Als Rentner auswandern: Was Senioren beachten sollten, die zu ihren Kindern nach Mallorca ziehen
Wer auf die Insel ausgewandert ist und hier womöglich eine Familie gegründet hat, wünscht sich oft, auch die Eltern bei sich zu haben. Doch dieser Schritt will gut durchdacht und vorbereitet sein

Den Lebensabend unter der Sonne zu verbringen, hat auf jeden Fall seinen Reiz. / Simone Werner
Neues Land, neue Sprache, neue Leute, viele Behördengänge, das auch noch in einer fremden Sprache. Hinzu kommen Heimweh, Zweifel an der Auswanderer-Entscheidung und das schlechte Gewissen, Freunde zurückgelassen zu haben: Selbst für jüngere, geistig und körperlich noch fitte Menschen ist Auswandern eine Herausforderung. Wenn ältere Menschen ins Ausland ziehen, weil Kinder und Enkelkinder dort leben, haben sie es oft noch schwerer. Immerhin: Die Kinder können mit anpacken, kennen sich bestenfalls schon vor Ort aus. Doch unter welchen Umständen kann man es verantworten, seine Eltern aus ihrer gewohnten Umgebung in Deutschland „herauszuholen“? Was bedeutet ein Umzug und Neuanfang ins Ausland in diesem Alter?
Anke Grieser erinnert sich noch genau daran, wie sie wochenlang gebangt hat, dass ihre Mutter mit ihrer Schwiegermutter und Ankes Mann Martin mit nach Mallorca auswandert. „Ich weiß nicht, ob ich die Auswanderung durchgezogen hätte, wenn sie nicht mitgekommen wäre“, so Grieser. In Berlin hatte die Familie zuvor zusammen in einem Mehrfamilienhaus gelebt. „Meine Mutter wäre ganz alleine in der Großstadt zurückgeblieben“, so die Ladenbetreiberin. Als Griesers Mutter ihr dann das endgültige Okay gab, hätten beide geweint. „Sie hat dann ihre Wohnung aufgelöst. Das war schwer für sie“, erinnert sich Grieser, deren Auswanderung vom Vox-Format „Goodbye Deutschland“ begleitet wurde. Trotzdem freute sich Griesers Mutter dann auf Mallorca.

Anke und Martin Grieser mit ihren beiden Müttern. / Privat
Erst einmal auf Probe
Ganz neu war die Insel nicht für sie. Immer wieder hatte das Auswanderer-Paar mit seinen Eltern im Vorfeld längere Urlaube dort gemacht. „Wir waren pro Jahr meistens zweimal für etwa drei Wochen dort“, so Grieser. Anderen Auswanderern, die mit dem Gedanken spielen, ihre Eltern nachzuholen, empfiehlt sie, es ähnlich zu machen. Am besten kommt man zu verschiedenen Jahreszeiten. Die Griesers wollten ihren Müttern so etwa auch zeigen, dass es in der Sommersaison sehr voll in Cala Ratjada ist, im Winter hingegen auch mal langweilig werden kann. Auch das ganz andere Klima sollten die beiden Seniorinnen vor Ort miterleben.
Im Januar 2023 war es dann so weit, und Anke Grieser und ihr Mann Martin kamen samt ihrer Mütter auf der Insel an. „Es war sehr emotional, als wir mit ihnen ihre Wohnung betraten. Die beiden waren schockverliebt, haben gar nicht mehr wahrgenommen, dass wir noch da standen“, erinnert sich Grieser, der damals eine große Last vom Herzen gefallen sei.

Haben 2023 den Laden "Tex von the Beach" in Cala Ratjada übernommen: Anke und Martin Grieser. / Privat
Wohnungssuche
Dass die Wohnsituation oft auch Probleme schaffen kann, weiß Jessica Weber, die die Facebook-Gruppe „Mallorca Mamis“ gegründet hat und als Geschäftsführerin von „Todo Mallorca“ Auswanderer berät. „Viele nehmen die Eltern als Untermieter auf. Oft erlauben Vermieter aber gar keine Untervermietung. Bei Behörden, etwa der Ausländerbehörde, kann es so zudem zu Problemen kommen, da eine Wohnsitzbescheinigung notwendig ist“, so Weber.
Benötigen die Senioren eine eigene Wohnung, solle man möglichst eine mit Gästezimmer wählen. So ist die Hemmschwelle für potenzielle Besucher aus Deutschland, auf die Insel zu kommen, geringer und Auswanderer können den Kontakt zu ihnen besser halten.
Lebenshaltungskosten
Bei der Wohnraumsuche sollte man zudem unbedingt die hiesigen Wohnungspreise miteinkalkulieren, betont Roland Werner, der Gründer der Stiftung Herztat. „Oft sind die Mietkosten wie auch die Lebenshaltungskosten hier höher als in Deutschland. Auch wenn der Partner stirbt, sollte die vorhandene Rente reichen, um hier alleine weiterleben zu können“, gibt er zu bedenken. Eine Einzelperson brauche seiner Einschätzung nach mindestens 2.000 Euro netto im Monat, um neben der Miete und den Lebenshaltungskosten auch die Krankenversicherung und die Arztkosten zu bezahlen. „Bei einem Paar würde ich mit 3.000 Euro netto kalkulieren“, so Werner. Grieser würde die Summe niedriger ansetzen. „Es kommt ganz auf den Lebensstandard an“, so die Ladenbetreiberin. In Cala Ratjada würden ihre Mutter und ihre Schwiegermutter mit jeweils um die 1.300 Euro Rente pro Monat gut auskommen. Für die gemeinsame Wohnung zahlen sie inklusive Nebenkosten zusammen 900 Euro.

