda Mano" ganzjährig die Stellung: Steffi Eichhorn aus Berlin / Sophie Mono
Einige Schaufenster sind von innen mit Packpapier abgehängt, andere mit weißer Farbe bemalt. Neugierige Blicke von außen: unerwünscht. Es ist das typische Bild von Mallorcas Urlaubsorten im Winter. Cala Ratjada bildet da keine Ausnahme. Zwar mutiert der Hafenort nicht gänzlich zur Geistersiedlung. Doch wer sich als Unternehmer entscheidet, hier ganzjährig zu öffnen, braucht Durchhaltevermögen – und mitunter eine gewisse Kreativität. Erst recht als Ausländer. Die MZ hat fünf deutschsprachige Geschäftsleute getroffen. Und gelernt, dass Erfolg im Winter vor allem eins ist: relativ.
Heidi Schnitzelhütte: Mittendrin im Ort
Zu den Prachtstraßen Mallorcas wird der Carrer de l’Agulla in Cala Ratjada – jene Haupteinkaufsstraße, die sich vom Hafen aus an der Kirche entlang bis zum gleichnamigen Naturstrand windet – wohl nie zählen. Zu viele Ramschläden und Touristenshops mischen sich unter die Boutiquen, die hier im Sommer um Laufkundschaft buhlen. Gerade in den Abendstunden wimmelt es dann von Kauflustigen. Im Winter dagegen herrscht tote Hose. „Abends ist es hier momentan so dunkel wie im Inneren einer Kuh. Das hat aber auch Vorteile. Wir sind der absolute Lichtblick“, sagt Simone Wenk. 13 Jahre ist es her, dass die Schweizerin mit ihrem Partner Jürgen Lanker neben dem gemeinsamen Restaurant „Del Mar“ an der Promenade ein zweites Lokal eröffnete: „Heidi Schnitzelhütte“, in der Mitte der Cala-Agulla-Straße, gleich neben dem Platz am Rathausgebäude Cap Vermell.

Simone Wenk (2.v.r.) und Jürgen Lanker (r.) sorgen für Winterstimmung in "Heidi Schnitzelhütte" / privat
„Damals sagten die Leute, der Standort sei von Nachteil, weil es keinen Meerblick gibt. Aber wir sind mitten im Ort. Gerade im Winter kommt uns das zugute“, sagt Wenk. Denn die Einheimischen, die jetzt unterwegs sind, zieht es mehr zur nahe gelegenen Stadtbücherei und zu den Spielplätzen als zu abgelegeneren Abschnitten der Promenade. „Das ‚Del Mar‘ ist deshalb jetzt zu. ‚Heidi‘ dagegen haben wir von Anfang an ganzjährig geöffnet. Wobei wir Jahr für Jahr unsere Angestellten fragen, ob sie das wollen“, sagt Wenk. Die Motivation des Personals sei entscheidend. Deshalb seien auch die Öffnungszeiten im Winter flexibler. „Das Wetter spielt ebenfalls eine Rolle. Ist es zu schlecht, brauchen wir nicht zu öffnen, weil niemand kommt“, sagt die Schweizerin.
Wenk rüstet die „Schnitzelhütte“ jedes Jahr nach der Sommersaison komplett um. Statt auf den Terrassen konzentriert sich das Geschehen nun im holzverkleideten Innenraum. Hier herrscht jetzt dank Weihnachtsdeko und Ofenfeuer urgemütliche Winterstimmung – fast wie in einer Almhütte. Die erweiterte Winter-Speisekarte – darunter Ente mit Apfelrotkohl und Klößen, Rindergulasch mit Spätzle, Kaiserschmarrn und Käsefondue – tut ihr Übriges. Mittlerweile sei die Hälfte der Gäste im Winter Spanier, sagt Wenk Durststrecken gebe es zwar auch, „und manchmal haben wir schon gedacht, oh Gott, nun ist es aber sehr ruhig.“ Aber gerade um Weihnachten und Silvester steige die Zahl der Gäste. „Und wir können immer die Kosten decken. Das ist das Wichtigste.“
Steffi's Segunda Mano: Hoffen auf Bekanntheit
Ganz so stabil ist die Geschäftslage im Secondhand-Laden schräg gegenüber noch nicht. Anderthalb Jahre ist es her, dass die Berlinerin Steffi Eichhorn in dem kleinen Ladenlokal ihr Hobby zum Beruf machte und ihr Angestelltendasein als Köchin gegen die Selbstständigkeit eintauschte. Spielzeug, Kinder- und Erwachsenenkleidung, Bücher, Accessoires: Das Sortiment an gebrauchten Artikeln ist groß – der Ansturm an Kunden dagegen noch nicht. „Vergangenes Jahr, im ersten Winter, hatte ich große Zweifel, ob es eine gute Idee war, offen zu lassen. Mir war klar, dass die Verkäufe zurückgehen. Aber nicht, dass es so wenige sein werden“, sagt Eichhorn. Den Laden zu zu lassen, wie es fast alle anderen Geschäftsleute um sie herum tun, sei aber keine Option. „Die Ladenmiete zahle ich ja trotzdem weiter, und ich habe ja Zeit“, so die 37-jährige Dreifach-Mutter, die seit 13 Jahren auf Mallorca lebt. Sie habe immer ganzjährig Geld verdient. „Und ich kann nicht einfach zu Hause sitzen und nichts tun.“

