Zum Hauptinhalt springenZum Seitenende springen

"Alles nur Show": Mallorca-Auswanderer Herbert Hauer rechnet mit Reality-TV ab

Ein TV-Dreh machte ihn zum Buhmann. Der Gastronom Herbert Hauer blickt zurück auf das Bild, das Medien von ihm zeichneten. Und auf das echte Leben, das sie dabei übersahen

Mit sich im Reinen: der Gastronom Herbert Hauer am Strand von Cala Millor.  | FOTO: MIRKO PERKOVIC

Mit sich im Reinen: der Gastronom Herbert Hauer am Strand von Cala Millor. | FOTO: MIRKO PERKOVIC

Mirko Perković

Mirko Perković

Ein Klick. Ein Zischen. Eine zarte Flamme tanzt. Dann glimmt die Spitze auf. Herbert Hauer zieht den Rauch tief ein. Gauloises. Die blauen. Er, 74, sitzt in seinem dunklen BMW 318i. „Ich brauchte damals etwas, das meine Arbeitskollegen nicht mögen“, sagt er über seine Marke. „Etwas Hartes. Wenn du diesen starken Tobak rauchst, schnorrt dich keiner mehr an.“ Seit 1969 verfolgt er diese Strategie. Er will seine Ruhe haben.

Seine Hände liegen fest auf dem Lenkrad. Zehn-vor-zwei-Griff. Wir rollen. Richtung Norden. Eine Fahrt in der Retrospektive, durch diverse Zeitläufe. Durch Krefelder Wäschereidampf, den diskreten Luxus von Gstaad und eine kühle Erkenntnis: Das Fernsehen kann nicht jede Story erzählen. Eine Chronik. Übers reale Leben. Über Reality-TV. Und über eine Dose „Tomato triturado“.

Herbert Hauer ist gelernter Restaurantfachmann

Das Ziel: Cala Ratjada. Dieser Ort lässt Hauer nicht los. Hier betrieb er lange ein Lokal. In dem eine Fernsehkamera vor 14 Jahren sein Leben in ein Drehbuch pressen wollte.

Rückblende, 1966. Gstaad und Krefeld. Herbert Hauer ist gelernter Restaurantfachmann. Er wird Commis de Rang in Gstaad. Er bedient den Präsidenten der Elfenbeinküste, einige Weltstars. Er lernt, wie man Seezunge am Tisch filetiert, Löffel und Gabel, bloß kein Klappern. „Du musstest am Tisch kochen können, du hast vor den Gästen flambiert“, sagt er. Er lernt, wie man unsichtbar bleibt, bis man gebraucht wird.

Herbert Hauer, Resident und Gastronom.

Herbert Hauer, Resident und Gastronom. / Mirko Perkovic

Zwischen Wäschereien und Abendlokal

Dann der Wechsel in die Samt- und Seidenstadt. In Krefeld besitzt Herbert Hauer zwei Wäschereien und eine chemische Reinigung. Dort lernt er etwas Wichtiges, nämlich dass Flecken hartnäckig sein können. Und dass am Ende nur das makellose Weiß zählt.

1970, Bergen. Die niederländische Gemeinde wird für 25 Jahre seine Heimat. Mit 22 baut er dort sein erstes Haus, eigenhändig. Er spricht die Sprache, er liebt die dortige Direktheit. Er pendelt. Zwischen den Wäschereien und seinem Abendlokal in Krefeld-Hüls, wo es Schnecken und gebackenen Camembert zu Livemusik gibt. Er zieht zwei Kinder groß, schafft Werte und schnappt ein limburgisches Sprichwort auf, das er nie vergessen wird: „Du kannst nichts dafür, mit welchem Kopf du geboren wurdest, wohl aber für das Gesicht, das du damit ziehst.“

Nach Mallorca, in die Freiheit

1999 dann der Bruch. Die Flucht nach vorn. Vielleicht eine Midlife-Crisis? Er verkauft alles – Geschäfte, Häuser, Sicherheit. Trennung, Scheidung. Er geht nach Mallorca. Für die Freiheit. Er übernimmt das La olla, eine Sportsbar, später das Brisas. Es sind Jahre des Erfolgs. Das Lokal wird zur Heimat für die deutsche Sport-elite, Herbert Hauer besitzt noch heute Erinnerungsstücke vom deutschen Handballmeister TBV Lemgo. Stammgäste. Er ist der Mann, der die besten Schnitzel der Insel zubereiten will. Er vermisst die Zeit der Peseten. „Früher hatten die Leute eine Handvoll Kleingeld, 500-Peseten-Stücke. Das war eine Münze, die hat was gewogen, wenn du sie dem Kellner gegeben hast.“

