Remote, reich und ready to relax: Die neue Generation deutscher Auswanderer auf Mallorca
Deutsche Auswanderer zieht es weiter nach Mallorca – aber nur wenige können sich den Traum noch leisten. Wer heute kommt, bringt Geld oder Flexibilität mit

Ausgesorgt? Von Inselgehältern abhängig? Zufrieden im Remote? Oder entspannt in Rente? Die vielen Gesichter der Inselneulinge. / Grafik: ChatGPT
Die Immobilienpreise und die Mieten steigen, die arbeitende Bevölkerung auf Mallorca kämpft darum, über die Runden zu kommen. Einige resignieren, ziehen aufs Festland. So weit, so bekannt. Gleichzeitig ist Mallorca weiter beliebt: Laut dem spanischen Notariats-Rat waren 42,3 Prozent der Hauskäufer auf den Balearen im vergangenen Jahr Ausländer, viele davon Deutsche. Bei 27 Prozent der Käufer handelte es sich zudem um Ausländer, die nicht auf der Insel ansässig waren. In beiden Fällen waren viele von ihnen Deutsche. Was sind das für Menschen, die heutzutage noch kommen, um – zumindest teilweise – hier zu leben? Wir haben uns bei Menschen umgehört, die regelmäßig mit Neuankömmlingen in Kontakt sind.
Immer weniger „Normalos“
Die einhellige Einschätzung: Der deutsche Auswanderungswunsch ist weiter da. Noch immer träumen viele Menschen in Deutschland, Österreich und der Schweiz davon, ihren Lebensmittelpunkt ganz oder teilweise auf die Insel zu verlagern. Allerdings hat sich das Profil jener, die davon nicht nur träumen, sondern es umsetzen, in den vergangenen Jahren verändert. „Tendenziell sind es mehr Wohlhabende“, sagt Doris Kirch, die seit 23 Jahren als Auswanderungsberaterin auf Mallorca tätig ist. Bei ihr melden sich überwiegend Menschen, die in der Planungsphase ihrer Auswanderung sind oder aber vor Kurzem herzogen und Unterstützung bei Organisation und Bürokratie suchen.
Es seien immer noch Mittelständler unter den Auswanderern, sagt Kirch. Solche, die auf Mallorca eine Arbeit suchen: im Tourismus, in der Gastronomie, in Callcentern oder dem Einzelhandel – als Angestellte oder Selbstständige. Aber eben deutlich weniger als vor Corona. Denn ähnlich wie für die Einheimischen werden auch für sie die niedrigen Inselgehälter und der kopfstehende Wohnungsmarkt zur Herausforderung. „Früher habe ich immer geraten: ‚Suchen Sie sich erst einen Job und dann eine Wohnung.‘ Inzwischen ist das umgekehrt“, sagt Doris Kirch.
Dass es für die „Normalos“ deutlich schwieriger ist, einen Neuanfang auf der Insel zu wagen, beobachtet auch Pfarrerin Martje Mechels von der Deutschsprachigen Evangelischen Gemeinde auf den Balearen. „Jene, die schon hier sind und Immobilien besitzen, haben weniger Probleme, aber für Neue ist es schwer – oft klappt die Auswanderung nicht.“ Gleiches gelte für deutsche Durchschnittsrentner, die nicht über nennenswertes Kapital verfügten. „Viele ziehen mittlerweile eher aufs spanische Festland, an die Costa Blanca oder die Costa del Sol, dort ist es oft deutlich günstiger und auch wunderschön“, sagt die Pfarrerin.
Selbst Auswanderer, die schon länger hier sind, gerieten immer häufiger ins Straucheln. „Wir sehen, dass Deutsche zurückkehren müssen, weil sie nur gemietet haben und ihnen der Mietvertrag gekündigt wird. Wenn sie nicht genügend Rücklagen haben oder keine neue bezahlbare Wohnung finden, können sie schlicht nicht hierbleiben“, sagt Mechels. Einige Deutsche zögen frühzeitig die Reißleine und verließen die Insel, bevor sie am finanziellen Abgrund stehen. In anderen Fällen ende der Auswanderer-Traum im existenziellen Fiasko. Mallorca-Deutsche vor dem Nichts – es sind Fälle, die bei der hitzigen Diskussion auf der Insel um „die reichen Deutschen, die alles aufkaufen“ schnell in Vergessenheit geraten.
Die Remote-Unternehmer
Kein Wunder. Denn „die Reichen“ – also die, die im Auswanderer-Image dominieren – sind vielerorts die Einzigen, die überhaupt noch als Hauskäufer infrage kommen. „Es sind Menschen aus hoch bezahlten Berufen, die durch die technische Möglichkeiten überall arbeiten können“, berichtet Thomas Fitzner, Leiter der Residenten-Abteilung bei der PlattesGroup. In den vergangenen Jahren hat sich die Wirtschafts-, Steuerberatungs- und Rechtsanwaltskanzlei immer mehr auf vermögendes Publikum spezialisiert und erfährt einen regelrechten Boom an Anfragen deutschsprachiger Mallorca-Neulinge.
