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Insekten-Hölle und Baustaub: Wie Giulianas Traum von der Auswanderung nach Mallorca trotz holprigem Start gelang

Die 34-Jährige Giuliana Philippova hat sich ihren Traum vom Leben auf Mallorca erfüllt – und musste doch dafür erst einmal im Alltag einer Auswanderin ankommen

Teilt unter instagram.com/lagiugiuu_ ihre Mallorca-Momente: Giuliana Philippova.

Teilt unter instagram.com/lagiugiuu_ ihre Mallorca-Momente: Giuliana Philippova. / privat

Mirko Perković

Mirko Perković

Es gibt diese Momente, da fühlt sich das eigene Leben an wie eine Zeitlupen-Sequenz eines mittelmäßigen Independent-Films. Giuliana Philippova kennt das. Im Mai 2025 will sie nach Mallorca auswandern. Auf dem Weg zum Flughafen macht sie halt an einer Autobahnraststätte. Der Wind peitscht, die Lastwagen donnern vorbei. Plötzlich reißt sich ihr scheuer Kater Konrad los. Er kennt die Welt nur durch Fensterscheiben. Jetzt schießt er wie ein Blitz umher, weg von der Box, weg von der Zukunft, der neuen Heimat.

Ich wollte in diesem Moment einfach nur sterben“, sagt Giuliana Philippova heute, während sie in ihrer neuen Wohnung sitzt. Wer der 34-Jährigen zuhört, merkt schnell: Diese Frau macht keine halben Sachen. Wenn sie auswandert, dann mit dem gesamten emotionalen Gepäck einer Frau, die schon in Kolumbien lebte, dort neben Vogelspinnen geschlafen und danach auf den Galapagos-Inseln ihr Herz verloren hat.

Der Fluch der Freiheit

Der Weg nach Mallorca war kein plötzlicher Impuls, eher ein jahrelanges Einkreisen. In Prag geboren, kurz vor der Einschulung nach Würzburg gezogen, später einen Zwischenstopp in Frankfurt eingelegt – Giuliana war überall, aber nirgends so richtig. „Ich war immer unruhig“, erzählt sie. „Ich wusste nur: Ich will in den Süden. Ich will das Meer.“ 2023 fiel die Entscheidung, 2025 der endgültige Entschluss. Job gekündigt, Wohnung aufgelöst, die zwei Katzen Garfield und Konrad eingepackt.

Alles begann mit dem Rastplatz-Horror. Während ihr Vater versuchte, die Fassung zu bewahren, rannte Giuliana mit Asthma und Adrenalin im Blut über die Felder, schrie nach ihrem Kater. Konrad wurde schließlich von rumänischen Arbeitern gefunden – eingezwängt im Motorraum eines Sprinters. Ein Wunder zwischen Leitplanken und Standstreifen. Es war das letzte Zeichen: Der Weg ins Paradies wird steinig. Giuliana stieg dennoch in den Flieger, die beiden Katzen im Chor miauend unter dem Vordersitz. Die drei landeten in einer neuen Welt.

Das Grauen lauerte in der Dunstabzugshaube

Giulianas erste Wohnung in Cala Bona war dann mehr Schlachtfeld als Idyll. Kakerlaken. Hunderte. Sie krabbelten aus der Dunstabzugshaube, besetzten den Kühlschrank, nisteten sich im WLAN-Router ein. „Ich habe nichts mehr gekocht, nur noch Baguettes gegessen“, erinnert sie sich. Der Ekel war so tief, dass sie den Appetit verlor.

Es folgte der klassische Expat-Wahnsinn: ein Vermieter, der behauptet, es gäbe keine Kammerjäger auf Mallorca (Anm. d. Redaktion: die gibt es natürlich), und die bittere Erkenntnis, dass man als „Herzensehrliche“ oft erst einmal ordentlich „geprüft“ wird. Der Kammerjäger, ein sympathischer Deutscher, war schließlich fassungslos: So einen Befall hatte er noch nie gesehen. Am Ende stritt Giuliana um ihre Kaution wie eine Löwin, tippte Paragrafen in ihr Handy und weinte vor Wut. Über die Arroganz derer, die ihre missliche Situation ausnutzten.