Wir erreichen Cala Ratjada. Auf dem Armaturenbrett liegt ein Blatt Papier, Ausgabe Nr. 613 der Mallorca Zeitung. „Erst mal niedermachen“, lautet der Titel des Artikels. Auf dem Foto sieht man Herbert Hauer neben Frank Rosin und seiner Lebensgefährtin Margit. Hauer schaut heute auf sein jüngeres Ich in der weißen Kochjacke wie auf einen Fremden. Ließ er sich niedermachen? Margit glaubte an die „gute Werbekampagne“ und „Millionen“ Zuschauer. Hauer hatte nie eine Episode von Frank Rosins „Ein Sternekoch räumt auf“ gesehen. „Was ich damals nicht gewusst habe: Das Format ist darauf ausgelegt, dass du der Blöde bist und dir gezeigt werden soll, wie man ein Restaurant führt“, sagt er.

Fürs Fernsehen soll Sommer sein

Er mustert sein ehemaliges Restaurant und erinnert sich. Januar 2012, Winter vor der Cala Agulla, die Straße leer. Doch fürs Fernsehen soll Sommer sein. Das Personal sitzt in der Sonne, weil der Laden für den Dreh geschlossen ist. In der Sendung wirkt es später so, als würde das Team faulenzen.

Herbert Hauer erzählt von dem „Probeessen“. 40 Gäste in drei Stunden. Die Produktion castet sie kurzerhand von der Straße. In der Küche herrschen Enge und Hektik, Kameras stehen im Weg. Hauer fährt in den Supermarkt, kauft Schweinerücken zu Endverbraucherpreisen, im Winter liefern Großhändler nicht am selben Tag. Die Scheinwerfer grillen ihn. Dann die Frage nach seinem Umsatz, die Mikrofone sind eingeschaltet. „Soll ich hier eine Selbstanzeige fürs Finanzamt machen oder was?“, fragt er. Die Stimmung kippt. Von da an ist er der „Unbelehrbare“. Der, der nicht mitspielt.

"Herbert, mach uns bitte wieder deine Paella"

In der Küche wird Paella gekocht. Frank Rosin will zeigen, wie es geht. Er setzt eine 40-Liter-Pfanne an. Das Ergebnis im Fernsehen sieht gut aus, aber für Profi Hauer ist es eine „Pampe“. Rosin dekoriert schöne Muscheln obendrauf, für das Bild. Die Stammgäste, die später kommen, sagen: „Herbert, mach uns bitte wieder deine Paella.“

Rosin hält eine Wutrede über tomate triturado, passierte Büchsentomaten, nennt sie minderwertig. Ein Sakrileg. Hauer grinst heute: Er weiß, dass Rosin beim Abschiedsessen genau dieses „Dosenfutter“ verwendet hat. Er hat es nur umgefüllt, damit man das Blech nicht sieht. Am Ende gab es sechs Prozent Marktanteil, eine Einschaltquote über dem Senderschnitt: 1,44 Mio. Und für Hauer? Einen Aha-Moment. Die Teilnahme war ein Fehler.

2016 wird die Welt leiser

Was geschah danach? 2016 wird die Welt leiser. Margit stirbt. Ohne sie wird das Brisas zu einem Gebäude ohne Seele. Hauer zieht aus der großen Wohnung aus, drei Schlafzimmer sind zu viel Platz für einen allein. Das Restaurant wird schließlich Ende 2023 verkauft. Zuletzt hatte es seine Tochter geführt. Die Freiheit, für die er 1999 kam, fühlt sich jetzt anders an. „Es ist alles so reguliert geworden. Alles so europäisch“, sagt er.

2026, zurück in Sa Coma, seinem Wohnort an der Ostküste. Die BMW-Tür fällt ins Schloss. Herbert Hauer schaut geradeaus auf die Straße. Er hat alles gesagt. Er weiß, dass er im Fernsehen verloren hat. Hauer zieht ein letztes Mal an seiner Gauloises und grinst. Er weiß, was die Zuschauer nicht sahen. Für das Gesicht, das er der Welt heute zeigt, trägt er die Verantwortung. Es ist das Gesicht eines Mannes, der mit sich im Reinen ist – gelassen wirkt es. Und mit einem Lächeln auf den Lippen.

Ihre Geschichte gesucht!

Vom Mutausbruch bis zum MallorcaWahnsinn: Wir suchen Menschen, die ihre ganz persönliche Auswanderer-Story mit uns teilen wollen. Sind Sie unser nächster „Insel-Influencer“? Wir freuen uns über Ihre E-Mails an leserforum@ mallorcazeitung.es

Abonnieren, um zu lesen

Tracking Pixel Contents