Auffällig: Viele der neuen Auswanderer seien relativ jung. „Menschen zwischen 35 und 55, die beruflich noch voll im Leben stehen“, erläutert Maike Balzano, Leiterin der Abteilung Spezialmandate, Betriebsstätten und Tochtergesellschaften bei der PlattesGroup. Durch den Corona-Push sei die örtliche Unabhängigkeit im Berufsleben größer geworden. „Die Menschen suchen mehr Lebensqualität und Sicherheit, gleichzeitig ist in immer mehr Bereichen eine permanente physische Präsenz für die wirtschaftliche Aktivität nicht mehr so wichtig“, sagt Fitzner. Oft sei es ausreichend, ein paar Mal im Jahr in Deutschland anwesend zu sein und die Tätigkeit ansonsten von Mallorca aus zu betreiben. Einige erfolgreiche Unternehmer leierten zudem Projekte in Spanien an.
Nomaden und Selbstständige
Ebenfalls immer häufiger in der deutschen Auswanderer-Szene vertreten: die sogenannten digitalen Nomaden, also Selbstständige, die ohnehin von überall auf der Welt arbeiten können. „Viele sind im Beraterbusiness tätig, Coaches, aber auch aus dem Digitalbereich. Hinzu kommen Influencer und Youtuber sowie Kreativberufe wie Online-Marketing“, zählt Fitzner auf. Oft handele es sich bei ihnen um jüngere Paare oder Familien, die ihre Kinder mitbringen, sagt auch Doris Kirch.
„Hinzu kommen Menschen, die ein berufliches Standing haben, ihr Wissen aber nun nutzen wollen, um in ihrer zweiten Lebenshälfte etwas Neues zu beginnen“, ergänzt Carmen Hinrichs, die vor knapp fünf Jahren das Netzwerk „Women’s Network Mallorca“ (WNM) gegründet hat. Anwältinnen oder Ärztinnen beispielsweise, die auf Mallorca als Coaches und Lebensberater durchstarten – und ihre Kunden meist innerhalb der Auswanderer-Gesellschaft selbst generieren. „Wenn man da ein gutes Angebot bietet, kann man durchaus erfolgreich sein, die Nachfrage ist da“, sagt Hinrichs.
Die Füsse-Hochleger
Ebenfalls immer mehr unter den deutschsprachigen Neuauswanderern vertreten: Menschen, die so viel Geld haben, dass sie gar nicht mehr arbeiten müssen. Das seien sowohl ältere Erfolgsunternehmer mit viel Vermögen als auch Jungunternehmer, die ihre Firma gewinnbringend verkauft haben und nach zehn bis 15 Jahren beruflichen Gasgebens nun mit ihren Familien nach Mallorca kommen. Menschen, bei denen Geld kaum eine Rolle spiele. Und natürlich Erben jeden Alters.
„Viele kommen vorwiegend aus Gründen wie der Freizeitgestaltung und des Wetters“, sagt Carmen Hinrichs vom Frauennetzwerk WNM. Golfspieler etwa, aber auch Menschen, die einen neuen Sinn im Leben suchen, abseits vom Alltag im grauen Deutschland. „Unabhängig vom finanziellen Background sind auch einschneidende Erlebnisse, Krankheiten oder Trennungen Auswanderungsgründe“, sagt Pfarrerin Martje Mechels. Letztlich suchten fast alle mehr Lebensqualität und fänden diese auf der Insel.
Lebensqualität hat ihren Preis
„Mallorca ist für viele Wohlhabende zur Lebensqualitätsdestination geworden“, bestätigt Thomas Fitzner von der PlattesGroup. Daran ändern auch die Immobilienpreise nichts. „Ab und zu schlucken unsere Mandanten wegen der hohen Verkaufspreise, aber im Prinzip wird jetzt hingenommen, dass Mallorca keine Niedrigpreis-Destination mehr ist.“ Mehr noch: Die Anziehungskraft der Insel sei unter Gutverdienern enorm und verstärke sich sogar – weil sich die Infrastruktur und der Dienstleistungssektor immer mehr an die Bedürfnisse der vermögenden Zugezogenen anpasse. Ganz nach dem Motto: Geld zieht mehr Geld an. „Hinzu kommt, dass das Netzwerk deutscher Unternehmer auf der Insel wächst. Sie füttern sich gegenseitig“, sagt Thomas Fitzner.