Von Kakerlaken zu Presslufthämmern

Man hätte meinen können, die Insekten-Hölle sei der Endgegner gewesen. Giuliana zog aus, sie flüchtete im November nach s’Illot. Endlich Ruhe, dachte sie. Doch die neue Wohnung wurde zur Baustelle. Vier Wochen lang Handwerker, von neun bis sechs. Jeden Tag. Während Giuliana versuchte, in ihrem neuen Job als Kundenberaterin einer Telekommunikations-Firma im Homeoffice professionell zu arbeiten, rissen Männer neben ihr Wände ein und klopften Türrahmen aus dem Beton.

„Ich saß im Schlafzimmer fest, eingesperrt auf wenigen Quadratmetern mit den Katzen und einem Katzenklo, während der Staub alles aufwirbelte.“ Der Tiefpunkt kam an einem Wochenende: Das Bad-Rohr platzte, das Waschbecken war unbrauchbar. Zähneputzen, Händewaschen und das mühsame Abspülen von Geschirr in der Dusche – willkommen im Alltag einer Auswanderin. Als der Vermieter dann noch unangekündigt mit seiner Mutter in die Wohnung platzte, während sie mitten in einer Videokonferenz steckte, brach sie zusammen. Ein Nervenzusammenbruch auf einer Dauerbaustelle. „Ich konnte nicht mehr. Es war einfach zu viel Respektlosigkeit auf einmal. Ich fühlte mich in meinem eigenen Zuhause wie ein Eindringling.“

Tinder, Tränen und Tiefe

Und als wäre der Kampf gegen Ungeziefer und Baulärm nicht genug, entschied sich Giulianas Herz pünktlich zum Inselstart auch noch Achterbahn zu fahren. „Ich finde südländische Männer attraktiv, ich brauche dieses Feuer“, sagt sie. Also: Tinder auf. Und tatsächlich war da einer.

Kein Urlaubsflirt, stattdessen Picknicks am Strand und tiefe Blicke. Es war eine Zeit voller Hoffnung. Giuliana wollte Tiefe, er wollte irgendwann nur noch die unverbindliche „Leichtigkeit“. Das klassische Dilemma, das einen noch härter trifft, wenn man gerade alles für ein neues Leben aufgegeben hat. „Ich war zerstört, habe geweint, konnte kaum arbeiten.“ Dass sie sich heute trotzdem mehr bei sich selbst fühlt als je zuvor, ist ihr persönlicher Sieg über das emotionale Chaos.

Die Magie der Cala Petita

Trotz allem: Wenn man sie fragt, ob sie zurückwill, lacht sie. Warum auch? Da sind diese Momente in der Cala Petita in Porto Cristo, ihrer „Seelenbucht“. Wenn sie dort alleine sitzt, schnorchelt und in die stille Unterwasserwelt abtaucht, beruhigt sich ihr Nervensystem sofort. Dort gibt es eben keine ignoranten Vermieter, keine Handwerker und keine Dating-App-Enttäuschungen. Und da sind ja auch noch die Freunde, jene, die für sie einstanden, als ihr Herz brach. „Wir haben uns auf den Balkon gestellt und einfach alles rausgeschrien“, erzählt sie grinsend.

Giuliana ist heute stolz. Stolz sogar auf die grauen Haare, die der Stress ihr beschert hat. Stolz darauf, dass sie für ihre beiden Katzen gekämpft hat, die jetzt endlich ohne Angst durch den langen Flur ihrer Wohnung flitzen können. Ihre Mission bleibt: Einen Gnadenhof für Tiere will sie gründen, ein einfaches Leben, Verbundenheit mit der Natur. „Mallorca hat mich zu mir selbst gebracht“, sagt sie mit einer Festigkeit, die keinen Zweifel zulässt. 2026 soll nun ihr Jahr werden. Endlich ankommen. Ohne Baustaub, ohne Kakerlaken – nur mit einem Herzen, das endlich weiß, wohin es gehört.

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