Steffi Eichhorn vor ihrem Second-Hand-Laden "Steffi's Segunda Mano" / Sophie Mono
Stattdessen kämpft sie nicht nur gegen das Wintertief, sondern auch gegen die Vorurteile einiger Spanier gegenüber dem Secondhand-Konzept. „Noch immer sind 70 Prozent der Kunden Deutsche. Nicht alle schätzen Gebrauchtware.“ Langsam aber steige ihre Akzeptanz im Ort – wohl auch, weil sie permanent die Stellung hält. „Ich habe mich als Inpost-Paketannahmestelle eintragen lassen, das bringt die Menschen in meinen Laden“, sagt sie. Auch ihre Idee, Kindersitze, Kinderwagen und Bollerwagen zu vermieten, bewähre sich. Und überhaupt habe sie nach anderthalb Jahren im Geschäft besser verstanden, was potenzielle Kunden suchen. „Frauenkleidung geht erstaunlich gut. Und bei kleinen Kindern sind Einhörner oder Paw Patrol die Verkaufsschlager.“
Ihre Öffnungszeiten hat Steffi Eichhorn mit dem Saisonende ebenfalls komplett umgestellt. „Im Sommer wird es oft erst abends richtig voll, wenn es nicht mehr so heiß ist. Im Winter schließe ich um 16 Uhr, weil nachher kaum noch jemand hier vorbeikommt.“ Trotz der streckenweise Einsamkeit im Laden: Steffi Eichhorn bleibt optimistisch. „Immerhin fällt mein Laden momentan viel mehr auf, und Konkurrenz gibt es auch nicht.“ Und dann sind da ja noch die Trödelmärkte und Internetportale, auf denen sie ganzjährig verkauft. „Man muss eben dranbleiben“, sagt sie.
"Balus": Ganzjährig volle Power
Das findet auch Uwe Schirrmeister in seinem Lokal „Balus“ an der Promenade. Vor ihm das Meer, über ihm Deko aus Geschenkpäckchen und Weihnachtskugeln, die vom Strohdach der Terrasse baumeln. Vier Jahre ist es her, dass der Veranstaltungs- und Systemgastronomie-Unternehmer aus dem Ruhrpott das Bistro eröffnete. Vor allem aus Lust am Unternehmertum. „Der Plan war von vornherein, ganzjährig geöffnet zu haben, und das ziehen wir auch durch“, sagt Schirrmeister. Anders als Steffi Eichhorn, die alleine kämpft, hat er ein Team aus Vollzeit-Mitarbeitern, das sich um alles kümmert. Nicht einmal einen Ruhetag legt das „Balus“ im Winter ein, von morgens bis abends ist das Lokal auf. Ziemlich ambitioniert – trotz der Toplage.