„Unsere Kunden treffen auf Mallorca immer mehr Gleichgesinnte, Unternehmerfreunde, Bekannte“, bestätigt auch Marvin Bonitz vom Immobilienunternehmen Minkner & Bonitz, das sich auf den Südwesten Mallorcas spezialisiert hat. Trotz der hohen Preise sei der Andrang vor allem im einstelligen Millionenbereich (zwischen vier und neun Millionen Euro) „riesig“. Im zweistelligen Millionenbereich müssten einige Verkäufer ihre Preiserwartungen hingegen etwas herunterschrauben, etwa von 17 Millionen auf 13 Millionen Euro für eine Villa. Ernsthafte Schwierigkeiten, die ganz teuren Objekte zu verkaufen, gebe es aber nicht.
„Wer seine Schäfchen wirklich im Trockenen hat, kauft weiterhin“, bestätigt Anke Köhler vom Immobilienbüro CCC Real Estate, das überwiegend auf den Inselosten fokussiert ist. Vor allem jene, die ihr Kapital frei zur Verfügung hätten, investierten gern in Inselimmobilien. „Viele erfüllen sich den Wunsch eines Zweithauses, oft frei stehende Häuser mit viel Platz für sie und ihre Familie, um mal hier und mal in Deutschland Zeit zu verbringen.“ Erfolgreiche junge digitale Nomaden, die noch arbeiten, Kinder mitbringen und ganzjährig auf der Insel lebten, wählten oft eher moderne und luxuriöse Wohnungen in gut angebundenen Orten, so Köhler weiter.
Im deutschen Mittelstand sei die Nachfrage dagegen dünner geworden, „denn diese Menschen sind nicht mehr bereit, 800.000 Euro für eine Finca auszugeben, an der noch viel renoviert werden muss. Sie sind vorsichtiger geworden.“ Im hochpreisigen Segment aber sei das Interesse ungebrochen. „Der Mallorca-Trend ist da und wird weiter anziehen“, ist sich auch Marvin Bonitz sicher.
Und die Integration?
Dass die neuen Mallorca-Auswanderer im Gros mehr Integrationswillen zeigen als ihre Vorgänger-Generationen, zeichnet sich nicht ab. Viele der Neuzuzöglinge schickten ihre Kinder auf internationale Privatschulen, weiß Doris Kirch. Das bestätigt auch Maike Balzano von der PlattesGroup. „Ein Großteil bleibt in seinem Kreis aus deutschsprachigen oder internationalen Geschäftsleuten, der sich ständig vergrößert“, so auch Thomas Fitzner. Dass die Neulinge sich kulturell integrierten, sei die Ausnahme. Die Inselgesellschaft sei mittlerweile so divers, dass man auch so bequem durchkomme. „Wenn sie tatsächlich mal an Sprachbarrieren stoßen, haben sie dafür ihr Personal oder Dienstleister“, so Fitzner. Eine Parallelwelt im Aufschwung, mit exklusiven Wohnvierteln, Netzwerken, Gastroangeboten und Freizeitgestaltungsmöglichkeiten. Und kaum Berührungspunkten zur Durchschnittsbevölkerung.
Auch Brunhild Seeler-Herzog beobachtet das. „Es wird immer einfacher, in der deutschsprachigen Welt zu bleiben“, so die Übersetzerin und Studienreiseleiterin, die schon seit 40 Jahren auf der Insel lebt und regelmäßig im Auftrag der evangelischen Gemeinde die sogenannten Residententreffen organisiert (Anmeldungen und Infos unter residententreffmallorca@gmail.com). Das sind Ausflüge und Exkursionen auf Deutsch, bei denen die Teilnehmenden nicht nur ihre eigenen Landsleute kennenlernen sollen, sondern auch ein Stück Mallorca. Ein Versuch, die Zugezogenen abzuholen, an die Hand zu nehmen – und näher an die Geschichte und Kultur der Insel heranzuführen. Und auch ein Versuch, die Wogen zu glätten zwischen „den Deutschen“ und „den Mallorquinern“.
„Man spürt, dass einige Einheimische den Zugezogenen nicht mehr wohlgesonnen sind“, sagt Seeler-Herzog. Sie setzt weiter auf Völkerverständigung, mit kleinen Erfolgen: Trotz der Veränderungen in der Auswanderer-Szene gebe es noch immer deutsche Neulinge, die echtes Interesse an der Insel zeigten – nicht nur an klassischen Ausflugszielen, die Seeler-Herzog anbietet, sondern auch an Touren, bei denen soziale Aspekte im Vordergrund stehen. Gentrifizierung zum Beispiel. Und Wohnungsnot. Themen, die heute eng mit der Auswanderer-Szene verknüpft sind – und es wohl bleiben werden.
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