Rosi Grieser (li.) und Heidi Lindner sind mit ihren Kindern ausgewandert. / FOTO: SOPHIE MONO
Krankenversicherung
In manchen Fällen können durch eine eventuell benötigte private spanische Krankenversicherung hohe Zusatzkosten entstehen, weiß Werner. Senioren, die in Deutschland keinen Wohnsitz mehr haben und zuletzt gesetzlich versichert waren, müssen sich zunächst bei ihrer Krankenkasse im Heimatland das S1-Formular besorgen. Damit ist ihre Versorgung im öffentlichen spanischen Gesundheitssystem (Seguridad Social) gewährleistet. In den großen spanischen Krankenhäusern gibt es Übersetzer. In den Hausarztzentren (centros de salud) spricht das Personal häufig aber nur Spanisch oder etwas Englisch. „Gerade wichtige, die Gesundheit betreffende Anliegen wollen die meisten aber am liebsten in ihrer Muttersprache besprechen“, so Werner. Nicht Spanisch sprechende Auswanderer müssten dann entweder ihre Kinder oder Übersetzer mitnehmen. Für Letztere fallen aber Zusatzkosten an, die man einplanen sollte.
Residenten, die nur von deutschsprachigen Ärzten behandelt werden wollen, müssen auf der Insel eine private Zusatzversicherung abschließen. „Manche Versicherungen lehnen Personen über 65 Jahren aber ab“, so Werner. In anderen Fällen fordern sie für die älteren Versicherten eine deutlich höhere Prämie. Oft müssen Senioren die Dienstleistungen bei deutschsprachigen Ärzten oder spanischen Privatärzten dann aus eigener Tasche zahlen.
Grieser rät zudem dringend, vor dem Umzug abzuklären, ob verschreibungspflichtige Medikamente, die Senioren womöglich einnehmen, auch hierzulande erhältlich sind.

Die Entscheidung, im fortgeschrittenen Alter nach Mallorca auszuwandern, sollte man wohl überlegt treffen. / Bendgens
Pflegeversicherung
Wer in Deutschland gesetzlich sozialversichert ist, kann sich das ihm zustehende Pflegegeld auch nach Mallorca überweisen lassen. Der Satz richtet sich an den entsprechenden Pflegegraden aus. Für deren Einstufung können laut dem Juristen und Autor des Ratgebers „Sorgenfrei leben unter Spaniens Sonne“, Rainer Fuchs, Experten aus Deutschland zu den Auswanderern nach Mallorca kommen. Wer mehr als fünf Jahre lang in Spanien angemeldet ist, hat alternativ Anrecht auf spanische Pflegeleistungen, die allerdings in der Regel geringer ausfallen als das deutsche Pflegegeld. In Deutschland ist der Satz unabhängig vom Vermögen des Betroffenen. In Spanien bekommen Antragsteller mit zu viel Vermögen gar nichts.
Einen großen Unterschied gebe es zudem bei den Sachleistungen, die die deutsche Pflegeversicherung erstattet – aber nicht im Ausland. Auch für Windeln oder andere Inkontinenzprodukte müssen Auswanderer laut Roland Werner daher hierzulande selbst aufkommen.
Ambulante Pflege/Seniorenheime
Ziehen deutschsprachige Senioren auf der Insel in ein Seniorenheim, ist es fast immer Es Castellot in Santa Ponça. Es ist die einzige Anlaufstelle, die betreutes Wohnen und eine Pflegestation inklusive deutschsprachigem Personal bietet. Daneben gibt es eher ambulante Pflegedienste und Pflegedienst-Agenturen, die sich explizit an Deutsche wenden. (Mehr Informationen gibt es hier.).
In Es Castellot aufgenommen werden nur Senioren, die noch in einem Apartment leben können, ohne 24-Stunden-Pflege zu benötigen. Ein weiteres Hindernis für Bewerber: Die 16 Plätze der Pflegestation, von denen derzeit 13 besetzt sind, sind für schon angemeldete Bewohner vorgesehen, die später pflegebedürftiger sind. Der Aufenthalt hat seinen Preis: Bewohner zahlen monatlich etwa für ein 40-Quadratmeter-Apartment, Mittagessen plus täglich bis zu 45 Minuten Pflegehilfe 2.500 bis 2.800 Euro, so Leiterin Regina Moll beispielhaft. Ein Platz auf der Pflegestation mit Vollpension und 24-Stunden-Betreuung schlage mit circa 4.400 Euro zu Buche.

