Eine SMS, drei Worte, und plötzlich war das Archiv seines Lebens geschreddert: Wie ein Schweizer auf Mallorca mit 60 neu gestartet ist
André Stadelmann ist ein Mann ohne Beweise. Einst König der Nächte auf Ibiza, heute gestrandet im Winter von Mallorca. Ein Porträt

André Stadelmann mit seiner derzeitigen Lebensgefährtin Vanja am Strand. / Privat
Vor ihm liegt ein pastelito. Der Zuckerguss leuchtet in knalligem Pink. Ein Fremdkörper in der sonst winterlichen Graustufe von Colònia de Sant Jordi. André Stadelmann, 72, schwarz-rot karierte Jacke, wacher Blick, aufrechter Gang, sticht mit der Gabel hinein. Es knackt leise. Das Geräusch ist das lauteste im ganzen Café.
Draußen sind die persianas der Apartmentkomplexe geschlossen. Der Ort hält Dornröschenschlaf. Stadelmann passt hier nicht hin. Er ist ein Fehler im System.
In seiner Heimat, der Schweiz, gibt es ein Wort für Männer wie ihn: „ausgesteuert“. Ein Wort, das nach Abpfiff klingt. Nach Altmetall. Die Bedeutung dahinter: Du bist raus, wir brauchen dich nicht mehr. Stadelmann aber lässt sich nicht entsorgen. Er ist doch Wassermann. Ein Luftzeichen. Luft lässt sich nicht einsperren.
Ein Leben im Drift
Seit 45 Jahren fräst er durch die Balearen. Er kennt die Physik des Absturzes besser als jeder andere. „Ich hatte diesen Mercedes“, sagt er. Er schaut durch das Fenster, als würde draußen sein altes Leben vorbeifahren. „Bodenblech durchgerostet. Fußbremse gekillt. Nur die Handbremse hinten rechts griff noch.“ Wer leben will, geht in die Werkstatt. Und wer Stadelmann ist, entwickelt einen eigenen Stil. „Bei Tempo 80 riss ich den Hebel hoch. Der Wagen stellte sich quer.“
Querstehen. Das ist seine Haltung. Ein Leben im permanenten Drift. Immer schräg zur Norm. Immer kurz vor dem Einschlag. Vor dem Aufprall.
Um diesen Mann zu verstehen, muss man zurückspulen. 1981. Zürich. Ein dunkler Kinosaal. Auf der Leinwand läuft „More“. Es ist nicht irgendein Film. Es ist der Kultstreifen einer Generation. Gedreht auf Ibiza. Es geht um die Sonne, die verbrennt. Es geht um Heroin. Es geht um die totale Freiheit, die in den Tod führt. Und im Hintergrund, da wummert dieser Sound. Pink Floyd. Psychedelisch, düster, treibend. Stadelmann sitzt im Kinosessel. Er sieht diese Insel, dieses kaputte Paradies. Er spürt: Ich bin im falschen Film. Ich muss da hin.

Stadelmann in jungen Jahren auf Ibiza. / Privat
Der Ruf von Ibiza
Dann kauft er sich eine „Penthouse“-Ausgabe. Er blättert sie auf. Er liest einen Satz, der wie ein Befehl wirkt: „Wer auf Ibiza nach 24 Stunden noch keinen Sex hatte, ist ein Verlierer.“ Stadelmann, damals Drucker mit sicherem Einkommen, denkt: nicht mit mir. Er kündigt. Zahlt die Konventionalstrafe. Macht sich auf. Und davon. Mit dem Schiff.
Er landet auf einem Ibiza, das es heute nicht mehr gibt. Keine VIP-Absperrungen, keine 200-Euro-Liegen für russische Oligarchen-Töchter. Es ist der Wilde Westen. Stadelmann macht Bars auf. Er erzählt das ruhig, fast nüchtern, während er den rosa Zuckerguss zerteilt. Wie er auf die kleine Cosma Shiva Hagen aufpasste, während Mama und Stammgast Nina die Insel eroberte. Es ist die Zeit des totalen Exzesses. Koks zum Frühstück. Ecstasy wie Bonbons. Sex auf der Motorhaube eines Mustangs im Sand, während der Kühlergrill knackt vor Hitze. „Wir waren arrogant“, sagt Stadelmann. „Wir dachten, wir sind unsterblich. Wir hatten keine Versicherung. Nicht fürs Blech. Nicht für unsere Zukunft.“

