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Die Eltern bleiben zurück: Warum eine Deutsche trotz Traum-Auswanderung nach Mallorca von Schuldgefühlen geplagt wird

Auswandern kann schön sein. Doch was, wenn die Eltern in Deutschland älter werden und Unterstützung brauchen? Und die Gewissensbisse größer? Heidi Seifert kennt dieses Gefühl

Heidi Seifert (2.v.l.) mit ihrem Mann Heiko, den beiden Kindern und ihren Eltern Siegfried und Sigrid Blaskowitz bei einem Besuch auf Mallorca

Heidi Seifert (2.v.l.) mit ihrem Mann Heiko, den beiden Kindern und ihren Eltern Siegfried und Sigrid Blaskowitz bei einem Besuch auf Mallorca / privat

Sophie Mono

Sophie Mono

Es gibt Auswanderungen, da klappt einfach alles. Die Kinder gewöhnen sich schnell ein, das gekaufte Haus ist toll, der Mallorca-Traum hält, was er verspricht. Keine bösen Überraschungen, keine unerwarteten Rückschläge. Alles gut. Wäre da nicht eins: das schlechte Gewissen. Gegenüber jenen, die in Deutschland zurückgeblieben sind. Eltern, die älter werden. Und die nicht mehr auf die Unterstützung ihrer Kinder zählen können, wenn diese ihren Lebensmittelpunkt auf die Insel verlagern.

Von Berlin nach Cas Concos

Heidi Seifert (38) kennt das. Immer wieder plagt sie das Gefühl, nicht genug für ihre Eltern da zu sein. Sigrid und Siegfried Blaskowitz, heute 73 und 74 Jahre alt, blieben zurück, als ihre Tochter samt Familie vor drei Jahren nach Mallorca zog, in ein Haus mit Garten in Cas Concos. Die Umgebung der Senioren blieb dieselbe wie immer: eine Mietwohnung im Osten Berlins. In demselben Mehrfamilienhaus, in dem auch Heidi Seifert mit ihrem Mann Heiko und den beiden gemeinsamen Kindern jahrzehntelang gewohnt hatte. Zuletzt direkt über der Wohnung ihrer Eltern. „Wir haben uns täglich gesehen. Mehrmals. Sie haben uns unterstützt und wir sie. Es war ein Geben und Nehmen, schon immer“, berichtet die 38-jährige Seifert.

Bis zur Mallorca-Auswanderung. Lange ersehnt, aber dann doch spontan in der konkreten Umsetzung: Im Januar 2023 fanden die Seiferts ihr Traumhaus in Cas Concos, im April zogen sie um. „Hätte ich länger Zeit gehabt, darüber nachzudenken, hätte ich es vermutlich gar nicht gemacht. Aber es war das Beste, was uns passieren konnte“, resümiert Heidi Seifert heute, knapp drei Jahre später. Plötzlich trennten sie und ihre Eltern nicht mehr nur ein Treppenaufgang, sondern rund 1.660 Kilometer Luftlinie.

Erst Euphorie, dann Gewissensbisse

„Im ersten halben Jahr war es leicht, wir waren voller Euphorie, alles war neu, spannend und wir waren abgelenkt, mit allem, was es zu tun gab“, erinnert sich Heidi Seifert. Ummeldungen, Anmeldungen. Sich zurechtfinden. Einleben. Dafür sorgen, dass sich die damals achtjährige Tochter und der zwölfjährige Sohn möglichst gut in der öffentlichen Schule in Felanitx eingewöhnen. „Es klappte alles wunderbar, die Kids waren Feuer und Flamme, die Integration super“, berichtet Heidi Seifert. Auch an das Remote-Arbeiten gewöhnten sich Heiko und Heidi schnell. „Mein Mann kann seine Firma von der Insel aus führen, ich als Content-Creator kann von überall arbeiten. Noch etwas, das glatt lief.“

Nach der ersten Aufregung kam dann schnell die Ruhe, der Alltag. Und mit ihm die Gewissensbisse. Wegen der engen Freunde in Berlin, bei denen Heidi Seifert nun nicht mehr mal eben vorbeischauen kann, um sie zu umarmen, wenn es ihnen schlecht geht. Nun: Videocalls statt persönliche Treffen. Wegen Heidis beiden älteren Brüdern, die sich seit jeher ständig in die Haare kriegen, und für die sie immer die Streitschlichterin gespielt hatte.

Gemeinsamer Auswanderer-Traum

Und dann natürlich wegen ihrer Eltern. Immer war es Heidi gewesen, die sie im Alltag unterstützt hatte. Die viel näher dran gewesen war als ihre Brüder. Wenn der Fernseher mal nicht funktionierte. Wenn es Probleme mit dem Internet gab oder ein seltsamer Anruf die Senioren verunsicherte. Wenn etwas Besonderes angeschafft werden musste. Bei großen Einkäufen, kleinen Behördengängen... Unzählige Kleinigkeiten, die in ihrer Summe groß erscheinen, jetzt, wo Heidi Seifert sie nicht mehr übernehmen kann. „Ich habe dieses schlechte Gewissen wahnsinnig unterschätzt. Es tut weh, ich leide darunter“, sagt sie. Oft weine sie deswegen. Und wisse keine wirkliche Lösung.