Angemessene Pflege auf Mallorca will gut organisiert sein. / Vita Fonfara
Daneben gibt es auf Mallorca staatliche und halbstaatliche Pflegeheime. „Die Standards dort entsprechen allerdings nicht unbedingt dem, was wir in Deutschland kennen. Es sind meist eher krankenhausähnliche Bewahranstalten. Dennoch sind Plätze vielerorts kaum verfügbar“, weiß Rainer Fuchs.
Die Behördengänge
Wie für Auswanderer jüngeren Alters gilt auch für die Senioren, die ihnen nachziehen, dass sie sämtliche Versicherungen und Verträge in Deutschland kündigen und hier neu abschließen müssen. Da wären etwa die Einrichtung eines spanischen Kontos, gegebenenfalls ein spanischer Handyvertrag, ein Internetvertrag, die Mitgliedschaft in Fitnessstudios, die Haftpflicht- oder Hausratversicherung. Auch Senioren sind dazu verpflichtet, ihren deutschen gegen einen spanischen Führerschein einzutauschen. „Menschen ab 65 Jahren müssen hier zudem alle fünf Jahre den Tauglichkeits-, Reaktions- und Sehfähigkeitstest fürs Auto- und Motorradfahren machen“, fügt Roland Werner hinzu. Wer sein Auto mit auf die Insel bringt, muss es ebenfalls ummelden. „Es ist empfehlenswert, damit eine gestoría zu beauftragen, doch auch das kostet wieder Geld“, sagt Werner. Ratsam für Senioren sei auch, die Bus- und Zugfahrkarten (tarjeta intermdal, tarjeta ciudadana) zu beantragen. Dort bekommen die pensionistas Vergünstigungen, sobald der Transport nicht mehr kostenlos ist.
Hobbys und Kurse
Damit die Senioren nicht nur ihre Kinder und Enkelkinder als soziale Kontakte haben, sollten sie sich eigene Hobbys suchen, rät Helga Lützelberger-Noetzel, die seit zwei Jahren auf Mallorca lebt. „Ich bin 75 Jahre alt. Mich selbst dazu zu motivieren, ist für mich immer wieder eine Herausforderung“, so die Norddeutsche, die bei ihren Yogakursen oft die Älteste ist.

Helga Lützelberger-Noetzel. / Nele Bendgens
Um dort teilzunehmen, aber auch weil Integration ja bekanntlich auch anderswo über die Sprache funktioniert, sollte man sich zumindest Grundkenntnisse in Spanisch aneignen. Die Mütter der Griesers etwa können ein paar Brocken. „Um aber etwa einen spanischen Partner zu finden, reicht es noch lange nicht“, so Anke Grieser.
Um Vereinsamung direkt vorzubeugen, kann man sich nach seiner Ankunft direkt an die Herztat-Stiftung wenden. „Auch wir von der Evangelischen Gemeinde bieten viele Aktivitäten an“, so Pfarrerin Martje Mechels. Selbst in kleineren Orten der Insel gebe es darüber hinaus Seniorentreffs, so Jessica Weber.
Die Entscheidung gut abwägen
„Die Eltern auf die Insel zu holen, ist ein großer Schritt, den man sich gut überlegen sollte. Das Alter der betroffenen Personen und wie mobil sie noch sind, spielt eine große Rolle“, ist sich Grieser sicher. In ihrem Fall ist alles mehr als gut gegangen. „Unsere beiden Mütter sind hier noch einmal richtig aufgelebt“, so die Auswanderin. Und wenn ihre Mutter mal wieder das Heimweh überfällt, gibt es eben eine Umarmung oder einen Kaffeeklatsch mehr mit ihrer Tochter.
Links und Anlaufstellen:
FB-Gruppe: MALLORCA MAMIS
Herztat: herztat.de
Deutschsprachige Evangelische Gemeinde: kirche-balearen.net
Anschluss finden: https://www.mallorcazeitung.es/boulevard/2024/12/22/tipps-gegen-einsamkeit-leute-kennenlernen-112750796.html
Als Rentner im Ausland leben: https://spanien.diplo.de/es-de/service/2675862-2675862?openAccordionId=item-2676896-5-panel
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