Links: Nina Hagen, Rechts: Stadelmann mit seiner damaligen Freundin Marusha und Nina Hagen. / Privat
Doch irgendwann ist der Tank leer. Ende der Neunziger bricht die Realität über ihn herein. Stadelmann muss zurück. Raus aus der Sonne, rein in die Schweizer Kälte. Er landet in Basel, er managt eine Disco. Ihr Name: Totentanz. Eine zynische Pointe des Schicksals. Das alte Leben ist tot, das neue zuckt nur noch im Stroboskop-Licht.
Absturz, Neuanfang, Verlust
Dann Zürich. Statt Caipirinhas am Strand mischt er jetzt Toner in einem Copy-Shop. Ein Intermezzo. Und: 15 Jahre lang lebt er mit einer Japanerin zusammen. Ordnung statt Chaos. Aber das Virus Ibiza bleibt im Blut. Er will es noch einmal wissen. Er eröffnet auf der Insel das Restaurant El Til-lo. Ein letztes Aufbäumen. Es scheitert. Das Geld verbrennt schneller, als man es drucken kann.
Und genau in diesem Moment, als er geschäftlich am Boden liegt, kommt die private Rechnung. Per SMS. Er ist unterwegs auf den Inseln. Das Handy vibriert in der Hosentasche. Die Japanerin schreibt drei Worte: Es ist vorbei! Während er aufs Display starrt, verkauft sie die Möbel, die High-End-Anlage. Aber sie nimmt ihm auch sein Archiv. Sie wirft seine Tagebücher in den Müll. Sie schreddert die Fotos seiner Kindheit, zerschneidet die Polaroids der wilden Jahre. Alles rein in den schwarzen Sack. Als Stadelmann die Tür öffnet: weiße Wände. „Mein Leben, plötzlich weg“, sagt er. Die Stimme wird leise, fast brüchig. „Ich habe keine Beweise mehr, dass es mich gab. Ich bin ein Mann ohne Vergangenheit.“ Er ist der einzige Zeuge seiner eigenen Existenz.
Mit 60: der Nullpunkt. Pleite. Die Schweiz spuckt ihn aus, Mallorca fängt ihn auf. Asyl, wenn auch im Paradies. Er strandet hier, in der Colònia. Ausgerechnet hier, in der Hochburg der Schweizer Universal-Hotels. „Komm schnell, du kannst morgen anfangen.“ Er, der König der Nacht, zwängt sich in die Uniform. Kellner. Er serviert Gazpacho. Er funktioniert. Er lächelt. Aber innen drin? Ein bunter Vogel im grauen Dienstplankäfig. „Das Korsett hat mir die Luft abgeschnürt“, sagt er.
Gegen das Vergessen
Jetzt hat er Vanja. Kubanerin. Sie ist zwölf Jahre jünger, arbeitet noch in der Schweiz. Demenzpflege. Sie kümmert sich um Menschen, die alles vergessen. Stadelmann sitzt hier und kämpft dagegen an, vergessen zu werden. „Ich leide wie ein Hund“, sagt er. Abends gönnt er sich einen guten Wein, Kerzen, Vinyl. Luxus ist für ihn keine Frage des Geldes, sondern der Würde. Aber er sitzt alleine am Tisch.
Deshalb die Flucht. Sein Ritual. Zweimal die Woche steigt er in den roten TIB-Bus. Linie 502. 50 Kilometer Asphalt bis Palma. Er braucht Lärm. Er braucht Santa Catalina. Er braucht einen Wermut im La Rosa, wo es nach Leben riecht, noch nicht nach Mottenkugeln. Er kauft wieder Platten. Er baut seine Sammlung neu auf. Stück für Stück. Vinyl gegen das Vergessen. Er braucht den Sound von einst. „Hier in Colònia ist jeder Tag eine Kopie“, sagt er. „In Palma spüre ich den Puls.“
Und da ist noch eine Wunde. Ein Lokal auf Ibiza. Er hat es entdeckt, Strom gelegt, ihm eine Seele eingehaucht. Ein „Freund“ hat ihn rausgedrängt. Heute ist der Schuppen Kult. Ohne ihn. „Es ist mein Kind“, sagt er, „aber ein anderer zieht es groß.“ Er sät. Andere ernten. Er bleibt der Drifter. Sein Ziel? Formentera. Die kleine Schwesterinsel. Da, wo er früher im Sand stecken blieb. Da will er leben.
Stadelmann schiebt den Teller mit den rosafarbenen Krümeln zur Seite. Er bereitet den Schweizer Pass für seine Frau vor. Er will sie herholen. Für immer. Er hat keine Erinnerungsstücke mehr. Aber er hat diesen Blick. Den Blick von einem, der weiß: Du darfst die Handbremse erst loslassen, wenn der Wagen wirklich steht. Er zündet eine Kerze an. Der Bus nach Palma fährt erst morgen wieder. Die Bremse ist gezogen. Aber der Motor, der Motor läuft noch.
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