Ja, es sei hausgemacht. „Niemand in Deutschland nimmt mir die Auswanderung übel. Im Gegenteil. Meine Eltern haben mich immer darin bekräftigt, diesen Schritt zu gehen.“ Genau genommen war es ja sogar mal ihr gemeinsamer Traum. Die Spinnereien vom Leben auf der Insel spukten schon seit Jahren in Heidi und Heiko Seiferts Kopf. „Bei einem gemeinsamen Mallorca-Urlaub vor ein paar Jahren haben wir sie mit meinen Eltern zusammen weitergewoben.“

Angst, alles aufzugeben

Vielleicht wäre er sogar wahr geworden, der Drei-Generationen-Auswanderungstraum, wäre da nicht die Krebsdiagnose gekommen, die Siegfried Blaskowitz 2022 erhielt, kurz vor der Auswanderung. Noch in Deutschland leitete seine Tochter alle Arztwege ein, begleitete ihn zur OP, initiierte auch die Folgetherapien. „Es entstand ein richtiger Kreislauf, genau zu dem Zeitpunkt, als wir auswanderten. In dem Moment wäre es wahnsinnig schwer gewesen, ihn dort herauszureißen.“ Die Seiferts gingen dennoch, setzten auf die Hoffnung, dass die Eltern ja nachkommen würden, wenn es dem Vater wieder besser geht. Logistisch wäre das kein Problem: Das Haus, das die Seiferts in Cas Concos erwarben, verfügt über eine Einliegerwohnung für Sigrid und Siegfried Blaskowitz.

Tatsächlich kamen die Rentner, sobald es Siegfried Blaskowitz wieder besser ging. Aber nur für Urlaubsaufenthalte und nicht dauerhaft. „Mein Vater würde ja herziehen, er ist ein Kämpfer und sagt, er könne auch auf Mallorca sterben. Aber meine Mutter zögert. Sie ist ein Kopfmensch, zwiegespalten, hat Angst, in Deutschland alles aufzugeben. Und das muss ich respektieren, genau, wie sie meine Auswanderung respektiert“, sagt Heidi Seifert.

Per Telefon zur Stelle

Selbstverständlich nimmt sie auch von der Insel aus am Leben ihrer Eltern in Berlin teil. Erkundigt sich am Telefon, wenn ihr Vater wieder einmal einen Arzttermin hatte, versucht, weiter Stütze zu sein. „Aber oft bleibt nicht viel hängen, wenn er mir das Gespräch mit dem Arzt wiedergibt. Ich weiß, dass ich ihn viel besser unterstützten könnte, wenn ich vor Ort wäre“, sagt Heidi Seifert. Auch bei der Orga der großen Märchenfeier zur Goldhochzeit, von der ihre Mutter immer geträumt hatte, mischte Heidi Seifert so gut es ging von Mallorca aus mit. „Aber ich konnte eben nicht Seite an Seite mit ihr alles erleben, so, wie wir es uns immer gedacht hatten. Und letztlich habe ich ihr damit etwas sehr Schönes genommen.“

Anfangs habe sie noch gehofft, dass das schlechte Gewissen mit der Zeit besser werde. Dass sie einen Weg finden würde, damit umzugehen. Sie machte sich bewusst, dass alle Lebensentscheidungen auch Konsequenzen haben. Dass man nicht alles haben kann. „Leichter fällt es mir dadurch aber nicht“, sagt sie.

Qualität statt Quantität

Dennoch: Ihre Auswanderung bereut sie nicht. Deutschland sei für die vier keine Option mehr, die Insel jetzt ihr Zuhause. „Und letztlich muss man doch schauen, dass man als Familie glücklich ist“, sagt Seifert mit belegter Stimme. „Wir und die Kinder. Auch wenn es ein Stück weit egoistisch ist.“

Selbst dann, wenn ihre Eltern in Deutschland irgendwann einmal so gebrechlich werden, dass sie nicht mehr zu Besuch kommen können. Oder eines Tages sogar in ein Heim müssen. „Vielleicht entscheiden sie sich ja vorher doch noch für Mallorca, ich habe die Hoffnung noch immer nicht ganz aufgegeben“, sagt Heidi Seifert. Bis dahin versucht sie, sich auf die Besuche aus der Heimat zu freuen. „Die Abschiede sind immer Horror, aber die Vorfreude umso größer. Und man genießt die gemeinsame Zeit jetzt ganz anders als früher.“ Qualität statt Quantität. Das Einzige, was auch über 1.660 Kilometer hinweg funktioniert.

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