Uwe Schirrmeister freut sich in seinem Restaurant "Balus" über seine engagierten Mitarbeiter / Sophie Mono
Zwar wird an diesem Promenaden-Abschnitt, nahe dem Hafen, auch jetzt flaniert. Doch um das Geschäft rentabel zu machen, muss man auch hier kreativ werden. „Der November ist der schwierigste Monat, wir haben ihn einigermaßen überbrückt“, sagt Schirrmeister. Mit laufend neuen Gerichten, Bingo-Abenden, Karnevalsparty am 1 1.1 1. und moderaten Preisen. „Wenn man immer alles gleich macht, beschweren sich die Leute irgendwann, dass früher alles besser war. Deshalb bleiben wir immer in Bewegung, Gastro muss leben“, findet Schirrmeister.
Auch der Dezember ist voller Aktionstage: Grünkohlessen am Nikolaustag, Erbsensuppe und eine Day Party am 7. Dezember, samstags Reibekuchen, Christmas-Party mit DJ am 21. Dezember, deutsche Weihnachtsgerichte auch zum Mitnehmen … „Wer hier im Winter aufhat, darf nicht nur auf möglichst viel Profit aus sein. Es geht auch darum, zuverlässig da zu sein.“ Für die Kunden, aber auch für die Mitarbeiter – Ganzjahresverträge wie im „Balus“ sind bekanntlich rar gesät.
Deutsche Zahnarztpraxis: „Ganz anderes Arbeiten“
Präsent sein, wenn der Saisontrubel verebbt ist – das hat sich auch Lutz Meyer zur Aufgabe gemacht. Bereits seit 25 Jahren ist der Zahnarzt mit seiner deutschen Praxis in Cala Ratjada ansässig – sommers wie winters. „Je nach Jahreszeit ist es ein ganz anderes Publikum, und auch ein ganz anderes Arbeiten“, verrät er. Während er im Sommer reihenweise Notfälle behandelt – Urlauber, die akute Probleme haben –, sind es im Winter vor allem Anwohner oder Teilzeitresidenten, die seine Dienste in Anspruch nehmen. „Jetzt sind längerfristig geplante, langwierigere Eingriffe an der Reihe. Dafür haben im Winter alle mehr Zeit“, sagt Meyer. Nach 25 Jahren sei der Patientenstamm schon lange groß genug, um nicht mehr bangen zu müssen, wenn die Urlauber sich im Herbst verabschieden. Auch der Standort Cala Ratjada sei nebensächlich. „Wir haben Patienten von der ganzen Insel“, so der Zahnmediziner.

Lutz Meyer in seiner Zahnarztpraxis in Cala Ratjada / privat
Meyer schätzt es, sich für die Patienten Zeit nehmen zu können. „40 bis 50 Behandlungen am Tag, wie ich es früher in Deutschland teilweise hatte – das ist nicht erstrebenswert.“ Stattdessen hat er ganzjährig reduzierte Öffnungszeiten – ab 14.30 Uhr ist die Praxis auch im Sommer geschlossen. Und dank seines eingespielten Teams ist für den Zahnmediziner auch mal eine Urlaubswoche drin, egal in welchem Monat.
Bon Sol: Zwei Monate durchatmen
An so viel Standing fehlt es Sven und Sebastian Florijan dann doch noch. Die beiden aus „Goodbye Deutschland“ bekannten Auswanderer wollen und müssen stets selbst mit anpacken in ihrem Restaurant „Bon Sol“, das sie im Februar 2022 übernahmen. Um trotzdem auch einmal durchatmen zu können, setzen sie auf eine Mini-Winterpause. „Zwei Monate schließen wir, den Rest des Jahres sind wir da“, berichtet Sebastian Florijan.

Sven und Sebstian Florijan schließen ihr Restaurant "Bon Sol" in diesem Winter nur im Dezember und Januar / Sophie Mono
Am hinteren Teil der Cala-Agulla-Straße, fast schon am Naturstrand selbst, waren sie Ende November tatsächlich die Einzigen auf weiter Flur. Anders als im Sommer bekochten sie die Gäste nur mittags mit deutscher Hausmannskost, nach Kaffee und Kuchen war um 18 Uhr Schluss. Im Dezember und Januar geht das Paar nun in die kurze Winterpause. „Wir müssen mal rauskommen“, sagt Sven Florijan. Ab Februar gilt es dann, die ebenfalls herausfordernden Monate bis Mai zu überbrücken. Natürlich habe man es als ausländischer Unternehmer doppelt schwer. „Aber wir sind ja offen, ich nehme mir für alle Zeit, spreche Spanisch, wir integrieren uns“, sagt Sven Florijan. „Und wir wussten ja, worauf wir uns einlassen.“ Sein Mann nickt: „Wir hatten noch keinen Tag, der richtig schlecht lief“, beteuert er. Allein das sei im Winter ein Erfolg.
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